Der Buchbegeisterer – Interview mit Uwe Kalkowski

Von Pascal Mathéus und Larissa Plath

Das vierte Gespräch zur Rettung der Literaturkritik in der Aufklappen-Reihe Kritik der Kritik der Kritik

Uwe Kalkowski ist der Kaffeehaussitzer. Seit 2013 bloggt der leidenschaftliche Leser und Kaffeetrinker unter diesem Namen. Mit seinen betont subjektiven Buchbesprechungen, die oft von atmosphärischen Fotos aus Cafés begleitet werden, ist er zu einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Literaturblogger geworden. Im Interview mit Aufklappen hat Kalkowski erzählt, was seinen Ansatz von klassischer Literaturkritik unterscheidet und warum Blogs und Feuilleton keine Bedrohung füreinander sind.

Uwe Kalkowski / Foto: Vera Prinz

Aufklappen: Sie sagen von sich selbst, sie seien kein Literaturkritiker. Was sind Sie dann?

Uwe Kalkowski: Das bin ich ehrlich gesagt schon oft gefragt worden und ein richtiges Wort dafür gibt es vielleicht gar nicht. Ich sehe mich als eine Art Buchbegeisterer. Das ist vielleicht ein bisschen das Buchhändler-Gen in mir, denn wenn ich selbst von einem Buch begeistert bin, dann wollte ich schon immer, dass es so viele Menschen wie möglich lesen. Das möchte ich auch mit meinem Literaturblog erreichen: Auf Bücher aufmerksam machen, die mir am Herzen liegen und schreiben, warum dies so ist. Das ist eine subjektive, vollkommen emotionale Herangehensweise, also das Gegenteil von klassischer Literaturkritik. Für eine rein formale Kritik, die Bücher literaturwissenschaftlich einordnet und die sich an gängigen Literaturtheorien orientiert, ist akademisches Handwerkszeug notwendig. Doch diese formellen Aspekte und die Frage, warum ein Text funktioniert oder warum ein Text nicht funktioniert, sind mir als Leser – und Blogger – nicht wichtig. Wenn ich einen Text lese und er stößt etwas in mir an, dann versuche ich in meinem Blog Worte dafür zu finden, was das war, warum er etwas in mir auslöst oder warum mich eine bestimmte Textstelle besonders berührt. Meine Buchvorstellungen – ich sage auch meistens Buchvorstellung und nicht Buchbesprechung – sind oft deshalb so subjektiv, weil sie viel mit eigenem Erleben zu tun haben. In der Kurzbeschreibung zu meinem Blog heißt es, es gehe um Bücher und Leseerlebnisse und das trifft es ganz genau: Über Bücher bloggen heißt für mich, persönliche Geschichten zu erzählen. 

Welche Ausbildung haben Sie gemacht?

Ich bin ausgebildeter Buchhändler und habe an der HTWK Leipzig Verlagswirtschaft studiert. 18 Jahre lang habe ich in Fachverlagen gearbeitet und mich dort um das Marketing für juristische Fachinformationen gekümmert. Seit August 2019 bin ich bei Eichborn als Produktmanager tätig und verantwortlich für die Vermarktung des Verlagsprogramms. Nach meinem Verlagswirtschaftsstudium wäre es mein Wunsch gewesen, direkt in einem Belletristikverlag zu arbeiten. Aber 2001 war das Jobangebot bundesweit nicht sehr üppig und als ich das Angebot bekam, beim Carl Heymanns Verlag in Köln anzufangen, habe ich nicht lange überlegt. Damals dachte ich mir, ich könnte mich ja zwei, drei Jahre beruflich mit juristischer Fachliteratur beschäftigen und würde dann mal weitersehen. Wie das Leben so spielt, sind daraus 18 Jahre geworden und drei Verlage. Was auch dazu führte, dass ich für meine Literaturleidenschaft irgendwann ein Ventil gesucht und mit meinem Blog gefunden habe; einfach nur, um meine Begeisterung für Bücher teilen zu können. Den Domainnamen „Kaffeehaussitzer“ hatte ich schon lange davor aus einer Laune heraus reserviert und so kam eben eines zum anderen. Ich weiß noch genau, wie ich zum ersten Mal in WordPress auf den Button „Veröffentlichen“ geklickt habe – und völlig fasziniert davon war, das eigene Geschriebene auf einer eigenen Seite in diesem Internet zu sehen. Das war im Juni 2013 und was daraus alles entstehen würde, hätte ich nie, wirklich niemals für möglich gehalten; sei es etwa der Gewinn des ersten Buchblog-Awards, die Jurytätigkeit für den Deutschen Buchpreis 2018 oder Gründungsmitglied des Vereins Literaturszene Köln zu sein – all das hat sich aus dem ersten Klicken des „Veröffentlichen“-Buttons ergeben. Und letztendlich auch der Job, den ich jetzt ausübe. Vor allem aber – und das ist das Schönste daran – habe ich durch das Bloggen unendlich viele sympathische Buchmenschen kennengelernt.

