Erinnerungsauslösendes Moment – Daniela Engist: Lichte Horizonte

Die Begegnung von Schriftstellerin Anne mit Stéphane, einem französischen Chansonnier, ist für Anne das erinnerungsauslösende Moment, das Daniela Engist zum Ausgangspunkt ihres neuen Romans ‚Lichte Horizonte‘ macht. Darin beschreibt die Autorin nicht nur, was mit Erinnerungen passieren kann, sie geht weiter und schreibt darüber, wie dadurch Geschichten entstehen und wieviel von der Autorin in diesen zu finden ist.

„Ein Grauer unter bunten Vögeln“ – Monika Helfer: Vati

Wenig ist so ambivalent wie die eigene Familie, die sich zugleich heimisch anfühlt und doch immer etwas Rätselhaftes behält. Die Auseinandersetzung mit ihr und die Positionierung zu ihr sind Fragen, die zeitlos sind und uns ein Leben lang begleiten. Monika Helfer nimmt uns mit auf eine Reise durch Kindheitserinnerungen und Familienlegenden. Damit erschafft sie nicht nur ein liebevoll nostalgisches Bild ihres Vaters, sondern eine sensible Beschreibung der besonderen Beziehung zwischen Kindern und Eltern.

Hello darkness, my old friend – Till Raether: Bin ich schon depressiv, oder ist das noch das Leben?

Till Raethers neues Buch handelt „Vom Liegenbleiben und Schämen“. Es ist das ganz persönliche Liegenbleiben, über das er schreibt, eine detaillierte Darstellung des eigenen Leidenswegs auf der Suche nach einem angemessenen Umgang mit seiner Depression. Er reiht sich damit ein in die Riege von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die es sich zum Ziel gemacht haben, Depressionen aus dem Tabu hinaus und mitten in die Gesellschaft zu holen. Das ist lobenswert, aber in manch verkürzender Tendenz nicht unproblematisch.

Jugendstil – Benedict Wells: Hard Land

Der neue Coming-of-Age-Roman von Benedict Wells um vier High School Kids aus einer Kleinstadt in Missouri ist derart mit Klischees und Peinlichkeiten vollgestopft, dass man eigentlich schon nach wenigen Seiten genug davon hat. Doch dann liest man weiter und kann nur noch staunen. Denn hier sitzt jedes Klischee, jede Peinlichkeit ist genau an die richtige Stelle gesetzt. Selten gab es einen Roman über das Erwachsenwerden mit glaubwürdigeren und lebendigeren Figuren.

Interview: „Leben ist, Schaden zu nehmen“

Till Raether arbeitet als freier Journalist und Kolumnist unter anderem für die Frauenzeitschrift Brigitte und das SZ-Magazin. Zudem hat er mehrere Romane veröffentlicht. Sein neustes Buch ist ein Bericht über seine persönlichen Erfahrungen mit Depressionen, und die Schilderung seines Umgangs damit. Die Psychologin Britta Mathéus spricht mit ihm im Interview über die gesellschaftlichen Aspekte der Krankheit, die Bedeutung der Diagnose und den Prozess der Verantwortungsübernahme.

Kopflos ins Abenteuer – Jan Koneffke: Die Tsantsa-Memoiren

„Unsere Köpfe würden eine schöne Trophäe abgeben, wenn nicht sogar eine begehrte“, schrieb der U.S. Amerikaner Fritz Up de Graff über sein Zusammentreffen mit Jívaro-Kriegern im Jahr 1894 in Ecuador. Spätestens seit seinem Reisebericht, in dem sich Fiktion und stereotype Zuschreibung mit tatsächlich Erlebtem vermischen, geistern Schrumpfköpfe durch die Literatur. Jan Koneffke macht sie nicht nur zum Gegenstand der Erzählung, sondern zum Erzähler selbst: In ‚Die Tsantsa-Memoiren‘ berichtet der Schrumpfkopf Tato in vier Teilen von seinem langen „Leben“.

„Das ist jetzt unser Land, ihr Sumpfgeburten.“– Franzobel: Die Entdeckung Amerikas

Es gibt das bunte Programm, das anspruchsvolle Programm, und dann gibt es noch das „übliche Programm“. In Franzobels historischem Roman zur ersten Nordamerikaexpedition bedeutet das: Indigene bekehren, Indigene schlachten, durch Sumpfwälder stapfen. Tag um Tag, Seite um Seite – wie eintönig! Kann Fabulierlust und Sprachspiel diese Monotonie aufbrechen?