Eine Lanze für das Hinterzimmer – Robin Alexander: Machtverfall

Von Johannes Schaefer

Generationen von Politikwissenschaftlern sind mit der Geschichte der „Black Box“ aufgewachsen. Der Begriff umschreibt, wie wenig transparent der eigentliche Vorgang „Politik“ am Ende immer bleibt – selbst für die Disziplin, die ihn erforscht. Paradox: Bilder der Mondlandung gab es 1969 schon live im Fernsehen, aber bis heute weiß kaum jemand wirklich, wie ein Verfassungsrichter ausgesucht wird. Das geschieht im berühmtberüchtigten Hinterzimmer. Eigentlich alle Entscheidungen werden dort gefällt oder wenigstens vorbereitet. Das Hinterzimmer ist auf diese Weise Inbegriff für kuriose „Deals“, für „Geklüngel“. Schon das Wort allein riecht nach Alkohol, Tabak und Altmännerschweiß. Nur wenige sind dabei, wenn dort entschieden wird. Hinterher reden sie zumeist nicht darüber. Und wenn doch, ist kaum glaubwürdig, was sie erzählen.

Der Lack an der „Black Box“ blättert. Schon immer gab es investigative Politikbücher, die einen Blick hinter die Kulissen erlaubten und Licht ins Hinterzimmer brachten. Do not ask what good we do von Robert Draper über die Politik im US-Kongress während der ersten Obama-Amtszeit wäre ein Beispiel. In jüngster Zeit trägt aber vor allem die moderne Medienwelt dazu bei. Statt nur geschliffene Worte, wenn die Entscheidung längst gefallen ist, gibt es nun die ungefilterte Brutalität des politischen Nahkampfs live aufs Handy. So konnte jeder bei Twitter mitlesen, wie Peter Altmaier seinem Freund Armin Laschet im CDU-Vorstand in den Rücken fiel. Wortmeldungen aus dieser Sitzung wurden zum großen Teil wohl exakt wiedergegeben. 

Robin Alexander gehört wahrscheinlich zu den bestinformierten Journalisten in der Hauptstadt und ist selbst oft Profiteur solcher Indiskretionen. Seine Anfänge liegen bei der taz, seit 2008 ist er bei der WELT. 2017 erschien von ihm Die Getriebenen, ein wenig schmeichelhaftes Porträt von Angela Merkels Flüchtlingspolitik. Das Buch war in aller Munde. 

Nun erscheint Machtverfall. Auf 384 Seiten zeichnet Alexander die letzte Amtszeit von Angela Merkel, ihre Pandemiepolitik und den Kampf um ihr Erbe nach, bringt Licht ins Hinterzimmer der Macht. Gleich vorweg: Das Buch ist ein Politkrimi vom Feinsten. Wer Die Getriebenen mochte oder Markus Feldenkirchens Die Schulzstory gerne gelesen hat, wird auch Machtverfall schätzen. Alexander hat einen einfachen, klaren, prägnanten Stil, überzeugt aber vor allem als Erzähler. Der Leser taucht in die Gedankenwelten der Protagonisten ein, hat an den Intrigen Anteil, spürt den kalten Atem der Macht. Es ist wie Game of Thrones: Seehofer hintergeht Spahn, Spahn lauert auf Merkel, Laschet stellt Söder eine Falle, Söder wird vorgewarnt, AKK will Merz durchsetzen, der zieht im letzten Moment zurück. 

Diese Kunst der Reportage, die dem Leser gezielt den Eindruck vermittelt, dabei zu sein, geriet zuletzt etwas in Verruf. Zu Unrecht, denn im Optimalfall verknüpft der Journalist gut recherchierte Informationen mit einer Erzählung und unterhält und informiert gleichzeitig auf hohem Niveau. Im schlechtesten Fall suggeriert er dem Leser eine Realität, die es so nie gegeben hat und lässt Fakt und Fiktion verschwimmen. Hier gelingt auch Alexander nicht immer die Gratwanderung, wenn er das eine oder andere Mal in die Gedankenwelt eines Akteurs eintaucht. Das ist eines der Grundprobleme des Genres und insofern ein etwas wohlfeiler Vorwurf. Wer das Buch liest, sollte aber immer im Kopf behalten, dass es bereits Deutungen der Wirklichkeit enthält und kein reiner Bericht ist. Kleinere Schwächen oder Doppelungen verzeiht man einem Werk, das topaktuell ist, gerne. Manche Lücken sind selbstverständlich, nicht immer sind zuverlässige Informationen auch zu bekommen. 

Das Buch bietet politischen Interessierten viele Hintergrundinformationen, manche davon sind völlig neu, andere standen mehr oder weniger bereits in der Zeitung. Die große Leistung dieses Buchs: Alexander legt hier eine umfangreiche Berichterstattung zu Pandemie und CDU-Machtkampf vor. Auch Insider werden hier Dinge erfahren, die sie noch nicht wussten. Das allein macht das Buch empfehlenswert. Kleinere Monita bleiben jedoch.

An manchen Stellen fehlt dem Leser der rote Faden und eine Brücke zwischen den einzelnen Teilen und Kapiteln des Buchs. An einigen Stellen wirkt das Werk eher wie eine Sammlung verschiedener Reportagen. Statt den Machtverfall von Angela Merkel und der CDU chronologisch nachzuerzählen oder aber entlang der kausalen Zusammenhänge zu rekonstruieren, zerlegt Alexander ihn in einzelne Kurzgeschichten. Handlungsstränge werden unterbrochen, eine Nebenhandlung eingeschoben, die andere Geschichte erst später weitererzählt. So gelingt ein Spannungsbogen, aber der Erkenntnisgewinn leidet darunter. Was sind denn die entscheidenden Gründe für das Scheitern von AKK? Warum dreht sich die Stimmung in der Union am Ende gegen Merz? Woran scheitert die Runde der Ministerpräsidenten, warum gelingt es nicht dort die Pandemiebekämpfung zu organisieren? Alexander liefert so manche Antworten auf diese Fragen, aber der Leser muss sie sich oft zusammensuchen.

