Nachmittägliche Aus-lese – Ferdinand von Schirach: Nachmittage

Nachmittägliche Aus-lese – Ferdinand von Schirach: Nachmittage

Von Jascha Feldhaus 

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Nachmittage ist der neue Band von Ferdinand von Schirach überschrieben, in dem sich der Schriftsteller wieder einmal mit persönlichen ebenso wie mit juristischen Erlebnissen auseinandersetzt. Anders als in dem drei Jahre zuvor erschienenen Kaffee und Zigaretten beschäftigt sich von Schirach nicht mit frühen familiären Begebenheiten, sondern setzt sich als Autor, als Schriftsteller ins Bild – quasi im Nachmittag seines Lebens sich aufhaltend – und befasst sich vor allem mit dem Schreiben.

Das Vorgehen erscheint bekannt – zu bekannt – zu sein für diejenigen Leser, die den Vorgängerband Kaffee und Zigaretten gelesen haben. Ferdinand von Schirach wechselt in sechsundzwanzig Kapiteln zwischen persönlichen Erfahrungen und strafrechtlichen Geschichten, die er selbst als Rechtsanwalt betreut hat, hin und her. Dabei ist es hauptsächlich der Zufall, der ihn in seinen alltäglichen Situationen wieder zurückführt in die vergangenen, weitestgehend vergessenen Verfahren. Besonders wird durch diese Erinnerungen auffällig, wie lange von Schirach tatsächlich nicht mehr als Strafverteidiger tätig ist.

Die Rechtssachen sind spannend, aber dennoch so juristisch nüchtern und klar erzählt, dass die sachliche Detailfreude den Leser chronologisch und bildhaft durch die einzelnen Geschehnisse führt. Das ist große Kunst, weil von Schirach sich nicht unnötiger Spannungsbögen bedienen muss, um Langeweile auszuschließen. Die Erfahrung des juristischen Nacherzählens, das seinen Werken innewohnt, ist das prägende Prädikat derselben, die ohne jede Verzierung in ihrer Authentizität überzeugen. Von Schirach selbst sagte einmal in einem Gespräch mit Alexander Kluge, dass sich die Wirklichkeit im Kopf des Schriftstellers verwandelt, sie seine Wahrheit wird, die er dann wiederum als formalisierte Wirklichkeit präsentiert. In Nachmittage kommt diese Ansicht in diesem Beriech ganz zum Tragen. Dabei ist es ganz gleich, ob hier von einem falschen Retter, einem gegensätzlichen Doppelleben oder einer unglaublichen Täuschung berichtet wird, alles wird präzise, klug und wahrhaftig wiedergegeben.

In den selbstreflexiven Kapiteln beschäftigt sich von Schirach mit Begegnungen, die er auf Reisen gemacht hat – insgesamt ist das Reisen ein markanter Ausgangspunkt für die einzelnen Teile des Buches. In diesen Begegnungen geht es vor allem um intensivere Erlebnisse, in denen er von unterschiedlichen Personen, aber besonders von einer Frau, berührt oder begleitet wurde, oft an bekannten Orten wie dem Hotel, in dem Lost in Translation gedreht wurde, oder dem alten Plaza-Hotel in New York. Als Kontrast, aber auch Bezugspunkt in diesen Passsagen dient der Blick auf die Literatur, das eigene Schreiben, auf Schriftsteller und Schriftstellerinnen sowie deren Gedanken dazu. Von Schirach geht dabei in die Auseinandersetzung: „Bachmann sagte in den Frankfurter Vorlesungen, die Aufgabe der Dichtung liege nicht im ästhetischen Selbstzweck, sondern in der Weltveränderung durch die neue Sprache. Solche Sätze waren notwendig, aber ich halte sie für falsch: Kunst hat keine ‚Aufgabe‘, sie darf es gar nicht, wenn sie frei sein soll. Kunst ist keine Macht, sie kann nur Trost sein.“ Um selbst dann poetisch daraus hervorzugehen: „Natürlich, unser Leben ist absurd, weil der Tod es beendet.“

Das große Thema vor drei Jahren war die Langsamkeit, eine Langsamkeit, mit der man in die Welt tritt, um den Dingen um einen herum gerechter und ehrlicher zu begegnen. Jetzt in Nachmittage ist es die Wahrheit. Von Schirach schafft es hier dieses Thema vielfältig darzustellen, in dem er sich unterschiedlichen Möglichkeiten bedient, sich dieser Aufgabe anzunähern. Er verbindet Aussagen, literarische oder filmische Zitate mit eigenen Erfahrungen, gibt Beispiele vor, stellt diese in Frage oder liefert durch die juristischen Verfahrensgeschichten Reflexionsflächen für die Frage, was Wahrheit ist, wie sie gesehen wird. Das Buch ist eine gelungene Handreichung für eine Selbstreflexion im besten Sinne – es hilft, sich einmal ganz sich selbst widmen zu können, um zu verstehen, wer man selbst ist, im Bezug zum Anderen.

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Ferdinand von Schnarch: Nachmittage
Luchterhand 2022
176 Seiten / 22 Euro

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Foto: a_m_o_u_t_o_n / pixabay.com

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