Die Möglichkeit einer Insel – Ist das „geistigste aller deutschen Seebäder“ bedroht?

Nicht erst seit Lutz Seilers fabelhaftem Roman ‚Kruso‘ ist Hiddensee ein literarischer Sehnsuchtsort. Etliche Schriftsteller, aber auch Maler, Schauspieler und andere Künstler fühlten sich von der Weltabgeschiedenheit, der Landschaft und dem Meer angezogen. Viele von ihnen haben der Insel ein Denkmal errichtet, haben ihre Schönheit besungen oder auf die Leinwand zu bannen versucht. Was ist es aber genau, was die Leute auf der Insel suchen? Und droht es wirklich zu verschwinden?

Das Bergerlebnis – Amanda Lasker-Berlin: Elijas Lied

Wann waren Sie zuletzt mit Ihren Geschwistern wandern? Vielleicht sollten Sie zuerst das Romandebüt von Amanda Lasker-Berlin lesen, bevor Sie zu einer solchen Unternehmung aufbrechen. Im Laufe der Zeit können sich Geschwister – in diesem Fall drei Schwestern – in sehr unterschiedliche Richtungen entwickeln. Von der scheiternden Suche nach Verständigung erzählt ‚Elijas Lied‘.

Interview: Auf eine Zigarette mit Christian Kracht

Nachdem Kracht aus seinem Roman ‚Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten‘ gelesen hatte, fragte ich den hinter Plexiglas sitzenden Autor, ob ich für einen Bericht auf dem Blog noch ein Foto von ihm machen dürfte. Er war gerne bereit, wollte nur noch die Signierwünsche des Publikums bedienen. „So, jetzt brauche ich aber erstmal eine Zigarette“, stand er auf. „Kommen Sie doch mit. Ein Foto oder ein Interview?“ Darauf war ich nicht vorbereitet. Mein Mund wurde schlagartig so trocken – hätte ich auch geraucht, die Zigarette wäre an meinem Zahnfleisch kleben geblieben. „Ja, gerne ein Interview“, sagte ich und suchte mit zitternder Hand nach der Sprach-Memo-App auf meinem Handy. Beinahe hätte ich Kracht gefragt, wo sie zu finden ist. 

Der schwarze Streifen des Regenbogens: Leona Stahlmann – Der Defekt

Wenn mit dem Regenbogenbanner für die Gleichberechtigung aller sexuellen Identitäten demonstriert wird, fehlt die Farbe Schwarz. Leona Stahlmann möchte, dass sich das ändert. In ihrem Debütroman erscheint BDSM als jene dunkle Schattierung von Sexualität, die unter der grellen Oberfläche von Hardcorepornos und Schmuddelliteratur ein Dasein im Verborgenen fristet. Auf der Suche nach Zwischentönen verzettelt sich dieser Erstling.

„Man kann doch Menschen nicht nur nach Geschlechtsteil unterscheiden“ – Marcel Reich-Ranicki und die Frauen

Marcel Reich-Ranicki ist ein toter weißer Mann. Zu Lebzeiten war er für viele Jahrzehnte eine der einflussreichsten Figuren im deutschen Literaturbetrieb. Wer danach fragt, warum Frauen und Männer noch immer nicht zu gleichen Teilen im literarischen Leben der Bundesrepublik repräsentiert werden – und diese Frage wird in unseren Tagen oft und laut gestellt –, landet schnell bei angeblich frauenfeindlichen Patriarchen. Geradezu als Archetyp wird dabei Marcel Reich-Ranicki gesehen. Unwissen und populäre YouTube-Videos tragen bis heute dazu bei, dass sich dieses üble Klischee hartnäckig hält. Eine Klarstellung.

11.000 Meter unter dem Meer – Jasmin Schreiber: Marianengraben

Es ist nicht leicht, über Jasmin Schreibers Romandebüt zu schreiben. Zumindest wenn es um eine einigermaßen nüchterne Analyse gehen soll. Zu nah rückt einem dafür diese Abschiedsgeschichte aus der Sicht einer jungen Frau, die gerade ihren zehnjährigen Bruder verloren hat. Jedoch – und das ist die Kunst dieses fabelhaften Romans – sind wir damit bereits mitten im Thema. ‚Marianengraben‘ erzählt von tiefer Verzweiflung, von der Angst vor zu viel Nähe und von der Überwindung dieser Angst, die die Rückkehr ins Leben bedeutet.

Sei doch einfach mal du selbst – Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite

Die letztjährige Bachmannpreisträgerin Birgit Birnbacher hat einen Roman über die Mangelhaftigkeit von Maßnahmen zur Eingliederungshilfe geschrieben. Die Angebote, die einem entlassenen Gefangenen nach verbüßter Haftstrafe den Weg in die Freiheit ebnen sollen, erscheinen darin als weltfremd und weitgehend sinnlos. Eine gute Idee. Aber leider kein guter Roman.

Zur Systemrelevanz des Fürstentums Liechtenstein – Benjamin Quaderer: Für immer die Alpen

Der Begriff „Systemrelevanz“ wird gerade neu definiert. Nachdem der Kulturbetrieb darauf gedrängt hat, genauso wie Lebensmittelgeschäfte, Apotheken und Arztpraxen zur Daseinsvorsorge zu gehören, sind auch die Buchhandlungen wieder offen. Das Buch ja, die Buchhandlung ja, die Literatur ohnehin – doch wie verhält es sich mit dem einzelnen Schriftsteller? Diese Frage stellte Benjamin Quaderer auf Twitter, indem er von seinen Followern wissen wollte, ob sie ihn für systemrelevant hielten. Immerhin 100 „gefällt mir“ meinende Herzen erhielt der Tweet bis heute. Wenn es nicht eine dreiste Anmaßung wäre, könnten wir nun sein Buch zur Hand nehmen und nach sorgfältiger Prüfung über die Systemrelevanz seines Autors entscheiden.

Ein lauwarmer Schrei nach Liebe – Leif Randt: Allegro Pastell

‚Allegro Pastell‘ ist ein merkwürdiges Buch. Obwohl es weder sprachlich noch inhaltlich Außergewöhnliches bietet, hat es in der Literaturkritik heftigste Erregungen ausgelöst. Ijoma Mangold nennt es in der ZEIT „definitiv eines der wichtigsten Bücher der deutschen Gegenwartsliteratur“ und stellt gar in Aussicht, „eine neue Jugendbewegung“ könne daraus entstehen. Andere Kritiker fühlen sich so sehr von den Figuren der Randtschen Welt provoziert, dass sie ihnen an den Hals wünschen, es mit „Problemen zu tun [zu] bekommen, die nicht alle unmittelbar nur etwas mit ihrer eigenen Empfindsamkeit zu tun haben“. Woher kommt diese Erregung? Was macht diesen Roman so atemberaubend gut – und so verdammt traurig?

Werk ohne Autor – Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder

Norbert Paulini hat sich radikalisiert. Die Hauptfigur in Ingo Schulzes neuem Roman ist einer jener hasserfüllten Abgehängten, von denen dieser Tage so viel zu hören ist. Aber ist er das wirklich? Ja und nein. Einerseits geht es 30 Jahre nach der Wende tatsächlich noch einmal um die untergegangene DDR und um jene, die vom Wandel in die Knie gezwungen worden sind. Andererseits nähert sich Schulze seiner exzentrischen Romanfigur über drei grundverschiedene Erzählperspektiven, sodass am Ende keine Gewissheit mehr übrigbleibt. Höchstens eine: Dieser Roman ist unvergesslich.