Auf Twitter wäre er ein Star – Otto Jägersberg: Abendlätter

Von Tobias Lentzler

Tagesrationen von einem Altmeister: Der 82-jährige Schriftsteller Jägersberg hat einen neuen Band mit kurzen und kürzesten Erzählstücken vorgelegt. Tobias Lentzler hat ihn für seine erste Aufklappen-Kritik ausgewählt. Und er hätte einen Vorschlag zur beruflichen Veränderung für Jägersberg.

Kaufen bei:

Als „leicht schwankendes Naturtalent mit Schnurrbart“ blieb Diogenes-Verleger Daniel Keel der Schriftsteller Otto Jägersberg bei seiner ersten Begegnung in Erinnerung. Mit gerade einmal 22 Jahren hatte dieser am Rande der Frankfurter Buchmesse 1963 seinen ersten Roman „Weihrauch und Pumpernickel. Ein westphälisches Sittenbild“ bei Keels Verlag unterbringen können und ihm damit seinen ersten deutschsprachigen Erfolg beschert: Autorenkollegen wie Alfred Andersch, Erich Kästner oder Martin Walser waren voll des Lobes für den gelernten Buchhändler aus Münster-Hiltrup. Die Literaturkritik hingegen war gespalten. Von „pennälerhafter Originalitätssucht“, grammatikalischen Unzulänglichkeiten oder „Schreiben auf Pump“ war die Rede. Einige, wie Barbara Bondy in der ZEIT, lobten den Roman jedoch, nannten ihn „vergnüglich, sympathisch und originell“ – einschränkend merkte sie an, dass darin jedoch nicht unbedingt „bereits eine neue Hoffnung für die Weltgeltung der deutschen Literatur zu erblicken“ sei. Weltgeltung – was für eine Kategorie für einen Erstling.

Dazu muss man wissen: Im Jahr 1964 war das Annus mirabilis der deutschen Nachkriegsliteratur gerade einmal fünf Jahre her. 1959 erschienen in kurzer Folge Heinrich Bölls „Billard um halb 10“, Günter Grass‘ „Blechtrommel“ (ein Debüt) und Uwe Johnsons „Mutmaßungen über Jakob“ (wiederum ein Debüt). Mit diesen Romanen, die einen historischen Bogen vom Kaiserreich in das Wirtschaftswunder-Deutschland Ende der fünfziger Jahre schlugen beziehungsweise den Zweiten Weltkrieg und die deutsche Teilung exemplarisch verarbeiteten, fand die (west-)deutsche Literatur den Anschluss an die Nachkriegs-Moderne.

Jägersbergs erster Roman musste dagegen in seiner eng umgrenzten geografischen Ausrichtung zwischen Angelmodde, Münster, Pleistermühle und Wolbeck wie eine Provokation wirken. Die Geschichte von Georg Holtstieges Aufwachsen ist so unspektakulär wie Jägersbergs Sätze. Egal ob wir bei Georgs Zeugungsakt dabei sind („Der Mann war stark, seine Handlungen geschahen bedächtig und überlegt, doch in der Ausführung bewies er Lebhaftigkeit“) oder Jägersberg die Dorfkirmes beschreibt („Am Bierausschank standen die Männer der freiwilligen Feuerwehr und löschten den ersten Brand“), immer haben diese einen beiläufigen Witz mit bitterem Beigeschmack. Man wundert sich wie sie es vermögen, einem noch heute die Welt aufzuschließen und deshalb einlösen, was der Autor verspricht: Ein Sittenbild.

Nach einem zweiten Roman, „Söffchen oder Nette Leute“ (1967) und einer Zeit beim Fernsehen – wo er etwa die Fernsehserie „Die Pawlaks“ (1982) über das Anwerben masurischer Arbeiter für das Ruhrgebiet Ende des 19. Jahrhunderts beschrieb – beschränkte Jägersberg sich weitgehend auf Kurz- und Kürzestbetrachtungen. Diese druckt der Diogenes Verlag noch heute in erfreulicher Treue.

Sein neuestes Buch heißt „Abendblätter“ und versammelt 134 unbetitelte Notizen. Manche Geschichten sind nur einen Satz lang, andere füllen zwei bis vier Seiten. Man ist versucht, diese Texte eilig zu überfliegen. Doch dann wirken sie unzugänglich. Ihre Kunst ist es, eilig hingeworfene Vorläufigkeit zu simulieren und dabei doch präzise den Alltag von Zug in der Schweiz bis Big Bend in Wisconsin zu durchmessen. Der Autor weiß genau, dass die kurze Form den Leser am meisten fordert, da er die gelassenen Lücken selbst aus seiner Fantasie auffüllen muss. An der kürzesten Geschichte des Buches „Freiheit ist immer vorläufig“ rätselt man daher länger herum.

In einem anderen Text macht Jägersberg sich Gedanken über die richtige Bezeichnung für seinen Beruf: „Dichter ist eine Ehrenbezeichnung, man verwende das Wort sparsam, bei häufigem Gebrauch knickt das Wort Dichter unter seiner ironischen Last zusammen. (…) Schriftsteller klingt so handwerklich, wie einer, der am Setzkasten steht. Am ehesten ist Autor zutreffend, da ist der Urheberanspruch drin enthalten“. Der Autor ist für Jägersberg ein Materialsammler, der „immer dienstlich unterwegs“ sei. Und genauso verhält er sich. Überall findet der Materialsammler Jägersberg Gegenstände, die ihn zu einer eingehenden Betrachtung anregen. Er greift hinein ins volle Menschenleben, spottet oder wundert sich. So widmet er dem Schicksal des Vormärz-Dichters Georg Herwegh („Er war ja mal der größte Dichter aller Zeiten. Goethe war nix dagegen“) eine der längsten Geschichten oder streift das Schicksal der Alamannen nach ihrer Niederlage gegen die Franken („Die Alamannen wurden dann auch noch anfällig für die Reformation, für Pietisten, Wiedertäufer …“). Immer wieder hat man als Leser das Gefühl, mehr wissen zu wollen, ertappt sich beim parallelen Googeln auf dem Smartphone.

Daher liest man die „Abendblätter“ nicht in einem Rutsch. Sie sind Tagesrationen, die erstaunlich gut in unsere, von kurzen Aufmerksamkeitsspannen geplagte Gegenwart passen. Und weil sie einem in Form von Notizen begegnen, stellt man auch nicht die höchsten literarischen Ansprüche an die Texte, sondern lässt sich gerne von ihnen anregen. Manchmal ertappt man sich beim Lesen bei einem verwegenen Gedanken: Otto Jägersberg sollte twittern. Auf Twitter wäre er ein Star.


Otto Jägersberg: Abendblätter
Diogenes 2024
173 Seiten / 25 Euro

Kaufen bei:
#suppoertyourlocalbookstore

Foto: kreatiker/pixabay.com

Hinterlasse einen Kommentar