Holz und Vorurteil – Juli Zeh: Über Menschen

Von Louisa Schwope

In Bracken ist man unter Leuten. Da kann man sich nicht mehr so leicht über die Menschen erheben. Wirst dich dran gewöhnen müssen.

Juli Zeh, Über Menschen

‚Über Menschen‘ ist so etwas wie die unzusammenhängende Fortsetzung von ‚Unterleuten‘, was auch der Autorin Anlass gibt, sich auf entsprechende Wortspiele einzulassen. Mit ‚Unterleuten‘ schrieb Juli Zeh 2016 einen großen Gesellschaftsroman über Deutschland 30 Jahre nach der Wende, über Großstadt- vs. Dorfleben, die Energiewende, zwischenmenschliche Beziehungen und aus der Gesamtsumme dieser Faktoren erwachsende Einzelschicksale. Aus einer ähnlichen Ausgangslage heraus entstand auch Zehs jüngstes Werk, mit einem zusätzlichen Faktor: der Corona-Pandemie. Insofern ist der Roman ein höchst zeitgemäßer, der die Leserin verwundert feststellen lässt, dass das Virus offensichtlich schon derart lange alltagsbestimmend ist, dass in der Zwischenzeit Bücher darüber geschrieben und veröffentlicht werden konnten.

Die 36-jährige Dora verlässt fluchtartig Berlin, ihren Arbeitsalltag in der Werbeagentur und ihre Beziehung mit Robert, weil letzterer sich zunächst als Klimaretter und schließlich als Pandemiebekämpfer der ersten Garde wähnt und dadurch für Dora als Lebenspartner wie Mitbewohner unerträglich wird. Von ihrem gesamten Ersparten, dem Erbe der zu früh verstorbenen Mutter und einem Kredit erwirbt sie ein altes Haus auf dem brandenburgischen Land im fiktiven Dorf Bracken. 

Tapfer gräbt sich Dora durch den Brackener Acker vor ihrem Haus und durch die Gemüter ihrer neuen Mitmenschen. Allzu häufig muss sie ihren Stolz überwinden, sich eingestehen, dass sie außerhalb der Werbeagentur und abgesehen von ihrer alten Hündin („Jochen der Rochen“) kein eigenes Leben und keine Zukunftsideen hat. Bis ihr Nachbar Gote, der sich als „der Dorfnazi“ vorstellt, auf den Plan tritt.

Was tun, wenn statt erhofftem Landidyll der eigene Nachbar wegen rechtsmotivierter Messerstecherei angeklagt war, im Garten das Horst-Wessel-Lied schmettert und zu viel Bier trinkt, aber sich zeitgleich rührend um seine Tochter kümmert, gern in der Natur unterwegs ist und als Tischler selbstgebaute Möbel zur Einweihung vorbeibringt? Kann man diesen Nazi liebhaben? Oder darf man das gar? Darf man mit ihm arbeiten, kooperieren oder schlichtweg grillen, oder färbt das ab? Und ist er überhaupt wirklich ein Nazi? Wo ist rechts, links, und die Grenze dazwischen; falls es eine Mitte gibt, darf man sich dort positionieren? Wo ist das richtige Leben, und gibt es das überhaupt?

„Norweger-Pulli, selbstgedrehte Zigarette, grauer Pferdeschwanz. Das Outfit eines ehemaligen DDR-Bürgerrechtlers oder Wackersdorf-Aktivisten. Daneben der AfD-Aufkleber. Wann ist das eigentlich alles dermaßen durcheinander geraten?!“

„Wer sind die Guten und wer die Bösen? Dora weiß es nicht und will es auch nicht wissen. Sie findet, dass es eine sehr gefährliche Frage ist. […] Sie beharrt darauf, sich keine klare Meinung bilden zu müssen, wenn es keine einfache Lösung gibt, und die gibt es momentan noch weniger als sonst.“ 

