Brüderchen und Schwesterchen – Anselm Neft: Späte Kinder

Von Anna-Lena Deckers

Sophia wird sterben. Die Diagnose lautet: Bauchspeicheldrüsenkrebs, neun Monate geben ihr die Ärzte noch – „eine Schwangerschaft lang hat sie Zeit, um sich auf ihr Ende vorzubereiten. Bestenfalls“. Begleitet von ihrem Zwillingsbruder macht sich Sophia auf ihren letzten Weg. Um Halt zu finden und um mit sich selbst versöhnt aus diesem Leben gehen zu können, tauchen die Geschwister tief in ihre Familiengeschichte ein.

Späte Kinder – das sind die Zwillinge Thomas und Sophia (mitte Vierzig), die sich nach dem Tod der Mutter im Elternhaus treffen, um dieses ausräumen. Die Stimmung ist angespannt, jeder ist mit seinen eigenen Sorgen beschäftigt und der Wunsch groß, sich dem Anderen, dem Menschen, der ihnen am nächsten steht, anzuvertrauen. 

Der Vater, ein gewaltbereiter Alkoholiker, ist bereits seit einigen Jahre tot, die psychischen Narben von Sophia und Thomas sind noch da. Thomas hatte unter dem Vater mehr zu leiden als Sophia, Sophia mehr unter der Mutter als Thomas. Aber die Zwillinge, die sich auch als Erwachsenen sehr nahestehen, haben sich und machen es wie immer: Wie „Brüderchen und Schwesterchen.

Der Roman beginnt unmittelbar, sofort hat man das Gefühl, als stiller Beobachter Sophia und Thomas auf ihrem Weg, in ihrer Verzweiflung, ihrer Hoffnung und bei ihrer Suche nach Ankommen zu begleiten. Kompromisslos werden familiäre Verstrickungen und die darin eingebetteten Einzelschicksale erzählt.

Die Sprache ist klar, unverzerrt und ehrlich. Besonders stark sind die Dialoge der beiden Protagonisten. Sie treiben den Roman beständig voran, während die Perspektive kapitelweise zwischen Sophias und Thomas’ Sicht wechselt. Dabei läuft der Zeitstrahl der Geschichte kontinuierlich weiter, die Erzählung ist aber dennoch abwechslungsreich. Unterbrochen wird dieses Kontinuum lediglich durch wenige Passagen, in denen die Perspektive zu einem Ich-Erzähler wechselt. Hier erfährt man mehr über Gedanken, Erfahrungen und Erlebnisse von Sophias und Thomas’ Eltern und Großeltern – Tagebucheinträge, Monologe und Geschichten, wiedergegeben von den Kindern. 

Selbst Zwiegespräche mit den verstorbenen Eltern betten sich mühelos in das Kontinuum der Geschichte ein: Thomas schlüpft in die Rolle der Mutter und gibt so Sophia die Möglichkeit, Antworten zu bekommen. Sophia schlüpft für Thomas in die Rolle des Vaters, und steht ihm Rede und Antwort. Eine Art der Vergangenheitsbewältigung die die Dinge in Worte fasst, gnadenlos anspricht und Antworten fordert. So fragt Thomas die ‚Vater-Sophia‘: „Wie bekommt man das hin: ein Kind zu schlagen. Nicht nur auf den Hintern, sondern ins Gesicht, oder mit der Faust auf den Rücken. Was geht da in einem Mann vor? Auf einen Menschen einprügeln, der fünfmal kleiner und zarter ist als du selbst. Wie fühlt man sich danach?”

Anselm Neft beschreibt in Späte Kinder neben einem Generationenkonflikt auch die transgenerationale Weitergabe von Traumata: die Eltern – eine Generation, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt hat und ihrer Kindheit beraubt wurde – konnten den eigenen Kindern nicht solche Eltern sein, wie sie sich die erwachsenen Kinder gewünscht hätten. Und schließlich Sophias Angst, dass ihr eigener Tod die unbeschwerte Kindheit ihrer Tochter Julika erschüttern wird. Wünscht sie sich für die Tochter doch, dass sie weiter Kind sein kann, auch als Halbwaise. Ihr größter Schmerz ist nicht ihr eigenes Schicksal, sondern die Auswirkung ihres Schicksals auf das Leben ihrer Tochter. Das Kind alleinzulassen, macht ihr am meisten zu schaffen. 

Sophia stellt fest: „Ihr Erwachsensein kommt ihr wie eine Maske vor. Sie hat damit überspielt, dass sie noch nicht einmal richtig Kind gewesen ist. Aller Frieden, den sie erreicht hat, ist faul. Bald muss sie gehen und ist noch gar nicht irgendwo angekommen.“ 

Späte Kinder ist ein packender Roman über familiäre Abgründe und das eigene Ankommen. Weniger ein Buch, das man liest „um Zeit mit inspirierenden Menschen zu verbringen, um andere Leben intensiv kennenzulernen, ohne dass es wirklich unangenehm oder riskant wird (wofür Sophia Bücher schätzt). Vielmehr eines, das „[e]indrucksvoll vor Augen führt, wie die Sprachlosigkeit der Anderen aufgelöst wird in eine literarische Gegensprache und Form, mit der sich sogar die Frage beantworten lässt, was möglicherweise vorgeht in einem Mann, der auf Menschen einprügelt, die fünfmal kleiner und zarter sind als er selbst”, wie es Jan Drees in seiner Kritik für den Deutschlandfunk unübertrefflich gesagt hat. 

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Anselm Neft: Späte Kinder
Rowohlt Hundertaugen 2022
288 Seiten / 22 Euro

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Foto: janebe13 / pixabay.com

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