Wie sah die Landschaft der Literaturblogs aus, als Sie 2013 mit Ihrem Blog gestartet sind?

Es gab schon einige Literaturblogs, manche schon seit Jahren. Gleichzeitig war 2013/2014 etwa der Zeitpunkt, als die Verlage das für sich entdeckt haben und den Kontakt zu Bloggern in den unternehmerischen Kommunikationsmix mit aufnahmen. Ich selbst hatte keine Ahnung vom Bloggen und von Literaturblogs noch nie etwas gehört. Ich bin da vollkommen ungeplant hineingestolpert, das war eher ein Herumprobieren, ein Stochern im WordPress-Nebel. Der Name war da, dann kam die Idee, Titelbilder mit Kaffeehaussituationen zu verwenden, dann habe ich über ein paar meiner Lieblingsbücher geschrieben – wie zum Beispiel Sven Regeners Herr Lehmann, ein Buch, das ich seit dessen Erscheinen 2001 jedes Jahr einmal gelesen habe und das dann auch die allererste Buchvorstellung im Blog gewesen ist – und ziemlich schnell habe ich gemerkt, hey, das sind ja noch andere Leute, die Ähnliches machen. Bald waren die ersten Kontakte geknüpft, auf den Buchmessen gab es erste Begegnungen im „echten“ Leben. Die Szene war deutlich kleiner als heute, das Miteinander meist sehr herzlich und freundschaftlich. Doch die Bloggerwelt ist ein Kommen und Gehen, es gibt etliche Blogs aus dieser Zeit, die heute nicht mehr dabei sind – aus den unterschiedlichsten Gründen. Andere haben sich verändert, aus ihnen sind neue Formate entstanden; ein gutes Beispiel dafür ist etwa 54books. Tilman Winterling war mit seinem Blog damals ebenfalls relativ frisch am Start; heute ist daraus ein etabliertes Onlinemagazin mit einem ganzen Redaktionsteam geworden. Andere Blogs wiederum, die mir damals sehr wichtig waren, sind vollkommen verschwunden; aber dafür gab es auch zahlreiche sehr lohnenswerte Neuentdeckungen in den letzten Jahren. Bei mir wurde das Bloggen ziemlich schnell ein fester Teil meines Lebens; und das ist es heute mehr denn je. Zwar hat die Frequenz etwas nachgelassen und ich komme deutlich weniger zum Schreiben als zu Beginn – war es am Anfang mindestens ein Beitrag die Woche, manchmal auch zwei, so schaffe ich heute gerade einmal drei im Monat. Doch wenn ich eine Weile nichts gebloggt habe, werde ich ungeduldig mit mir selbst, es ist wie ein Bedürfnis. Und gleichzeitig habe ich eine große Menge an Büchern in der Blogpipeline, die schon seit Monaten auf ihre Vorstellung warten. Langweilig wird es mir also nicht.

Über Bücher bloggen heißt für mich, persönliche Geschichten zu erzählen.

Sie haben nicht den Anspruch, auf Ihrem Blog eine Aktualität abzubilden, oder?

