Beim Hinauf- und Hinabfahren der Alb – Bov Bjerg: Serpentinen

Im FAZ Bücher-Podcast bereits vor seinem Erscheinen gehypt, in der ZEIT gefeiert, von Denis Scheck für seine außerordentliche sprachliche Qualität gelobt: ‚Serpentinen‘ ist das Buch der Stunde. In der Tat beeindruckt der Roman mit seinen Innenansichten aus der Seele eines verzweifelten Mannes, der aus Furcht vor Selbstmord über die Tötung seines Sohnes nachdenkt. Doch der mit heißem Furor vorgetragene Rundumschlag des leidenden Helden gegen eine durch und durch verdorbene Welt erweist sich als enttäuschend eindimensional.

Interview: Von Texten und Textilien

Freiburg im September 2020. Die Universitätsstadt scheint sich an die neue Normalität der Corona-Pandemie gewöhnt zu haben. Während die Universität geschlossen bleibt, sind die Straßencafés der Innenstadt gut besucht. Susanne Bader, Geschäftsführerin der berühmten Buchhandlung „Zum Wetzstein“, hat im vergangenen Jahr ihr Geschäft in seiner bekannten Form geschlossen, während des Lockdowns grundlegend renoviert, um seit diesem Sommer nun ein neues und schlankeres Konzept zu verfolgen. Ein Gespräch über die Geschichte des Wetzsteins und die in neuen Zusammenhängen gedachte Buchhandlung der Zukunft, über wünschenswerte Langsamkeit im Literaturbetrieb und über Jan Böhmermanns Medienkritik.

Für Heimat und Volk – Ronya Othmann: Die Sommer

Ronya Othmanns autobiographischer Roman ‚Die Sommer‘ erzählt die Entwicklungsgeschichte eines deutsch-kurdischen Mädchens und überzeugt sprachlich und inhaltlich – hierin sind sich die Rezensionen einig. Doch wer hat das hervorragende Debüt der Autorin zu Ende gelesen und in seiner Radikalität erfasst? Othmanns Werk ist weit mehr als eine Mahnung, die kurdischen Jesiden und ihren Existenzkampf nicht zu vergessen, und bietet reichlich Diskussionsstoff.

Völlig losgelöst von der Erde – Daniel Mellem: Die Erfindung des Countdowns

10, 9, 8… bis es soweit war und nur noch runtergezählt werden musste, bevor die Rakete zum Mond endlich starten konnte, hatte die Idee schon eine lange und wechselvolle Geschichte hinter sich. Wer hätte etwa gewusst, dass sie in den Nullerjahren des 20. Jahrhunderts am Flüsschen Kokel in Siebenbürgen beginnt? Daniel Mellem hebt den Raketenpionier Hermann Oberth in seinem Debütroman aus den Tiefen des Vergessens und widmet sich seinem tragischen Leben voller Visionen und Fehlschläge.

In den Augen der Andern – Andreas Heidtmann: Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde

‚Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde‘ ist keine literarische Revolution. Es ist jedoch das gelungene Porträt eines Jugendlichen und zugleich einer Generation. Feinsinnig und einfühlsam zeichnet Andreas Heidtmann das mitreißende Bild eines Lebensabschnittes, der verwirrender nicht sein könnte und dementsprechend eine unerschöpfliche Quelle literarischer Biografiearbeit darstellt.

Sie will doch nur spötteln – Lisa Eckhart: Omama

Lisa Eckhart war in der jüngsten Zeit Gegenstand hitziger Debatten darüber, wo die ethischen Grenzen der Satire zu ziehen sind. Einmal mehr stehen sich dabei die Befürworter uneingeschränkter Kunstfreiheit und die Streiter für identitätspolitische Sensibilität offenbar unversöhnlich gegenüber. Unwohl wird einem, wenn die öffentlichen Diskussionen zu Einschränkungen des Wirkens der Beteiligten führen. In diesen emotional aufgeladenen und moralisch hochsensiblen Zeiten verschwimmen die Grenzen zwischen Kunst als zuspitzendem Reflexionsmedium der Gesellschaft und dem wirklichen Leben zunehmend. Die eigene Befindlichkeit vieler Rezipienten oder deren Betroffenheit gegenüber anderen sozialen Gruppen wiegt schwerer als die Beachtung von Genrekonventionen. Nun hat Eckhart ihr – gewiss oft derbes – Kabarett erstmals in einen Roman gepackt. Muss man sich angegriffen fühlen? Und kann Kabarett in Romanform gelingen?

Wann ist ein Mann ein Held? – Monika Maron: Artur Lanz

Wenn Monika Maron einen neuen Roman veröffentlicht, ist das immer noch ein Großereignis. Die Autorin wird interviewt, es gibt zahlreiche Besprechungen und auf Twitter brüstet man sich damit, den Roman nicht lesen zu wollen. Dass dafür nicht nur literarische Gründe, sondern vor allem auch politische verantwortlich zu machen sind, versteht sich. Lohnt sich die Aufregung um ‚Artur Lanz‘? Wir finden, ja!

Die Stadt, die niemals schläft – Thorsten Nagelschmidt: Arbeit

Wenn man sich abends zum Ausgehen trifft, dann fragt man sich selten, welche Menschen einem diese Zeit überhaupt erst ermöglichen. Das persönliche Glück, die Freude stehen dabei im Vordergrund. Dabei sind es zahlreiche Menschen, die für diese schönen Zeiten garantieren – und die da sind, wenn sie kippen. Barkeeperinnen, Türsteher, Kioskbetreibende, Polizisten, Krankenhauspersonal, Tram- und Taxifahrerinnen und all die anderen. Thorsten Nagelschmidt hat einen Berlin-Roman vorgelegt, der die Sicht von diesen arbeitenden Menschen einnimmt und in einer Nacht zusammenfließen lässt. Und leider deshalb so konstruiert wie voraussehbar herüberkommt.

„Herzliche Hölle“ – Abbas Khider: Palast der Miserablen

Der Irak dringt immer wieder in unser Leben. In Deutschland, Österreich und der Schweiz liefert ein illustrer Reigen im Irak geborener Autorinnen und Autoren mit großer Regelmäßigkeit Exilliteratur in deutscher Sprache: die Romancière Karosh Taha, die Kriminalautorin und Lyrikerin Susanne Ayoub und der Schriftsteller Usama Al Shahmani, um nur die Wichtigsten zu nennen. Abbas Khider überstrahlt sie alle.