Das Ende der Diplomatie als Anfang des Erzählens – Nora Bossong: Schutzzone

In ihrem berühmten Fernsehinterview mit Günther Gaus erklärte Hannah Arendt, dass sie ihre Profession nicht als Philosophie, sondern vielmehr als Politische Theorie verstanden wissen wollte. Ihr Anliegen sei es, sich weniger an rein begrifflichen oder definitorischen Fragestellungen abzuarbeiten, sondern vielmehr den Versuch zu wagen, in der Pluralität der Perspektiven politische Entwicklungen einordnen und bewerten zu können und damit zu einer mündigen Bürgerin werden zu können. An Wirkung sei sie dabei nicht interessiert, denn Wirkung, so erläuterte Arendt vernichtend süffisant, sei ein doch ausgesprochen männliches Phänomen. „Wissen Sie, wesentlich ist für mich: Ich muss verstehen. Zu diesem Verstehen gehört bei mir auch das Schreiben. Das Schreiben ist, nicht wahr, Teil in dem Verstehensprozess“.

„Man kann doch Menschen nicht nur nach Geschlechtsteil unterscheiden“ – Marcel Reich-Ranicki und die Frauen

Marcel Reich-Ranicki ist ein toter weißer Mann. Zu Lebzeiten war er für viele Jahrzehnte eine der einflussreichsten Figuren im deutschen Literaturbetrieb. Wer danach fragt, warum Frauen und Männer noch immer nicht zu gleichen Teilen im literarischen Leben der Bundesrepublik repräsentiert werden – und diese Frage wird in unseren Tagen oft und laut gestellt –, landet schnell bei angeblich frauenfeindlichen Patriarchen. Geradezu als Archetyp wird dabei Marcel Reich-Ranicki gesehen. Unwissen und populäre YouTube-Videos tragen bis heute dazu bei, dass sich dieses üble Klischee hartnäckig hält. Eine Klarstellung.

11.000 Meter unter dem Meer – Jasmin Schreiber: Marianengraben

Es ist nicht leicht, über Jasmin Schreibers Romandebüt zu schreiben. Zumindest wenn es um eine einigermaßen nüchterne Analyse gehen soll. Zu nah rückt einem dafür diese Abschiedsgeschichte aus der Sicht einer jungen Frau, die gerade ihren zehnjährigen Bruder verloren hat. Jedoch – und das ist die Kunst dieses fabelhaften Romans – sind wir damit bereits mitten im Thema. Marianengraben erzählt von tiefer Verzweiflung, von der Angst vor zu viel Nähe und von der Überwindung dieser Angst, die die Rückkehr ins Leben bedeutet.

Sei doch einfach mal du selbst – Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite

Die letztjährige Bachmannpreisträgerin Birgit Birnbacher hat einen Roman über die Mangelhaftigkeit von Maßnahmen zur Eingliederungshilfe geschrieben. Die Angebote, die einem entlassenen Gefangenen nach verbüßter Haftstrafe den Weg in die Freiheit ebnen sollen, erscheinen darin als weltfremd und weitgehend sinnlos. Eine gute Idee. Aber leider kein guter Roman.

Quallenqual unter der Sonne – Joshua Groß: Flexen in Miami

Flexen: Dem Duden entnimmt man ‚trennschleifen‘, die Süddeutsche Zeitung schreibt ‚angeben‘, aber auch ‚posen‘ oder ‚hart rappen‘ und gibt damit Auskunft über die Bedeutung in der Jugendsprache. In Joshua Groß’ neuem Roman ‚Flexen in Miami‘ lesen wir von einem jungen Mann, dem es durch ein Schriftsteller-Stipendium ermöglicht wird, sorglos die Tage in Miami zu verleben. Es geht ihm eigentlich gut, doch weiß er nicht recht wohin mit sich. Während er selbst in Wollsocken die Klimaanlage anflext, müsste ein Trennschliff seinem Klotz vor dem Kopf beikommen.

Es gibt keinen unbesiegbaren Gegner – Verena Güntner: Power

In letzter Zeit erwecken starke weibliche Charaktere an der Schwelle zum Erwachsenenalter immer wieder die Aufmerksamkeit der Literaturkritik. Doch keine junge Frau taugt so gut zum Vorbild wie Verena Güntners Heldin Kerze. Mit dieser literarischen Figur erhalten Kinder endlich eine mächtige, zeitgemäße Fürsprecherin. Die Generation Alpha darf aufatmen.