Es sind die großen Fragen nach den Bedingungen des gesellschaftlichen Zusammenhalts bzw. der gesellschaftlichen Spaltung im Deutschland unserer Tage, die die Autorin bewegen, und sie exerziert diese am Beispiel von Dora und Gote in Bracken. In bekannter und geschätzter Juli-Zeh-Manier filetiert sie Charaktere, bringt Eigenheiten auf den Punkt, verfasst Milieustudien und lässt es „menscheln“. Das macht den Roman unterhaltsam und kurzweilig, und dank Cliffhangern springt man beim Lesen nach einem Kapitel direkt in das nächste. Gut sitzende Wortwitze und Situationskomik lassen dabei manche Plattitüde verzeihen. Auch ohne Perspektivwechsel wie in Unterleuten, wo die Geschichte in jedem Kapitel aus Sicht eines anderen Protagonisten weiter erzählt wurde, gelingt es Zeh, dass die Leserin Empathie mit den verschiedenen Persönlichkeiten in Bracken entwickeln kann – nicht als Mitleid, sondern als Verständnis des jeweils anderen Weltbildes. Dieses Auffächern der Perspektivenvielfalt ist ihr in Unterleuten jedoch auf deutlich komplexere Weise gelungen, sodass das halbe Happy End in Über Menschen, bei dem Dora beruflich und zwischenmenschlich in erstaunlich kurzer Zeit auf dem derben Land Fuß fasst, wie ein vorschnelles und zu einfaches Ende erscheint. 

Die Tatsache, dass Zeh in weiten Teilen ein sehr realitätsnahes Bild zeichnet, schmeckt nicht jedem gleich gut. Das Gespräch mit anderen Zeh-Leser*innen offenbarte einen großen Kontrast in der Rezeption von Zehs Stil – während Großstädter*innen sich über die Menschenkomödie bei Juli Zeh schlapplachen könnten – „sie trifft den Nagel auf den Kopf!“ – bewertetet manche*r Leser*in aus dem ländlichen Raum genau dies eher wie folgt: „Es ist viel zu wahr, als dass man darüber lachen könnte!“ Zu alltäglich, unbedeutend, bisweilen langweilig, höchstens traurig – nicht aber lustig seien Zehs Geschichten. Diese Unterschiede in der Wahrnehmung und Bewertung der eigenen Lebenswelt bei Städtern resp. Dörflern finden sich auch bei Zehs Figuren im Roman wieder. Juli Zehs Leistung in Über Menschen ist schließlich, dass sie nicht über Nazis, Schwule, Großstadt-Besserwisser oder Dorf-Trottel schreibt, sondern in erster Linie über Menschen. „Und die Leute, das seid ihr?“ – „Klar, wer sonst!“

* * *


Juli Zeh: Über Menschen
Luchterhand 2021
416 Seiten / 22 Euro

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Foto: Louisa Schwope

4 Kommentare zu „Holz und Vorurteil – Juli Zeh: Über Menschen

  1. „Unterleuten“ ist auf jeden Fall das Lesen und darüber Nachsinnen wert. Im übrigen ist Juli Zeh eine, die so ziemlich den Nagel auf den Kopf der Gesellschaft trifft, was denn auch Kopfweh verursachen kann. Bei der Frage, ob ich einen Nazi auch sympathisch finden kann, wird mir ganz unwohl. Auch wenn der liebevoll mit seiner Tochter umgeht, wird er ihr doch sein schräges Weltbild in den Kopf setzen. Und dass er gut am Grill ist, ändert nichts an seiner AfD-Sympathie. Die Antwort ist: Nein, Nazis sind per se unsympathisch, in der Stadt und auf dem Land, gestern und heute erst recht. Aber mal sehen, ob mich Zehs Roman verunsichern kann.

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  2. Es kann gar nicht genug Bücher geben, die aus „Schubladen“ Charaktere werden lassen und über Menschen erzählen. Danke für die erhellende Rezension!

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