„Gott, der begnadete Trash-Regisseur“ – Hilmar Klute: Oberkampf

Zwischen dem Anschlag auf die Redaktion von ‚Charlie Hebdo‘ und dem auf das Bataclan lässt Hilmar Klute seinen zweiten Roman ‚Oberkampf‘ spielen. Seinen Helden Jonas hat er für ein Schriftsteller-Biographieprojekt nach Paris geschickt. ‚Oberkampf‘ ist der ambitionierte Versuch, aus der allerneuesten Geschichte Literatur zu formen. Gelingt das auf überzeugende Weise?

Des Hamsters Kern – Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet

In Zeiten nicht enden wollender, im eigenen Sumpf vor sich hindümpelnder TV-Serien sind es viele böse Vorurteile, die der Lektüre eines „fünften Teils“ vorausgehen. Es hat den Beigeschmack einer weiteren Zugabe, wenn einem längst schon die Hände vom Applaudieren schmerzen. Glücklicherweise ist Meyerhoffs neuer Roman ‚Hamster im hinteren Stromgebiet‘ mehr als ein bloßes Anknüpfen an bisherige Erfolgsrezepte, und darüber hinaus hochunterhaltsam.

Bergweh – Martina Altschäfer: Andrin

Wer kennt sie nicht, die Sehnsucht nach einem spontanen Exit aus dem Alltag: Ausbrechen aus dem Trott und plötzlich an einen heilen, schönen Ort springen. Martina Altschäfers Debütroman ‚Andrin‘ entführt die Protagonistin Susanne an einen solchen Flecken. Das Setting ist im wahrsten Sinne des Wortes gut und schön, aber der Funke springt nicht über. In erster Linie liegt das am Storytelling der Autorin, die hauptberuflich Malerin ist: Sie lässt durch Worte zwar Sehnsuchtsbilder entstehen, eine überzeugende Erzählung wird daraus aber leider nicht.

Eine heillose Jagd über die Grabstätten Europas – Leonhard Hieronymi: In zwangloser Gesellschaft

Leonard Hieronymi schickt seinen Erzähler über die Friedhöfe Europas, immer auf der Suche nach Gräbern verstorbener Schriftsteller, um diese vor dem Vergessen zu bewahren. Die Reise führt ihn zu verschiedenen Protagonisten der europäischen Literaturgeschichte. Was wir von diesen erfahren ist nicht viel, die meisten Informationen gleichen Randnotizen. Die Suche ist vielmehr ein Spektakel, das der Selbstinszenierung dient. Muss man das lesen?

Aus dem Beton – Christian Baron: Ein Mann seiner Klasse

Weniger nach der romantischen Liebe, als nach einer Erklärung für das ihm Widerfahrene sucht Christian Baron in seinem ersten Roman ‚Ein Mann seiner Klasse‘. Darin erzählt er die Geschichte einer tragischen Kindheit, die die seine ist. Davon, wie er und seine Familie unter Armut, Gewalt, Alkoholismus und der Ausgeschlossenheit aus weiten Teilen der sie umgebenden Gesellschaft litten. Davon, wie er dieser Welt entstiegen ist und was von dieser noch heute in ihm übrig ist.

Kampf um die Moderne – Mariam Kühsel-Hussaini: Tschudi

Berlin zur Jahrhundertwende. Die Stadt lebt, vibriert, pulsiert und mitten drin Hugo von Tschudi, Direktor der Nationalgalerie. Der Schweizer holt den französischen Impressionismus in die Hauptstadt des Deutschen Kaiserreiches und überschreitet damit in den Augen des Kaisers, der Deutschnationalen und konservativer Kunstliebhaber Grenzen. Die Grenzen zu Überforderung, Akzeptanz, Nationalismus – und allen voran zur Moderne. Zu einer neuen Zeit.

In alles Leben gierig hineinbeißen – Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik

Mit einem durch und durch unkonventionellen Buch hat es die 1985 geborene Schweizer Schriftstellerin Dorothee Elmiger auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft. ‚Aus der Zuckerfabrik‘ fällt aus der Reihe – Autorin und Lektor sind sich nicht einmal einig, ob es sich dabei um einen Roman handelt oder eher um einen Recherchebericht. Was ist das Anliegen ihrer Arbeit? Über eine Lektüre so anspruchsvoll wie faszinierend.

„Warum merkst du nicht, wenn jemand lügt?“ – Christine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand

Als der Orient noch ein Geheimnis war und weder Orientalismus noch Orientalistik sich formiert hatten, brach der nahe Bremen geborene Mathematiker Carsten Niebuhr zu einer Expedition nach Arabien auf. Christine Wunnicke hat eine Episode aus dieser Reise für ihren hinreißenden Abenteuer- und Ideenroman ‚Die Dame mit der bemalten Hand‘ ausgewählt. Sie lässt Niebuhr auf den persischen Astronomen Musa treffen und in ihren Köpfen einen wilden Tanz aus Geschichten und Gedanken aufführen. Herausgekommen ist ein rasend komisches, bildreiches und sehr intelligentes Buch über die Kraft des Erzählens und die Möglichkeit der Verständigung zwischen den Kulturen.

„Du fühlst dich aber gut integriert, oder?“ – Deniz Ohde: Streulicht

Zweifel am Nutzen von Bildung hält sich hartnäckig (und wird auffallend häufig von männlichen Kritikern geäußert). Sie verderbe den Naturzustand des Menschen (Rousseau), führe zur „Spaltung der Gesellschaft“ (O-Ton rechtskonservativer Wähler) oder zementiere in ihrer institutionalisierten Form soziale Ungleichheit (Aladin El-Mafaalani). Deniz Ohde widmet sich in ihrem Debütroman Streulicht dem Thema und lässt ihre Erzählerin um die Frage kreisen, warum sie so wurde, wie sie ist.