Make Realpolitik sexy again – Yasmine M’Barek: Radikale Kompromisse

Von Carlotta Voß

Die ‚Polarisierung‘ der Gesellschaft ist nicht zufällig ein Lieblingsthema im Feuilleton und auf dem Sachbuch-Markt: Gut lässt sich darüber vom Standpunkt gefühlter Wahrheit respektive der Twitter-Exegese schreiben und auf die Furcht vor dem ‚Verlust der Mitte‘ ist unter deutschen Lesern Verlass. Auch Radikale Kompromisse der ZEIT-Redakteurin Yasmine M’Barek kreist um den Befund der Polarisierung, aber das Buch kommt anders daher als vergleichbare Analysen. Nicht als Warnruf, sondern als positives Plädoyer für „ein Revival echter Realpolitik“. 

Das Cover verrät die Agenda: Jung, frisch, leicht will man sein (sanfte Pfirsichtöne), aber nicht um den Preis von intellektuellem Gewicht (graphische Formen und schnörkellose Schrift). Die Texte auf Buchrücken und Klappe unterstreichen den Anspruch von analytischer Schärfe, ideeller Richtlinienkompetenz und Originalität: Unter anderem Andreas Scheuer und Sanae Abdi versprechen da eine „brillante Gegenwartsanalyse“ bzw. das „Manifest einer neuen politischen Generation“. An diesem Anspruch muss M’Bareks Buch gemessen werden, einerseits. Über das Andererseits wird zu sprechen sein, wenn gezeigt worden ist, inwiefern das Buch am erhobenen Anspruch scheitert. 

Yasmine M’Barek nimmt in Radikale Kompromisse nahezu alle großen politischen Debatten der bundesrepublikanischen Gegenwart vom Klimaschutz bis zur Impfflicht in den Blick und versucht, sie als Exempla dafür auszulegen, dass die demokratische Tugend der progressiven Kompromissfindung derzeit blockiert sei. Und zwar, so ihre These, weil die „Idealisten“ nicht mehr mit realpolitischem Sinn für ihre Ideen werben. 

Nach M’Bareks Theorie teilt sich die Gesellschaft nämlich in eine Gruppe der „Idealisten“, die Probleme im System ausmachen und Lösungsvorschläge entwickeln, eine Gruppe der „Konservativen“, der es um die Bewahrung des Bestehenden geht, und eine Mehrheit der „Stagnierenden“, die „hauptsächlich aus Eigennutz“ politische Entscheidungen treffen (wobei manchmal diese Mehrheit und „Konservative“ bei M’Barek synonym sind). Dazu gibt es noch die „Realisten“, denen die Sympathie der Autorin gilt und die sie als Variante der Idealisten entwirft, denn sie haben „das Ziel im Blick, sind aber flexibel, wie der Weg dorthin aussieht“. 

M’Barek tummelt sich also auf der Ebene der Tagespolitik und strebt gleichzeitig zum theoretischen Überblick. Nur: Es bleibt bei dem Streben, insofern das deskriptive Potential ihrer Theorie durch deren Unschärfe einerseits und normative Aufladung andererseits ausgesprochen gering ist. Um nur zwei Kritikpunkte zu nennen: M’Barek setzt schlicht voraus, dass die Idealisten „meistens links“ sind; „rechts“ könnten sie nicht sein – und dabei bleibt offen, was „links“ und „rechts“ eigentlich meint. Ist der katholische Priester, der in der Debatte um das Abreibungsrecht die Position vertritt, das Lebensrecht des Fötus sei unantastbar, ein „Rechter“, ein Konservativer oder ein „linker“ Idealist?

Qua Design ihrer Theorie geht M’Barek außerdem davon aus, dass demokratisch verfasste Gesellschaften durch die absolute Mehrheit der „Stagnierenden“ und die notwendig „linke“ Struktur der Idealisten sich nur entweder nicht oder positiv bzw. „links“ entwickeln können. Darein fügt sich M’Bareks feste Überzeugung, dass in Demokratien notwendig „Realisten“ an der Macht sind, das heißt: Politiker mit Blick auf das idealistische Ziel bei gleichzeitiger pragmatischer Begabung. So liest man bei ihr, zwar bräuchten Politiker „eine Portion Narzissmus“, aber immer hätten sie „ihre Position erreicht, weil sie Werte vermitteln können und Kompetenz ausstrahlen.“ Und bei Machtmissbrauch (wie immer sie ihn begreift) würde die Mehrheit Politiker eben „meist auch“ abwählen. Eine solch optimistische Prämisse kann, sollte man meinen, spätestens seit einer Präsidentschaft Trumps nicht mehr einfach postuliert werden.

