Ein lächelnder Blick in den Abgrund – Annika Büsing: Nordstadt

Von Meike Bogmaier

Nene ist Anfang zwanzig und Bademeisterin in der Nordstadt – dem Teil der Stadt, in dem Menschen mit Problemen und ohne Optionen wohnen. Eines Tages trifft sie Boris, der wegen Kinderlähmung seine Beine nicht richtig bewegen kann. Es beginnt eine Liebesgeschichte geprägt von Zweifeln, Misstrauen und starken Gefühlen, erzählt mit einer großen Portion Humor und Ironie.

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Eigentlich ist da nicht viel Handlung in Büsings Werk. Kennenlernen, verlieben, kurz trennen und wieder zusammenkommen. Eine ganz normale Lovestory eben. Interessant sind die Szenen zwischen der Haupthandlung. Die Abgründe, die sich auftun, wenn Nene von ihrem Alkoholiker-Vater spricht, der sie als Kind geschlagen hat. Wenn sie daran zurückdenkt, mit 17 auf einem Spielplatz von einem Bekannten vergewaltigt worden zu sein. Wenn sie mit Boris darüber witzelt, dass es Scheiße sein muss, Optionen zu haben, weil sich ihre wohlhabende Halbschwester über etwas Alltägliches beschwert. Wenn Boris davon erzählt, wie seine Mutter Impfgegnerin war und ihm nun 10.000 Euro vorenthält, die er bei einem Wettbewerb gewonnen hat. Sie will sie ihm erst geben, wenn er eine Ausbildung beginnt, jedoch findet er keine Stelle wegen seiner durch Polio entstandenen Lähmung.

Es sind diese kleinen Geschichten in der Geschichte, die Büsings Roman so besonders machen. Mit einem lächelnden Unterton erzählt sie von Grausamkeiten einfach so im Nebensatz und das derart warmherzig, dass es nicht mal schlimm zu lesen ist. Nicht wenige Male können sich Lesende dabei ertappen, über eine Textstelle zu schmunzeln, die vom Inhalt her nun wirklich nicht zum Lachen ist.

Die fiktive Nordstadt kann Sinnbild für so manches Viertel einer jeden Großstadt sein. Büsing zeigt durch das repetitive Aufgreifen der Schicksalsschläge ihrer Figuren, dass man bloß vor die eigene Haustür gehen muss, um unfassbares Unglück sehen zu können. Sie hat es geschafft, einige Schwächen der eigenen Gesellschaft unauffällig auffällig in ihren Roman einfließen zu lassen: Häusliche Gewalt, Armut, Depressionen, Angststörungen, Bildungsprobleme, Alkoholismus, sexualisierte Gewalt, die Spannweite unterschiedlicher Privilegien. Die Liste ließe sich weiter fortsetzen. Lakonisch und gleichzeitig humorvoll bringt Büsing Problemlagen an, über die man in unserer Gesellschaft nach wie vor nicht wirklich spricht.

Dabei ist das sich wiederholende Element die Ironie, deren Einsatz Büsing perfektioniert hat. Wenn beispielsweise in den unterschiedlichsten Kontexten der Satz fällt: „So nennen wir das manchmal: Optionen“, dann schafft dies eine Verbindung zwischen Thematiken, die vorher keine hatten. Die Auswahl des richtigen Outfits, wird zum Beispiel mit einem achselzuckenden, „[s]o nennen wir das manchmal: Optionen“, quittiert. Der gleiche Satz fällt allerdings auch im Zusammenhang mit dem ersten Kennenlernen der Mutter von Nenes Halbschwester. Diese wurde von dem Vater der beiden für Nenes Mutter verlassen. Und die Option, das andere Kind kennenzulernen, hatte Jahre lang nicht mal bestanden. Jetzt war sie da. In diesem Kontext hat das, „So nennen wir das manchmal: Optionen“, eher die Bedeutung von einem Sich-auf-ein-Niveau-Herablassen. Grundsätzlich weist Büsing aber hiermit daraufhin, dass Optionenhaben und Optionennutzen zwei unterschiedliche Paar Schuhe sind. Nicht jede Wahl gibt tatsächlich die Freiheit des Aussuchens. Nicht jede Situation ist vermeidbar und nach wie vor gibt es Menschen, auch in Deutschland, die einfach keine Wahl haben. Nicht mal die Illusion einer Option.

Letztlich bleibt zu sagen, dass Büsing es auf unvergleichliche Weise geschafft hat, an eine einfache Wahrheit zu erinnern: Es gibt Unterschiede zwischen arm und reich, zwischen bildungsfern und gebildet, zwischen Eine-Wahl-Haben und Keine-Optionen-Haben, zwischen einem gewaltfreien Leben und einem Leben in der Gewalt. Sie begegnet diesen schwerwiegenden Themen mit Leichtigkeit, Witz und Ironie, ohne dabei etwas schönzureden oder zu verschweigen. Annika Büsings Nordstadt ist zum Heulen realistisch, zum Lachen schön und hinterlässt ein dumpfes Gefühl der Betroffenheit, das nachhaltig wirkt. Ein rundum gelungenes Werk.

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Annika Büsing: Nordstadt
Steidl 2022
128 Seiten / 20 Euro

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Foto: pixabay.com

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