Eher das Gegenteil. Aktuellen Publikationen hinterherzujagen, schaffe ich rein zeitlich nicht, und wenn manche Bücher gerade gefühlt überall besprochen werden, habe ich für mich das Gefühl, es sei schon alles gesagt. Meistens schwindet dann die Neugier und das Interesse, sich selbst mit dem Titel zu beschäftigen. Daher finde ich es immer ein bisschen schade, wenn in vielen Blogs die gleichen Bücher vorgestellt werden – dabei gibt es so viel rechts und links des Weges zu entdecken. Bei mir steht ein Buch oft jahrelang im Regal, bevor ich es lese. Und wenn es mich überzeugt, stelle ich es im Blog vor, egal wie viel Zeit seit dem Erscheinungstermin vergangen ist. Manchmal sind Bücher auch schon gar nicht mehr lieferbar, aber darum geht es mir auch nicht. 

Das bietet eine große Freiheit.  

Ja, und alles andere würde mich auch viel zu sehr unter Druck setzen. Das neue Buch von XY als einer der ersten im Blog zu besprechen, könnte ich gar nicht leisten. Und es wäre mir auch nicht wichtig. Ich blogge über Bücher und Literatur, weil es mir Spaß macht und nicht, weil ich das Gefühl habe, irgendetwas tun oder mich zu bestimmten Büchern oder Themen äußern zu müssen.

Lesen Sie denn Kritiken und nehmen Literaturkritik in anderen Medien wahr?

Ich schaue auf jeden Fall immer, welche Bücher im Feuilleton besprochen werden, schon alleine jobbedingt finde ich das spannend. Aber einen Tipp, bei dem der Funke sofort überspringt, bei dem ich denke, das muss ich sofort lesen – den finde ich dort selten. Ein schönes Beispiel war Burkhard Müllers mitreißende Besprechung von John Lanchesters Die Mauer in der Zeit. Ich habe die Zeitung weggelegt, die Jacke angezogen, bin zur Buchhandlung gelaufen und habe das Buch gekauft. Dann habe ich mich mit dem Roman an den Küchentisch gesetzt und den ganzen Abend lang gelesen. Doch leider wird der Platz für Literatur in den großen Medien kleiner. In der Zeit sind heute zwei Buchbesprechungen, manchmal drei, das war’s dann schon. Ähnlich sieht es ja auch in den anderen überregionalen Zeitungen aus. Während unsere Regionalzeitung hier in Köln, der Kölner Stadtanzeiger, sich einmal im Monat eine komplette Literaturbeilage gönnt – das finde ich absolut großartig. Aber wie gesagt, insgesamt ist die Präsenz der Literatur in den klassischen Medien weniger geworden und deshalb nehmen andere Formate die Plätze ein. Zur Literaturkritik im Radio ist in letzter Zeit genug gesagt worden, das ist ein Trauerspiel. Ich kann absolut nicht nachvollziehen, was sich öffentlich-rechtliche Sender dabei denken. 

Entdecken sie solche Besprechungen, wie Sie sie vorhin beschrieben haben, vermehrt auf Blogs?

Auf jeden Fall. Meine beiden Hauptinspirationsquellen für Buchkäufe sind Literaturblogs und Buchhandlungen. Eine Woche, in der ich nicht mindestens zwei-, dreimal in einer Buchhandlung war, die gibt es außerhalb der vergangenen Lockdownzeiten eigentlich gar nicht. Ich versuche zwar – meistens vergeblich – , nicht jedes Mal etwas zu kaufen, aber eine kleine, feine Buchhandlung und ein gut sortiertes Regal sind einfach ein Traum. Es gibt bei mir in Fußlaufweite mehrere solcher Buchhandlungen, eine davon ist nicht viel größer als ein Wohnzimmer. Aber genau dort mache ich fast immer eine Entdeckung und finde ein Buch, von dem ich ein paar Minuten zuvor noch gar nicht gewusst habe, dass ich es unbedingt brauchen würde. Daher ist es mir wichtig, jede Buchvorstellung mit dem Hashtag #SupportYourLocalBookstore zu beenden und der Beitrag „Wo ich Bücher kaufe. Und wo nicht“ gehört zu den meistgelesenen im Blog.

