Gedächtnisbilder eines Bruders – Georges-Arthur Goldschmidt: Der versperrte Weg

Von Louisa Schwope

Der versperrte Weg bietet auf zeitgeschichtlicher, biographischer und auch formaler Ebene Lesestoff zum Nachdenken: Ein Leben auf der Flucht vor den Nazis wie vor sich selbst, erzählt aus der Perspektive des Bruders. Über Georges-Arthur Goldschmidt neuestes Buch.

Hamburg im Jahr 1924: Erich Goldschmidt wächst als lang herbeigesehntes Einzelkind als Sohn des erfolgreichen Juristen Arthur Goldschmidt in Reinbek auf. Sein Leben nimmt, so man der Erzählung glaubt, bereits im zarten Alter von vier Jahren eine entscheidende Wendung, als sein jüngerer Bruder Georges-Arthur geboren wird und dem Älteren die Aufmerksamkeit und Liebe der Eltern und Verwandten streitig macht. Die fortan bestehende emotionale Lücke zwischen den Geschwistern wird auf ihrer gemeinsamen Flucht vor den Nazis durch Italien und Frankreich nicht etwa zusammengeschweißt, sondern gar größer. Bereits im 19. Jahrhundert war die einst jüdische Familie zum Protestantismus konvertiert, die beiden Brüder wurden christlich getauft, dennoch diskriminierten und verfolgten die Nationalsozialisten sie ab 1934.

In dieser Tatsache verbirgt sich der zentrale Konflikt, den der Autor seinem Bruder zuschreibt: Etwas sein zu müssen, das man nicht ist, und das man auch nicht sein möchte (“er war sich selber verhasst und dazu auch noch die verdammte Herkunft!“). Erich Goldschmidt, so schreibt es Georges-Arthur, wäre nämlich eigentlich sehr gern mit den Pimpfen aus der Heimat mitgelaufen, Teil der Hitler-Jugend gewesen. Bereits früh ahnt er jedoch, dass das nicht geht; er gehört nicht dazu. Stattdessen sind die Brüder elternlos zunächst in Florenz untergebracht, anschließend in einem Internat in Savoyen und schließlich auf Bauernhöfen versteckt. Mit dem Verlust einer potenziellen neuen Heimat nach der anderen beschreibt Goldschmidt auch den Verlust von Orientierung und Selbst-Verständnis im wahrsten Sinne des Wortes. „Er hatte sich in Florenz in einer noch so vorläufigen Landschaft Sehwege und Orte eingerichtet und das war nun auch wieder verloren. Ob er noch einmal Festpunkte finden würde?“

Erich Goldschmidt schließt sich der Résistance an. Er kann in seiner Rolle zumindest vorübergehend aufatmen. Die Uniform schützt ihn vor den befürchteten Nachfragen zu seiner jüdischen Herkunft, und im Widerstand kann er seinen Verfolgern etwas entgegensetzen und sich verteidigen. Sobald Paris befreit ist, wird er von den bohrenden Fragen nach seiner Zugehörigkeit getrieben, und warum ausgerechnet er überleben durfte: „Es gab keine ihn befriedigende Zugehörigkeit“. Deshalb wird Erich von Scham- und Schuldgefühlen sowie der andauernden Angst, wegen seiner Existenz verfolgt zu werden, durchdrungen. Warum es ihm so schwer fällt, dieses Leben, ist ja auch, weil er ein Mensch ist, der fühlen kann. Aber gerade dies zu akzeptieren, wird ihm unmöglich – „weil er einfach nur ein Mensch war… er wollte kein Mensch sein.” 