Auch leidet das Buch etwas an seinem Anspruch. Alexander erzählt nämlich zwei Geschichten, die im Grunde nur oberflächlich miteinander zu tun haben: Den Kampf um das Erbe von Angela Merkel und den politischen Kampf gegen die Pandemie. Natürlich haben die Pandemie und der politische Umgang mit ihr einen Einfluss auf die internen Auseinandersetzungen der Parteien und den Kampf um die Nachfolge von Angela Merkel gehabt: aber doch als externer Faktor, als Teil der äußeren Bedingungen. Beide Geschichten, die der Pandemiepolitik und ihrer Probleme und die des Endes der Ära Merkel, stehen eigentlich für sich. Dem Buch hätte es nicht geschadet sich auf eine zu konzentrieren. 

Darüber hinaus scheint der Autor entschlossen, so neutral wie die Schweiz zu bleiben. Zwischen den Zeilen werden zwar hier und da Sympathie und Antipathie erkennbar. Doch das fehlende klare Urteil des Autors ist nicht immer eine Stärke des Buchs. Es gibt noch einen Spielraum zwischen „dem Leser eine Meinung aufdrängen und unterschieben“ einerseits, und „dem Leser ein klares Urteil mit prägnanter Argumentation mitgeben“ andererseits. Alexander lässt diesen Spielraum oft ungenutzt. Er bleibt lieber auf der sicheren Seite. Das ist sein gutes Recht, wird aber manche frustrieren.

Und stimmt eigentlich die titelgebende These des Buches, die erst auf der letzten Seite formuliert wird? Beobachten wir einen Machtverfall der Union? Auf den ersten Blick scheint das offensichtlich: Noch vor 20 Jahren – so scheint es heute – hatte die Union mehrere kanzlerfähige Ministerpräsidenten, dazu starke Akteure im Bund. In den Umfragen stand sie näher bei 40% als bei 35%. Auf den zweiten Blick scheint der Zusammenhang komplexer. Die Welt verändert sich. Volksparteien mit annähernd 40% sind aus der Mode, wie ein Blick in andere westliche Demokratien mit Verhältniswahlrecht schnell zeigt. Im internationalen und historischen Vergleich hat die Union ihre Stellung eher erstaunlich gut, nicht erstaunlich schlecht gewahrt. Relativer Machterhalt wäre also passender, lockt aber natürlich niemanden an den Verkaufstresen. 

Sie befindet sich aber am Ende der vierten Amtszeit von Angela Merkel in einer schwierigen Lage. Die Abgrenzung nach rechts ist vor allem im Osten eine Herausforderung, durch den die handelnden Akteure unter einem ständigen Druck stehen. Inhaltlich und personell wirkt die Partei mancherorts entkräftet. Einige der heutigen Probleme der Bundesrepublik – der Zustand der Bundeswehr, der Rückstand bei der Digitalisierung, die Defizite auf Straße und Schiene – lassen sich nicht leugnen und sind mit Namen von Unionsministern verknüpft. Die Partei ist „merkelmüde“, aber die Popularität der Kanzlerin zu groß. Im Wahlkampf werden alle mit ihr werben, sie selbst wird sich wohl zurückhalten. 

Alexanders Porträt dieser vertrackten Situation ist gut gelungen, aber es wirkt stellenweise wie eine Neuauflage von Die Getriebenen. Ob Merkel, Laschet oder Söder – keiner der beschriebenen Spitzenpolitiker steuert, kontrolliert, gestaltet die innerparteiliche oder die pandemische Krise. Das liegt auch an den Indiskretionen. Bezeichnend: Die Pandemiepolitik des Bundes kommt erst dann voran, als die Diskussion in ein kleineres Gremium verlagert wird. Auch die Kanzlerkandidatur der SPD gelingt nur, weil alle dichthalten. Als ein Erfolgsgeheimnis der Kanzlerin gilt bis heute ihre Morgenbesprechung, aus der fast nie etwas nach außen dringt. Rohrkrepierer wie die Beförderung von Maaßen zum Staatssekretär oder die Osterruhe sind nicht passiert, weil sie im Hinterzimmer stattfanden. Sie sind passiert, weil manche Dinge im Hinterzimmer nicht mehr richtig und ausführlich diskutiert werden können, weil die Vertraulichkeit fehlt. 

Zeit, eine Lanze für das gute alte Hinterzimmer zu brechen: Es ist verschwiegen und diskret. Argumente können offen und ohne Gefahr ausgesprochen werden. Ideen – auch dumme – können formuliert, geprüft und verworfen werden. Irrtum ist erlaubt. Besser als sein Ruf ist es also allemal. In Zeiten von Twitter & Co muss es sich aber vielleicht neu erfinden. Demokratien brauchen Verschwiegenheit und Diskretion, absolute Transparenz ist nicht erstrebenswert. Das hervorragende Buch von Robin Alexander leistet hierzu keinen Beitrag, im Gegenteil. Das muss es aber auch nicht. Es erlaubt einen intimen Einblick in die Corona-Krise und den inneren Zustand der CDU. Für politisch Interessierte ist es eine unverzichtbare, sehr gute Lektüre.

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Robin Alexander: Machtverfall. Merkels Ende und das Drama der deutschen Politik: Ein Report
Siedler 2021
384 Seiten / 22 Euro

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Foto: pixabay.com

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