Lassen Sie uns nochmal über Subjektivität reden und über das Begeistern für Bücher. Mit Stefan Gmünder haben wir ebenfalls darüber gesprochen. Wenn er seinen Beruf als Kritiker beschreibt, dann hört sich das tatsächlich nicht viel anders an als bei Ihnen: Er nimmt für sich in Anspruch, einen unakademischen Ansatz zu fahren, auch wenn er Germanistik studiert hat. Es ist ihm wichtig, dass der Funke Begeisterung überspringt. Und er sieht es eben auch als Aufgabe der Literaturkritik, dass man den Leuten zeigt, hier ist etwas, was mit deinem Leben zu tun hat. Weshalb würden Sie für sich trotzdem auf diesen Unterschied zur Literaturkritik beharren wollen?

Ich beharre auf keinen Fall darauf, das erwähnte Erlebnis mit der Besprechung von Die Mauer ist ja ein gutes Beispiel dafür. Doch den akademischen Ansatz der Literaturkritik würde ich in meinem Blog einfach nicht sehen. Das Interview mit Stefan Gmünder habe ich mit großer Sympathie gelesen, schon alleine deswegen, weil wir mit Philippe Djian beide einen Autor haben, der uns in jungen Jahren sehr beeindruckt hat. Djians „Betty Blue“ war für mich mit zwanzig ein Erweckungserlebnis; ein Roman der mir eine Welt jenseits der bürgerlichen Konventionen gezeigt hat. Es war die Zeit des Aufbruchs ins Leben und er hat mit seinen Büchern den Soundtrack dazu geliefert – so beschreibe ich dies im Blog.

Ich blogge über Bücher und Literatur, weil es mir Spaß macht und nicht, weil ich das Gefühl habe, irgendetwas tun oder mich zu bestimmten Büchern oder Themen äußern zu müssen.

Vielleicht muss Kritik nicht zwangsläufig vom akademischen Anspruch her gedacht werden. Reich-Ranicki zum Beispiel erzählte öfter, er habe das erste Mal eine Universität von innen gesehen, als er dort als Professor vorgetragen hat. Aber natürlich gibt es daneben auch den dezidiert akademischen Zugang. Philipp Tingler hat kürzlich in der NZZ geschrieben, es gebe objektive Kriterien für Literaturkritik. Welche das sein sollen, darüber müsste man mal reden.

Er hat von objektiven Formalia gesprochen, die zeigen, warum ein Text funktioniert und warum nicht. All das sehe ich bei mir und meinen Buchvorstellungen nicht. Ein Buch berührt mich, weil der Moment passt, in dem ich es lese, oder weil der Text etwas mit meinem Leben zu tun hat. Oder weil ich darin Gedanken finde, über die ich mir auch schon oft den Kopf zerbrochen habe, die ich aber bisher nie so formulieren konnte. Vom Liebeskind Verlag habe ich kürzlich das neue Buch von Hari Kunzru zugeschickt bekommen, dessen White Tears vor ein paar Jahren eines meiner absoluten Lesehighlights war. In seinem neuen Roman Red Pill wollte ich nur kurz hineinlesen, doch direkt die erste Seite hat mich umgehauen. Er schreibt aus der Sicht eines Anfang 50-jährigen – Hari Kunzru ist 1969 geboren und damit der gleiche Jahrgang wie ich – darüber, wie es sich anfühlt, wenn man merkt, dass einen das Älterwerden einholt. Es ist so treffend auf den Punkt gebracht, dass ich dachte: genau, genau, genau! Und das auf einer einzigen Seite. Das ist für mich die Macht der Literatur: Man findet vielleicht keine Antworten, aber Formulierungen für Gedanken, die man selbst bisher nicht in Worte fassen konnte. Identifikatorisches Lesen gilt in der Literaturkritik eher als unprofessionell, aber ich kann gar nicht anders an ein Buch herangehen – und auch deshalb ist das Lesen für mich immer subjektiv. Wenn ich die Handlungsweise eines Protagonisten – egal ob er auf mich als Leser sympathisch oder unsympathisch wirkt – nicht in irgendeiner Weise nachvollziehen kann, bin ich aus der Geschichte raus. Da ist es mir egal, ob der Text formal gut geschrieben sein mag, einen Zugang finde ich nicht. Das ist dann so, als wäre eine Glasscheibe zwischen mir und dem Buch. 

Genau diese Begeisterung ist es ja auch, die in Ihren Texten erkennbar ist. Und sollte das nicht auch der Anspruch sein? Diesen Funken, von dem wir vorhin gesprochen haben, überspringen zu lassen? 

