„Im Irak feiert man den Tod mehr als jedes andere Ereignis“ – Usama Al Shahmani: Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt

Von Matthias Fischli

Überdurchschnittlich viele Bücher, die wir bei Aufklappen besprechen, thematisieren Fluchterfahrungen: Flucht vor patriarchalen Strukturenaus der Stadtvor der Vergangenheit; und immer wieder vor Kriegen und politischer Verfolgung: in Jugoslawienim Iranim Irak. Das jüngste Werk in dieser Reihe stammt von Usama Al Shahmani, einem größeren Publikum bekannt aus dem Schweizer Literaturclub. Es folgt inhaltlich den Stationen, die Abbas Khider im Palast der Miserablen vorgezeichnet hat, sticht aber durch eine große Nüchternheit im Ausdruck hervor.

Der Schatt al-Arab, Grenzfluss zwischen Irak und Iran, brannte sich ab 1980 ins kollektive Gedächtnis der westlichen Weltöffentlichkeit ein. Selbst im Hinterland von Maine kannten die Schulkinder den fremden Klang dieses Namens. Der Irak kämpfte unter Saddam Hussein an den Ufern dieses Flusses im Ersten Golfkrieg gegen den Iran. Der Zweite Golfkrieg begann wenige Kilometer östlich, als der Irak 1991 Kuwait angriff, wieder auf Befehl von Saddam Hussein. 

Folgte eine Kriegsberichterstatterin dem Schatt al-Arab flussaufwärts bis zur Stelle, an der sich Euphrat und Tigris zu diesem breiten Strom vereinigten, kam sie durch schiitische Hoheitsgebiete. Die Schiiten lebten im weitläufigen Marschland zwischen den Strömen. Das Gebiet hiess al-Ahwar, „die Sümpfe“. Weil sie sich mitten im Krieg gegen die Zentralregierung in Bagdad auflehnten, entschied Saddam, den Sumpf trockenzulegen und das Wasser in einen dritten Fluss zu speisen. Aus dem gespaltenen Zweistromland wurde ein konfliktgetriebenes Dreistromland.

Al Shahmani berichtet: „Die gesamte irakische Armee war über Jahre damit beschäftigt, sie vertrieben die Einwohner aus ihren Dörfern, schleiften ihre Häuser, töteten ihre Tiere und verbrannten ihre kleinen Boote. Ein hoher Damm wurde gebaut, der das Wasser aus Tigris und Euphrat in einen künstlichen Kanal umleitete, ‚der dritte Fluss‘ genannt. Das ganze Gebiet wurde völlig entsumpft und ausgetrocknet, und das Regime zerstörte die Ewigkeit dieses Wassers und verwandelte es in verbrannte Erde. Als die Gänse kamen, fanden sie ihre Winterräume nicht mehr. Man habe ihre Schreie am Himmel von Weitem gehört. Was schnatterten sie einander zu? Dachten sie, dass die Gans an der Spitze die Richtung verfehlt hatte? Kehrten sie enttäuscht zurück?“

Nein. Jahr für Jahr kamen sie wieder, zogen ihre Kreise über der verbrannten Erde, bis zum Sturz von Saddam. Da wurde der Damm zerstört, das Marschland wiederhergestellt, die Gänse zogen sich in ihr altes Habitat zurück. Diese titelgebende Episode im jüngsten Werk von Al Shahmani kann als Allegorie auf die wartenden Geflüchteten gelesen werden und greift damit ein Motiv aus Al Shahmanis letztem Roman auf, Im Fallen lernt die Feder fliegen. Darin beobachtete die geflüchtete irakischstämmige Aida, wie ihre Eltern sich schwertaten mit dem westlichen Alltag, wie Gänse über ihrem neuen Leben schwebten, es nicht akzeptierten und zurück wollten in ihre alte Heimat. Sie sahen keinen Sinn darin, die Sprache in ihrem Aufenthaltsland zu lernen oder einer Arbeit nachzugehen, denn sie befanden sich in einem Zwischenstadium, kreisten über der Möglichkeit, bald ihre Koffer zu packen und in den Irak zurückzukehren.

Auch Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt erzählt von Flucht und Exil. Dafer, ein junger Akademiker, der wegen eines regimekritischen Theaterstücks aus Bagdad fliehen musste und über die Türkei und Italien in die Schweiz gelangte, kennt die Sehnsucht nach der Heimat auch. Sie erlischt erst, als er, der nun als Reinigungskraft in einem Restaurant arbeitet, wegen Umbauarbeiten in die Ferien geschickt wird, seine Familie im Irak besucht und dort als Gast statt als Sohn empfangen wird. In der Schweiz ist er mit einem harten Asylverfahren und unverhohlenem Rassismus konfrontiert, für seine Arbeit schämt er sich, doch seine alte Heimat ist ihm fremder als die neue, besonders abstoßend die ständigen Attentate auf den Gemüsemärkten der Stadt und die Trauerfeierlichkeiten für die von Terroristen getöteten Soldaten. „Im Irak feiert man den Tod mehr als jedes andere Ereignis.“

Einsam in der Schweiz und noch einsamer im Irak, fasst sich Dafer ein Herz und entscheidet sich für das Exil. Die innere Zerrissenheit zwischen der neu gewonnenen Sicherheit und der versehrten Heimat löst sich auf, als er seiner Familie in Bagdad mitteilt: „Vielleicht denkt einer von euch jetzt, dass ich ein Europäer geworden bin und meine eigene Kultur vergessen habe. Lasst mich euch bitte erläutern, warum eure Haltung dem Westen gegenüber falsch ist.“ Er führt die funktionierenden Familienverhältnisse in der Schweiz als wichtiges Beispiel an und schließt mit den Worten: „Ich will euch damit sagen, dass die meisten Informationen, die die Leute im Irak oder in anderen islamischen Ländern über den Westen haben, nicht der Realität entsprechen.“

Die Absolution des Westens macht das Buch zu einer versöhnlichen Fluchtgeschichte. Die unaufgeregte Prosa trägt maßgeblich zum tröstlichen Charakter der Geschichte bei. Sie trägt die Erzählung und fließt leicht dahin wie die glatte Oberfläche von Euphrat und Tigris.

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Usama al Shahmani: Der Vogel zweifelt nicht am Ort, an den er fliegt
Limmat 2022
176 Seiten / 26 Euro

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Foto: unsplas.com

2 Kommentare zu „„Im Irak feiert man den Tod mehr als jedes andere Ereignis“ – Usama Al Shahmani: Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt

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