Bericht eines Traumas – Abbas Khider: Der Erinnerungsfälscher

Von Veit Lehmann

Fälschen lässt sich vieles: Kunstwerke, Diamanten, Fotos und Pässe. Das Handwerk des Fälschens ist so universell geworden, dass Begriffe von Wahrheit und Unwahrheit zunehmend verschwimmen. Doch wer seine eigene Erinnerung fälschen will, der muss ein Künstler sein, getrieben vom Versuch einer Vergangenheit zu entfliehen, die zu schmerzhaft ist, um ertragen zu werden. Abbas Khider erzählt von solch einem Erinnerungsfälscher.

„Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft“ heißt es in Netflix‘ How to become a Tyrant, einer nervös geschnittenen Doku-Serie, die man beim Abendessen auf dem Laptop sehen kann. Doch was, wenn es die Vergangenheit ist, die einen kontrolliert? Abseits von Totalitarismus-Theorien und Fake-News Diskussionen beschreibt Abbas Khiders Der Erinnerungsfälscher die Macht des Traumas und die wundersame Kraft des Vergessens und Erfindens.

Said Al-Wahid sitzt im ICE nach Berlin, als ihn die Nachricht vom nahenden Tod seiner Mutter im Irak erreicht. Wohl zehn Jahre liegen zurück seit seinem letzten Besuch in der Heimat und etwa noch mal so viele seit seiner Flucht. So genau weiß er es nicht mehr; es ist viel passiert und aus dem mittellosen Flüchtling von damals ist derweil ein Autor und Familienvater geworden, der in einem Illy Café in Berlin für deutsche Tageszeitungen Texte verfasst. Doch seinen Reisepass trägt Said immer bei sich, so, als traute er diesem Leben nicht. Auf seiner Reise ans Sterbebett seiner Mutter dringen die Erinnerungen an Flucht, Gefahr und Demütigungen wieder in sein Gedächtnis. Da sind seine drohende Abschiebung aus Deutschland, eine Hinrichtung in Bagdad und sein Stiefbruder Watan, der von einer Bärin vergewaltigt und gefressen wurde, so glaubten sie es als Kinder.

Saids Erinnerungen sind nicht stringent, nicht chronologisch und keinesfalls verlässlich. Er weiß es und er hat das Schließen seiner Erinnerungslücken zur Kunst erhoben: Er ist ein meisterhafter Erinnerungsfälscher. Dieses Talent lässt ihn Texte schaffen, die einem Publikum verständlich sind, die nichts mehr von Tod und Verfolgung wissen: „Jede Zombie Serie kommt den Menschen in Deutschland emotional näher.“ Doch die eigenen Leerstellen in seinem Kopf kann er niemals mit friedfertigen Erinnerungen schließen, nur mit vageren, unbestimmteren. Wie die Taube auf dem Buchcover scheint Said über dem Schrecken zu schweben. Das Leitmotiv des Romans begegnet ihm dreimal in Form von Patrick Süskinds Novelle Die Taube und Said erinnert sich, vielleicht, dass sie nicht immerwährenden Frieden, sondern den Einbruch in die eigene geschützte Welt verkündet.

Was aus anderer Feder ein anklagender, überwältigender Roman hätte werden können, ist bei Abbas Khider ein nüchterner, kurzer Bericht. Und er, der er in den Folterkellern Saddam Husseins noch weitaus Schlimmeres erlebt hat, spielt nicht mit der Gravität des Autors. Das ist ihm nicht hoch genug anzurechnen. Ob das Geschehen nun dem Protagonisten selbst widerfahren ist oder nicht, ist gleichgültig. Man weiß, dass es tausendfach geschehen ist und geschieht. Es ist diese Zurücknahme des Individuums ganz frei von Selbstmitleid, die den Text so eindringlich macht und über das Gewöhnliche hebt. Am Ende weint Said am Bett seiner Mutter.

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Abbas Khider: Der Erinnerungsfälscher
Hanser 2022
128 Seiten / 19 Euro

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Foto: kieutruongphoto / pixabay.com

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