Ich schreibe fast nur über Bücher, die mich wirklich bewegt haben – auf welche Art auch immer – und die Bücher, die ich im Blog vorstelle, sind nur ein Bruchteil von dem, was ich gelesen habe. Verrisse gibt es ganz selten, meistens ist mir dafür die Zeit zu schade. Mal davon abgesehen, dass ich Bücher, die mir nicht gefallen, meistens auch nicht zu Ende lese, um keine Leselebenszeit zu verschwenden. Auch auf die Gefahr, mich zu wiederholen: In meinen Literaturblog möchte ich meine Begeisterung zum Ausdruck bringen und hoffe, dass dadurch eben jener Funke überspringt. Immer wieder erhalte ich von Leserinnen und Lesern das Feedback, das genau das funktioniert. In der schönsten Mail, die ich in den Jahren des Bloggens bekommen habe, schrieb mir jemand, dass er durch meine Buchvorstellungen für sich selbst wieder die Freude am Lesen gefunden hat. Gibt es ein schöneres Kompliment?

Ein Unterschied zu den literaturkritischen Zugängen ist dann vielleicht doch vorhanden. Sie haben den identifikatorischen Zugriff für sich in Anspruch genommen, der sicherlich auch zulässig sein muss. Eine akademisch geprägte Kritik würde dann aber vielleicht anmerken, dass das nur eine mögliche Methode sei, die zudem eine realistische Lesart voraussetzt. Es gibt aber auch viele Texte, die eine psychologische Nachvollziehbarkeit gar nicht anstreben, sondern mit anderen Mitteln arbeiten. Sind Sie bei solchen Texten grundsätzlich raus?

Das kommt darauf an. Ein Text kann ja auch einfach als Text so schön sein, dass er mich begeistert. Aber ob das über einen ganzen Roman funktionieren würde, da bin ich mir nicht ganz sicher. Es gibt allerdings auch ein anderes Beispiel: Marieke Lucas Rijnevelds Was man sät. Dieser Roman strahlt eine so bedrückende, unangenehme Stimmung aus, dass es kaum auszuhalten ist – zumindest empfand ich das so. Und gleichzeitig weckt die Schilderung genau jener bedrückenden Stimmung einen regelrechten Sog, so dass ich trotz meines Unbehagens nicht aufhören konnte zu lesen. Ich habe das Buch zweimal abgebrochen und zweimal dann doch weitergelesen, denn irgendwie gab es da etwas, das mich in die Geschichte hineingezogen hatte. Das war eines meiner faszinierendsten Leseerlebnisse im letzten Jahr. 

Sie haben mit Blick auf das Buch von Kunzru gesagt, man würde darin so gut beschrieben finden, was passiert, wenn einen das Alter einhole. Was passiert denn da?

Es ist dieses Gefühl der Endlichkeit des Lebens, das einen irgendwann mit ziemlicher Wucht einholt und das man mit Anfang zwanzig überhaupt nicht kannte. Da liegt alles weit vor einem ausgebreitet, man hat unendlich viele Möglichkeiten, doch ganz langsam beginnen sich bestimmte Zeitfenster zu schließen. Zwischen zwanzig und dreißig habe ich viele Radurlaube gemacht, damals träumte ich davon, einmal einen Himalayapass mit dem Fahrrad zu überqueren. Das werde ich wohl nicht mehr machen, doch immerhin ging es damals über einen Andenpass, eine Tour, die sich dieses Jahr zum fünfundzwanzigsten Mal jährt und die ich niemals vergessen werde – auch damals übrigens mit einem Leseerlebnis im Gepäck. Das Gefühl des Älterwerdens, des unerbittlichen Vergehens der Zeit ist unterschwellig immer da und Kunzru bringt es unfassbar gut auf den Punkt. Vielleicht wirkt das aber nur so auf mich, weil ich genau in dem Alter bin, das er beschreibt – so viel zum Thema identifikatorisches Lesen. Auf jeden Fall habe ich festgestellt, dass ich mich in vielen Blogbeiträgen damit beschäftige.

Ein Buch berührt mich, weil der Moment passt, in dem ich es lese, oder weil der Text etwas mit meinem Leben zu tun hat.

