Verdammt, ich lieb‘ Dich – Heinz Strunk: Es ist immer so schön mit dir

Von Clemens Hermann Wagner

Das enfant terrible Heinz Strunk hat einen Liebesroman geschrieben. Beinahe unnötig zu sagen, dass die dargestellte Beziehung natürlich scheitert. Warum dieser Roman ein abhängig machender Katastrophenbericht ist.

Viel beachtet war die Studie von Eva Illouz Warum Liebe weh tut (2016), in der sie die Schmerzen der Liebe soziologisch analysiert und erörtert, wie die Spannungen der Postmoderne Einfluss auf Konzepte von romantischen und sexuellen Beziehungen nehmen, warum unser Selbstwertgefühl so eng mit dem Wunsch nach erfüllten Beziehungen verbunden ist und Unverbindlichkeit dennoch nicht selten zur entscheidenden Kategorie in Fragen der Liebe wird. Auf Warum Liebe weh tut folgte wenig später der Band Warum Liebe endet (2018), der schließlich das grandiose Scheitern von Beziehungen auslotet.

Der Autor, Musiker und Satiriker Heinz Strunk legt mit Es ist immer so schön mit dir einen Roman vor, in dem er die schmerzhaften Tiefen einer Beziehung im Sturz der Postmoderne entfaltet und seine Figuren verdichtet mit den von Illouz aufgeworfenen Fragen konfrontiert. Einmal mehr stellt Heinz Strunk nach Fleisch ist mein Gemüse (2004) oder Der goldene Handschuh (2016) einen getriebenen, einsamen und unglücklichen Protagonisten in den Mittelpunkt seiner Erzählung. Der namenlose Ich-Erzähler hat sich abgefunden mit der Mittelmäßigkeit des Lebens, die ihm gleichermaßen Sicherheit gibt und ihn zugleich mehr denn je langweilt. Seinen eigenen Anspruch als Künstler hat er längst begraben, die Arbeit als Toningenieur erfüllt ihn nicht, zahlt aber die Miete und mit seiner uninspirierenden Freundin hat er sich in der Banalität des Alltags eingerichtet. Höhepunkte sind gemeinsame Spaziergänge oder die Aussicht auf einen Besuch im Zoo. Eine um sich greifende und erdrückende Midlifecrisis ist nur allzu verständlich.

Auf einer Filmpremiere, zu deren Besuch ihn ein Freund erst umständlich überreden muss, lernt er die junge, attraktive und talentlose Schauspielerin Vanessa kennen. Auf ein erstes unbeholfenes Gespräch (er kann sich leider nicht daran erinnern, dass sie in dem Film mitgespielt hat), folgt ein noch viel unbeholfeneres erstes Treffen. Wie war das gleich noch anzustellen, eine solche Verabredung? Er steckt Streichhölzer ein, weil er diese Art des Feuergebens „gentlemanlike und cool“ findet, natürlich zerknicken sie und natürlich stolpert er schließlich so ungeschickt über eine Baumwurzel, dass er peinlich hinfällt. All das klingt nach allzu arrangiertem Slapstick, wird von Strunk aber in einer Intensität geschildert, die die völlige Überforderung des Protagonisten schlicht in Szene setzt. „‚Geht’s?‘, fragt sie. Nichts geht, das sieht man doch, denkt er wütend.“

Trotz allem sehen sie sich wieder, er versteht nicht, was sie an ihm findet und weiß letztlich wohl auch nicht, warum sie auf ihn eine solche Wirkung entfaltet. Er formuliert jede SMS, die er ihr schicken will, mehrfach um, wartet auf eine Antwort und seine Gedanken kreisen nur um sie. Sie ist es, die ihn in permanente Unruhe versetzt. Sie ist es, in die er sich verliebt. Und sie ist es, wegen der er seine Freundin verlässt. Doch was soll all das schon bedeuten? Ist die Beziehung zwischen ihnen exklusiv oder doch offen? Wie verbindlich will sie den Kontakt mit ihm gestalten? Vanessa bleibt unbestimmt, sie ist launisch, die Treffen mit ihr strengen ihn an, ihre Unberechenbarkeit überfordert ihn und lässt zugleich eine Sogwirkung entstehen, der er (und im gleichem Maße ebenso der Leser) sich nicht entziehen kann. Während Vanessa nie etwas zu essen scheint, dafür ununterbrochen raucht, gibt er sich immer wieder dem Alkohol hin.

Es besteht kein Zweifel daran, dass dieser Mann eine erfüllende Beziehung aufbauen will, dass er sich bis zur Erschöpfung bemüht, ein guter Partner zu sein und so gibt es auch die einzelnen Momente, in denen die beiden Glück empfinden. Lakonisch formuliert Vanessa im Urlaub in Heiligendamm den titelgebenden Satz „Es ist immer so schön mit dir“. Im selben Moment ist spürbar, dass das gemeinsame Glück erbarmungslos erodieren wird. Zu sehr sind Vanessa und der Ich-Erzähler mit sich beschäftigt und zu sehr sind beide in dieser Konstellation nicht beziehungsfähig.

Dass ein angedeuteter Missbrauchsfall in der Jugendzeit als Grund für Vanessas Eigentümlichkeit angeführt wird, könnte sicher als wenig originell angesehen werden. Doch liegt Heinz Strunks Interesse nicht auf einer übertriebenen Psychologisierung der Figuren, vielmehr zeichnet er ein Bild davon, warum man sich der Kraft giftiger Liebesbeziehungen nicht entziehen kann, warum diese Lieben verdammt noch einmal richtig weh tun und sie eben doch gnadenlos zu einem Ende verdammt sind. All das schildert Strunk sprachlich so unaufgeregt wie bittersüß humorvoll. Wer über die Tiefen komplizierter und verstrickter Liebesbeziehungen (und welche sind jemals unkompliziert?) sprechen will, kommt an Heinz Strunks Roman Es ist immer so schön mit dir nicht vorbei.

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Heinz Strunk: Es ist immer so schön mit dir
Rowohlt 2021
288 Seiten / 22 Euro

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Foto: efes / pixabay.com

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