„Die Spuren, die er gelegt hat“ – Zum 80. Geburtstag von Thomas Bader

Wirklich nahegekommen ist Thomas Bader kaum jemand. Selbst bei langjährig vertrauten Kunden und Gesprächspartnern wahrte der Buchhändler „die Eleganz der Distanz“, wie es Karl-Heinz Ott anlässlich des Abschiedsabends für Thomas Bader einmal ausdrückte. Wer war also der 2014 verstorbene, langjährige Inhaber der Buchhandlung zum Wetzstein? Eine Spurensuche in Dokumenten und Berichten von Weggefährten und Vertrauten. 

Bericht eines Traumas – Abbas Khider: Der Erinnerungsfälscher

Fälschen lässt sich vieles: Kunstwerke, Diamanten, Fotos und Pässe. Das Handwerk des Fälschens ist so universell geworden, dass Begriffe von Wahrheit und Unwahrheit zunehmend verschwimmen. Doch wer seine eigene Erinnerung fälschen will, der muss ein Künstler sein, getrieben vom Versuch einer Vergangenheit zu entfliehen, die zu schmerzhaft ist, um ertragen zu werden. Abbas Khider erzählt von solch einem Erinnerungsfälscher.

„Es gibt nichts Individuelleres als die Fiktion“ – Interview mit Julia Franck

Julia Franck zählt zu den wichtigsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, ihre Bücher sind in zahlreiche Sprachen übersetzt, ihre Kurzgeschichten finden sich immer wieder in Schulbüchern. In ihrem neuen Roman Welten auseinander erzählt die Berliner Autorin von den Brüchen und Tiefen einer ungewöhnlichen Jugend, der Emanzipation von familiären Banden und davon, welche Bedeutung das Erinnern und Schreiben für all das haben kann. Im Interview schildert Julia Franck ihre Wahrnehmung des Krieges in der Ukraine, reflektiert Entwicklungen des deutschsprachigen Literaturbetriebs und erläutert ihr Unbehagen gegenüber Gerhart Hauptmann.

Narben im Sand – Svenja Leiber: Kazimira

„[…] wein, mein Söhnchen. Dass Du wieder weich wirst, sonst kannst du nicht leben.“ So beschwört Protagonistin Kazimira ihren Sohn Ake. Denn auch er trägt die Narben der Geschichte am eigenen Leib. In ihrem mittlerweile fünften Roman präsentiert sich Svenja Leiber als Autorin einer aufwändig recherchierten, nüchtern präsentierten und zugleich erschütternden Geschichte. Alles getragen von einer Frau, die, der Zeit enthoben, für viele weibliche Schicksale steht und einer Umgebung, die der Verwüstung ebenso ausgesetzt ist, wie die dort lebenden Menschen.

Probleme sind nur dornige Chancen – Jakob Augstein: Strömung

Auch wenn Strömung das literarische Debüt von Jakob Augstein ist, handelt es sich bei ihm keinesfalls um einen Neuling im Literaturbetrieb: Als Verleger, Kolumnist, Journalist und Sachbuchautor hat er einen festen Platz innerhalb der deutschen Medienlandschaft. Für seinen ersten Roman wählt Augstein eine Charakterstudie mit satirischen Zügen: Strömung erzählt vom Aufstieg und Fall des Franz Xaver Misslinger, einem redegewandten und nach Macht strebenden Jungpolitiker, für den Probleme nur dornige Chancen sind. Dass dieser Ausspruch an Christian Lindner erinnert, ist kein Zufall: Misslingers gesamte Partei zeigt unübersehbare Parallelen zur FDP, auch wenn es sich nicht um einen Schlüsselroman handelt. 

Ambitionierte Zerstörung – Silvia Tschui: Der Wod

„[…] dem Wod kann man nicht entfliehen, der Wod findet einen überall, schon geht unten die Tür, es knarrt auf der Treppe […]“. Szenisch aufwändig und wuchtig mutet Silvia Tschui ihren Lesern eine Familiensaga zu, deren Protagonisten von Gewalt und Immoralität überwältigt mit dem Leben ringen. Wie ausgeliefert steht man diesem Wod und seiner Autorin gegenüber und hofft mit jeder Seite, dass einen die ungnädige norddeutsche Sagengestalt nicht selbst einholt.

Make Realpolitik sexy again – Yasmine M’Barek: Radikale Kompromisse

Die ‚Polarisierung‘ der Gesellschaft ist nicht zufällig ein Lieblingsthema im Feuilleton und auf dem Sachbuch-Markt: Gut lässt sich darüber vom Standpunkt gefühlter Wahrheit respektive der Twitter-Exegese schreiben und auf die Furcht vor dem ‚Verlust der Mitte‘ ist unter deutschen Lesern Verlass. Auch Radikale Kompromisse der ZEIT-Redakteurin Yasmine M’Barek kreist um den Befund der Polarisierung, aber das Buch kommt anders daher als vergleichbare Analysen. Nicht als Warnruf, sondern als positives Plädoyer für „ein Revival echter Realpolitik“.