Auf fast schmerzhafte Weise gelingt es Georges-Arthur Goldschmidt zu vermitteln, wie sich die seelischen Belastungen durch Verlust, Orientierungslosigkeit, Leben im Exil und Angst physisch auswirken. „Das Heimweh bohrte sich in einen hinein, so tief, dass man staunte, so weit in sich selber zu reichen“, oder: „Die Angst hatte sich eingerichtet, sie zementierte den ganzen Körper; man selbst war nur noch die Schale ringsum“. Diese Worte zu finden, um das Erlebte auszudrücken und es zu benennen, sich selbst darin zu finden, das kann Georges-Arthur – nicht jedoch Erich Goldschmidt. Für ihn scheint dieser Weg versperrt. Laut dem Autor lebte der Bruder „an sich selber vorbei und verdrängte jede in ihm auftauchende Idee“.

Es ist davon auszugehen, dass der Autor seinen Bruder nicht zuletzt aufgrund des teilweise gemeinsam erlebten Lebensabschnitts im Exil gut kennt und einzuschätzen vermag. Dennoch muss man sich in diese merkwürdig verrenkte Struktur einlesen: dass der kleine Bruder die Biographie des großen Bruders zu Papier bringt, aber dabei trotz seiner subjektiven Perspektive in der dritten Person schreibt. Wer schreibt, und wer ist „er“, wenn es heißt „Der kleine Bruder aber drängte ihn ständig ins Heimweh zurück“? Insbesondere, wenn es um die Unterschiede der französischen und deutschen Sprache geht, spricht eindeutig der jüngere Bruder und Schriftsteller Georges-Arthur, erklärt in seinen Worten den stummen Kosmos des Bruders Erich. Wenn dem Autor hin und wieder wenig Informationen über einen Lebensabschnitt des Bruders zur Verfügung standen, löst er das Problem mit rückblickenden, bewertenden Zusammenfassungen des Geschehens („Seiner Emigration verdankte er, nicht den falschen Weg eingeschlagen zu sein“). An Stellen wie dieser äußert sich die Schwäche der eigenartigen Konstruktion aus Nähe und Ferne zu einem Menschen, dessen Biographie man verfasst. Sie fallen stilistisch aus dem Rahmen und lassen den Lesenden plötzlich überlegen, ob manche Lebensdetails möglicherweise geraten oder stark durch den Autoren interpretiert wurden. 

Goldschmidt weiß, dass „die Erinnerung nach über 80 Jahren unsicher“ wird, „man kann sie nicht mehr von dem gesamten Lebensempfinden trennen; von den Gedächtnisbildern, die einem kommen.“ Insofern ist Der vesperrte Weg teils Autobiographie, teils ungefragte Biographie eines Dritten – nicht zuletzt zur Aufarbeitung? Goldschmidt sagt über sich selbst, er habe „durch seine Erscheinung auf dieser Welt das Leben seines Bruders zerstört“. Passagen, in denen sich der Autor selbst erniedrigt, lassen das schlechte Gewissen gegenüber dem großen Bruder erahnen, worin auch immer es begründet sein mag. Beispielsweise wirft der kleinere Bruder sich selbst eine „deutsche Unterwürfigkeit“ vor, schreibt diese Wertung aber dem großen Bruder zu. So drängt sich stellenweise der Eindruck auf, als versuche der Autor nachträglich, den Bruder zu verstehen und womöglich literarische Brücken zu bauen, wo lebenslang der Weg zueinander versperrt blieb.

Der versperrte Weg ist untertitelt als Roman des Bruders. Der Genitiv gefällt, denn er lässt offen, ob es der Roman ist, den eigentlich der Bruder selbst hätte schreiben müssen, ob er für oder von ihm ist. Ein Roman, in dem die Frage der Zugehörigkeit darüber entscheidet, ob ein Leben gelingt, und der die Folgen der nationalsozialistischen Verbrechen an einer Biographie erfahrbar macht. Und eine Biographie, die über den Verfasser möglicherweise mehr aussagt als über die beschriebene Person. 

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Georges-Arthur Goldschmidt: Der versperrte Weg. Roman des Bruders
Wallstein 2021
111 Seiten / 20 Euro

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Foto: Louisa Schwope

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