Hilft es, das so formuliert zu sehen, um besser damit klarzukommen? Finden Sie Trost in der Literatur?

Ich finde schon, dass Literatur in solchen Fragen hilft. Bereits dadurch, andere Gedanken, andere Lebensentwürfe und andere Gesellschaften kennenzulernen, ist man nicht alleine mit Fragestellungen, die einen umtreiben. Für mich ist das Lesen etwas, durch das ich mich lebendig fühle und das mir hilft, mich ich der Welt immer wieder neu zu verorten. Und das Bloggen über das Gelesene intensiviert dies noch einmal. Auf eine gewisse Weise habe ich mich selbst durch den Literaturblog ein Stück weit neu erfunden, habe Leute kennengelernt, die ich sonst niemals kennengelernt hätte, habe Dinge erlebt, die ich sonst nie erlebt hätte. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar – auch dass wir jetzt hier sitzen und uns unterhalten würde ansonsten ja gar nicht stattfinden. Letztendlich hat die Entscheidung, einen Literaturblog zu starten, den eigenen Horizont in alle Richtungen erweitert – und das betrifft nicht zuletzt auch den eigenen Umgang mit Literatur, indem man so viele unterschiedliche Ansatzpunkte und Meinungen kennenlernt, und andere Arten, sich mit Büchern zu beschäftigen.

Würden Sie heute etwas anders machen beim Bloggen? So wie Sie es erzählen, klingt es, als sei das für Sie der richtige Weg gewesen: intuitiv anfangen und dann schauen, was sich daraus ergibt.

Es gibt Menschen, die einen Blog starten, um sich beruflich zu profilieren oder um sich damit ganz bewusst ein Standbein aufzubauen, mit dem sie ihr Know-how zeigen und gezielt Kontakte knüpfen möchten. Das ist eine von vielen Möglichkeiten, an die Sache heranzugehen, die eine gute Vorausplanung und redaktionelle Arbeit erfordert. Und die so gar nicht mein Ding wäre. Ich bin ein relativ planloser Mensch und mache die meisten Sachen intuitiv. Ich stolpere gerne irgendwo hinein und schaue, was passiert – eine Lebensweise, der ich viele schöne Erfahrungen, aber auch den ein oder anderen zähen Umweg verdanke. Von daher war dieses Einfach-Machen genau der richtige Weg für mich und ich würde auch genauso wieder an das Bloggen herangehen, schon alleine deshalb, weil ich es gar nicht anders könnte. Und was einen Redaktionsplan betrifft: Ich habe eine Liste, auf der zur Zeit um die vierzig Bücher und Ideen für Beiträge stehen – teilweise auch schon sehr lange – und wenn ich den nächsten Text schreibe, schaue ich auf die Liste und überlege, auf was ich jetzt Lust habe. Und manchmal wird es auch etwas ganz anderes.

An der Stelle können wir Ihnen nur ein Kompliment machen: Man merkt den Texten diese Spontaneität und Freiheit auch an.

Dafür hat mein Literaturblog aber keinen thematischen Zusammenhang, keine thematische Klammer, sondern er bietet viel Verschiedenes – mal Literatur, mal Genre, mal einen Krimi, mal ein Sachbuch zu einem historischen Thema, mal ein persönliches Erlebnis. Immer wieder wird die Frage nach einem Schwerpunkt des Blogs gestellt und ich kann sie daher nie richtig beantworten; letztendlich geht es darum, über Bücher zu reden – und über Leseerlebnisse.

Im digitalen Kaffeehaus.

Genau, auch das. „Kaffeehaussitzer“ – bei dem Namen sieht man jemanden vor sich, der im Café sitzt, was auch immer eine Einladung ist, sich dazu zu setzen. Der Blog ist mein virtuelles Kaffeehaus und da kann jeder hereinkommen, der möchte.

Gibt es eine nennenswerte Zahl an Kaffeehäusern in Köln?

