Im Auge des Betrachters – Flora S. Mahler: Julie Leyroux

Von Larissa Plath

Wer ist Julie Leyroux? In ihrem gleichnamigen Debütroman nähert sich die Autorin Flora S. Mahler dieser Frage, ohne abschließende Antworten zu geben, und entwirft eine im wahrsten Sinne des Wortes kunstvolle Biographie einer faszinierenden, kaum greifbaren Künstlerinnenfigur.

Es war im Jahr 1610 als Galileo Galilei die vier größten Satelliten des Planeten Jupiter entdeckte und sie als erster Forscher in seiner Schrift Sidereus Nuncius beschrieb. Io, Europa, Ganymed und Kallisto werden ihm zu Ehren als die Galileischen Monde bezeichnet. Der kurze Auszug aus Galileis Nachricht von den Sternen, den Flora S. Mahler ihrem Roman voranstellt, ist auf symbolische und formale Weise wegweisend für die darin erzählte Geschichte. Julie Leyroux ist das Zentrum, um das sich die anderen Figuren bewegen und deren Leben sie beeinflusst. Sie ist der Knotenpunkt, an dem die Erzählfäden zusammenlaufen. Und bleibt dabei selbst bis zum Ende eine schillernde Persönlichkeit, deren magnetische Kräfte anziehen und abstoßen.

Wer ist Julie Leyroux? Eine erfolgreiche Künstlerin, die sich mit feministischer Konzeptkunst und Performances schon früh einen Namen gemacht hat und, ihren Anfängen in einer Wiener Galerie entwachsen, in New York angekommen ist. Eine Frau, die stets ein Gefolge von weiblichen Geliebten und Bewunderern um sich hat, unter denen nur wenige von dauerhafter Bedeutung sind. Wenn man so will, ist die Person Julie Leyroux selbst ein personifiziertes, mit Klischees und Erwartungen spielendes künstlerisches Konzept.

Noch wichtiger als die Frage, wer Julie ist, scheint die Frage zu sein, wie sie auf andere wirkt. Flora S. Mahler entfaltet die Lebens- und Werkgeschichte ihrer titelgebenden fiktiven Künstlerinnenfigur aus den individuellen Perspektiven dreier Personen heraus, die Julie auf unterschiedliche Weise nahestehen: In ihre ehemalige Kommilitonin Mona war sie zu Studienzeiten verliebt, die Galeristin Ann hat Julies Konzeptkunst bekannt gemacht und konnte durch diese Verbindung ihren eigenen Erfolg begründen. Julie und ihren Halbbruder Robert verbindet eine enge, erotisch aufgeladene Beziehung. In drei Teilen, die vom Anfang der 2000er Jahre bis ins Jahr 2016 reichen, werden in episodenhaften, nicht-chronologischen Abschnitten die unsteten Konstellationen rückblickend erzählt. „Wohin Julie auch kam, sie verschob etwas im Beziehungsgefüge aller Anwesenden, nein, berichtigte es. In Julies Nähe fand man schneller seinen Platz. Und fühlte sich besser, da, wo man war.“

Nach und nach fügen sich die Teile zusammen, manche Lücken werden gefüllt, andere Leerstellen entstehen. Es mag der großen Zeitspanne geschuldet sein, dass in vielen Passagen die erzählerisch zusammenfassenden Rückblenden überwiegen. Hier wünscht man sich mehr szenische Beschreibungen und Dialoge in der Art, wie sie Mahler besonders im Umfeld der Kunstszene gekonnt umzusetzen weiß. Hierarchien, Konkurrenz und Sexismus bilden hier noch immer die Eckpfeiler. Wer auf diesem Feld mitspielen will, muss die Regeln des Betriebs beherzigen. Als bildende Künstlerin und Teil des Kollektivs Asgar/Gabriel weiß die Autorin, wovon sie spricht. Beim Entwurf ihres detaillierten, durchaus kritischen Portrait der Kunstwelt entstehen mitunter wie nebenbei ironische Beobachtungen und Szenen. Als Robert in einem Pariser Museum vor einem Gemälde von Tizian steht, gesellt sich eine Frau zu ihm, die er ohne hinzuschauen zunächst für Julie hält. Jedoch: „Die Frau neben ihm war nicht Julie, sondern jemand, der sich bloß deshalb zu ihm gestellt hatte, weil die Bedeutung eines Werks sich üblicherweise über die Zahl der Leute erschloss, die davorstanden, und in diesem Saal sonst niemand war.“

Auch Julies Arbeiten – angeordnet zwischen queer-feministischem Ikonentum, Female Empowerment, Provokation und dem Spiel mit den Mechanismen des Kunstmarktes – sind nicht zu akzeptieren, ohne sie zu hinterfragen. Aufsehen erregt besonders ihre Reihe feministischer Übermalungen, bei der Julie unter anderem ein aus der Sammlung ihres Vaters stammendes Mao-Portrait von Andy Warhol mit einer Schicht schwarzer Farbe überdeckt. Dass ein schon zu diesem Zeitpunkt absurd hochpreisiges Werk nach Julies Aktion und Jahrzehnte später für mehr als drei Millionen bei Sotheby’s versteigert wird, ist ein Beweis für die obszöne Wertbemessung innerhalb der Kunstwelt. Ein Vergleich zu dem geschredderten Banksy-Bild liegt nicht allzu fern.

Mona, Ann und Robert sind in dieser Geschichte drei der um Julie Leyroux kreisenden Monde. Für alle vier geht es darum, ihren Platz zu finden. Gerade Julie, die sich den Mechanismen der Kunstwelt immer wieder entzieht und sich einer Platzzuweisung verweigert, ist am Ende des Romans die tragischste der Figuren. Als Projektionsfläche und Objekt der Faszination zugleich hinterlässt Julie im Leben der anderen die größte Lücke. Bleibt man bei der Analogie zu den Monden Jupiters, stellt sich die Frage, wer neben dem Dreigestirn Mona, Ann und Robert den vierten Platz der Leyroux’schen Monde einnimmt. Vielleicht ist es die Leserin, die sich im Moment der Lektüre der zentralen Figur Julie abwechselnd annähert und sich mit jeder neuen Drehung wieder von ihr entfernt.

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Flora S. Mahler: Julie Leyroux
Müry Salzmann 2021
240 Seiten / 24 Euro

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Foto: paulinemongarny / pixabay.com

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