Es gibt einige sehr schöne Cafés hier, die jetzt auch endlich wieder geöffnet sind. Nur meine Zeit, um dort zu sitzen, ist leider relativ begrenzt. Anfang der Neunziger wohnte ich in Freiburg und wusste nicht, was ich nach dem Zivildienst machen sollte. Drei Jahre lang habe ich damals als Altenpflegehelfer gejobbt und in den Tag hineingelebt. Durch den Schichtdienst hatte man ziemlich viel Zeit und einen Großteil davon habe in Cafés verbracht. Da saß ich ganze Nachmittage lang und habe gelesen, Zigaretten geraucht und Kaffee getrunken. Das war wunderbar und der Name meines Blogs ist für mich auch eine Erinnerung an diese Jahre.

Ich bin jeden Monat begeistert über die Qualität der Beiträge, über das Engagement, das Herzblut, das in so vielen Blogs steckt.

Ein paar traditionelle Kaffeehäuser wie zum Beispiel in Wien gibt es noch, aber die große Zeit der Kaffeehäuser ist vorbei. Wie steht es mit der großen Zeit der Literaturblogs? Wie sehen Sie die Zukunft in diesem Bereich? Bloggerkollege Tobias Nazemi sah sich neulich gezwungen „ein strengeres Regelwerk für Buchbesprechungen“ auf Blogs zu erlassen, weil er findet, dass sich manches in die falsche Richtung entwickelt. 

Das ist eine gute Frage. Abgesänge gibt es immer mal wieder. Auch Tobias Zeising hat auf Lesestunden einen schönen Beitrag dazu geschrieben. Der totale Hype war 2014, 2015 vielleicht auch noch 2016, als alle Verlage Literaturblogger zu Events eingeladen haben, Blogger auf Pressereisen mit dabei waren und vieles mehr. Inzwischen hat sich vieles in die Sozialen Medien verlagert, insbesondere zu Instagram. Ich merke das, wenn ich über die Jahre durch den Blog blättere. Die Kommentare unter den Blogbeiträgen sind weniger geworden, weil inzwischen auf Instagram kommentiert und miteinander geredet wird. Aber, und zu dem Schluss kommt Tobias Zeising in seinem Artikel, die Blogs sind nach wie vor da – und quicklebendig. Ich schreibe jeden Monat eine Kolumne auf Buchmarkt in der ich aktuelle Fundstücke aus den Literaturblogs vorstelle und durchforste alleine deswegen schon die mir wichtigen Seiten. Und ich bin jeden Monat begeistert über die Qualität der Beiträge, über das Engagement, das Herzblut, das in so vielen Blogs steckt. Die meisten Menschen bloggen, weil sie Lust darauf haben und mit anderen vernetzt sind, und deshalb wird es die Blogs auch in Zukunft geben – für mich sind Literaturblogs ein beständiges Medium. Auch drüben auf Instagram gibt es immer wieder Bookstagramer, die das grandios machen, die schöne, kurze Texte schreiben, doch allein durch die begrenzte Zeichenzahl bleiben die Buchvorstellungen oft an der Oberfläche. Und es ist ein flüchtiger, schneller Kanal, der einen Tag für Tag mit einer wahren Bilderflut bombardiert. Deswegen finde ich Blogs spannender, interessanter, vielseitiger. Dort geht es mehr in die Tiefe, man findet nicht immer nur die gleichen Bücher wie auf Instagram, sondern auch ausgefallenere Sachen. An dieser Stelle empfehle ich unbedingt den Text von Bloggerin Nina Goldhammer: „3 Gründe, warum du mehr Blogs lesen solltest“. Der bringt das auf den Punkt. Für mich selbst gibt es einen harten Kern von etwa 100 Literaturblogs, die mir – auch berufsmäßig – wichtig sind, in denen qualitativ hochwertige Beiträge erscheinen und die sicherlich auch in ein paar Jahren existieren werden. Ich wüsste zumindest keinen Grund, warum es nicht so sein sollte. 

Könnte oder sollte man mit Blick auf die Literaturkritik das Image von Blogs ändern, sodass die Trennung zwischen Feuilleton und Blog nicht mehr so krass gezogen wird?

Ich glaube, das ist von Anfang an ein grundsätzliches Missverständnis gewesen. Vor ein paar Jahren gab es diese leidige Debatte „Feuilleton vs. Blogs“. Damals hatte ich stets das Gefühl, beide Seiten verstehen nicht so genau, dass das eine nicht das andere ersetzt, sondern dass es sich um zwei völlig unterschiedliche Herangehensweisen handelt, sich mit Literatur zu beschäftigen. Von der Seite des Feuilletons aus pickte man sich gerne ein paar gruselig blinkende Blogs mit banalen Texten heraus und beklagte das furchtbare Niveau in diesem Internet. Und hat dabei nie verstanden, dass die Buchblogszene mit ihren weit über tausend aktiven Buchblogs in so viele Unterszenen aufgesplittet ist, dass es DIE Literaturblogs oder DIE Buchblogs gar nicht gibt. Die Bandbreite reicht von Blogs mit Texten auf feuilletonistischem Niveau bis hin zu Seiten zum Fremdschämen, wo vielleicht gerade einmal der Klappentext abgeschrieben wurde; von den vielen thematischen Untergruppen gar nicht erst zu reden. Doch wenn man sich auf die Suche nach anspruchsvollen Literaturblogs macht, wird man mit vielen lesenswerten Texten belohnt. Aus dieser Situation heraus ist übrigens die schon erwähnte Kolumne im BuchMarkt entstanden. Der Herausgeber Christian von Zittwitz hatte mich gefragt, ob ich Interesse daran hätte, den BuchMarkt-Leserinnen und -Lesern monatlich einen Einblick in die Welt der Literaturblogs zu geben. Seit fünf Jahren schreibe ich jetzt diese Kolumne, was bedeutet, dass sie bereits 60-mal zu einem Bummel durch die bunte und abwechslungsreiche Welt der Literaturblogs eingeladen hat. In der Regel sind es selten nur Buchbesprechungen, die ich in die Kolumne aufnehme, sondern oft auch Texte zu gesellschaftspolitischen Themen und zu Themen, die Literaturmenschen bewegen.

Daran hängt auch eine Frage nach einer grundsätzlichen Tendenz: Nämlich die, ob die klassische Rezension bald ausgedient hat. Das ist eine Frage, die diskutiert wird. Man setzt auf andere Formate – Portraits, Interviews, Features, oder bringt ein Oberthema und stellt dazu drei Bücher vor. Es gibt Leute, die meinen, die klassische Rezension sei zu langweilig.

Ich finde, die Mischung macht’s. Interviews gibt es in meinem Blog zum Beispiel wenig, aber dafür immer wieder Texte, die nicht direkt mit Büchern zu tun haben, sondern mit einem prägenden Erlebnis, meist verknüpft mit einem bestimmten Text; es ist eine Rubrik, die ich „Textbausteine“ genannt habe. Ich selbst lese Buchblogs vor allem, um mir neue Lektüretipps zu holen oder die Meinung einer befreundeten Bloggerin, eines befreundeten Bloggers zu einem Buch, das ich mochte zu lesen. Oder auch nicht mochte, was ja meist spannender ist. Und auf die Frage, warum ich blogge, lautet die einfachste Antwort: weil ich es kann und weil es mir Spaß macht. Das ist mein Antrieb. Ich liebe es, über Bücher zu sprechen. Im Prinzip ist das so, wie mit Freunden im Kaffeehaus zu sitzen. Die Türe steht offen. 

* * *

Zum Weiterlesen:


Sven Regener: Herr Lehmann
Eichborn 2001
304 Seiten / 19,99 Euro

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Philippe Djian: Betty Blue
Diogenes 1988
400 Seiten / 13 Euro

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Hari Kunzru: Red Pill
Liebeskind 2021
352 Seiten / 22 Euro

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John Lanchester: Die Mauer
Klett-Cotta 2019
348 Seiten / 24 Euro

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Hari Kunzru: White Tears
Liebeskind 2017
352 Seiten / 22 Euro

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Marieke Lucas Rijneveld: Was man sät
Suhrkamp 2019
317 Seiten / 21 Euro

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Titelbild: geralt / pixabay.com

2 Kommentare zu „Der Buchbegeisterer – Interview mit Uwe Kalkowski

  1. Ein wunderbares Interview! Ich habe bei der Lektüre sehr oft genickt. Stichwort Backlist lesen oder bei dem Gedanken, dass Bücher einfach auch ihren passenden Moment brauchen (deshalb nehme ich manches Buch auch ein zweites oder drittes Mal zur Hand) oder dass die Zeit der Blogs noch nicht vorbei ist. Viele Grüße

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