Statt nun ihre Theorie zu schärfen, erzählt M’Barek mit solcher Ausführlichkeit Feuilleton-Debatten nach, dass man das Gefühl nicht loswird: Trotz großzügigstem Satz war es bei der Buchproduktion eine Herausforderung, auf die Seitenanzahl von knapp 180 zu kommen, die einen Buchpreis von 18 Euro rechtfertigt. So wird nicht nur nicht eingelöst, was Radikale Kompromisse auf Cover und Klappentext verspricht, sondern was einem Buch als solches als Versprechen innewohnt: an Abstraktion und inhaltlicher Tiefe über das Feuilletonstück hinauszureichen.

Der theoretische Mangel zeigt sich in der Struktur des Buches, die im Grunde keine ist: Die Kapitel folgen keinem Argumentationsgang. Ganz am Schluss gibt es einen historischen Exkurs, in dem Willy Brandt als Heros der Realpolitik vorgestellt wird, und eine Analyse des Wahlkampfes 2021; ansonsten erzählt M’Barek Kapitel für Kapitel tagespolitische Debatten nach und exerziert an ihnen ihre These. Schnell wird es repetitiv, trotz eingestreuter Binsen („Es ist alles immer viel komplexer, als man glaubt.“; „Wir lassen in der Politik zu wenig Menschlichkeit zu“, „Demokratie baut darauf auf, dass wir miteinander reden.“, „Ich empfinde Sprache als unglaublich wichtigen Teil von Politik und elementar für viele Arten von Entwicklungen.“).

Was M’Bareks Buch auf theoretischer Ebene nicht einlöst, scheint es performativ nachzuholen: Seine Sprache ist wie ein radikaler Kompromiss. Schlicht, zweckhaft, leidenschaftslos. Hauptsache, die Botschaft kommt an. Trotzdem oder vielleicht gerade wegen der Entscheidung zur sprachlichen Einfachheit, zeichnen viele von M’Bareks Formulierungen sich durch Unklarheit aus. Ein Beispiel: 

„Bei Twitter und Instagram ist es durchaus wichtig, zu unterscheiden zwischen Leuten, die bildungspolitische Arbeit leisten und jenen, die das als Lifestyle leben. Und dann gibt es jene, die den Diskurs durch das Anstoßen neuer Debatten erweitern wollen. Die seriöse Etablierung dieser Fakten (welcher Fakten?) ist wichtig. Das (was?) sind historische Dinge immer, hier (wo?) geht es nicht wie etwa beim Gendern darum, was denn nun Ihnen oder mir lieber ist.“

Dieser Absatz ist weder aus einem klärenden Kontext gerissen noch böswillig herausgepickt. Er steht pars pro toto; fast jeder Seite des Buches finden sich vergleichbare, unklare Absätze. Das ist auch insofern bedauerlich, als ein gutes Lektorat hier leicht hätte Abhilfe schaffen können. Gleiches gilt für M’Bareks große Tendenz zu Wortwiederholungen. Ein Sachbuch darf nicht-literarisch sein. Aber nur dann, wenn die Entscheidung gegen das Narrative, gegen das Bildliche, gegen das Schöne dem Erkenntnisgewinn dient. Bei M’Barek ist das nicht der Fall. 

Am Ende der Lektüre von Radikale Kompromisse fühlt man sich in seiner Kenntnis der Feuilletondebatten von 2020 und 2021 aufgefrischt. Und recht behaglich. Denn M’Barek verströmt durchgängig großen Optimismus: „Kompromisse sind immer zu machen, auch später als früher, auch wenn sich Gegebenheiten und Parameter geändert haben. Man kann immer damit anfangen und ich versichere Ihnen: Es wird immer ein progressives Endergebnis geben, wenn auch mit unterschiedlicher Wirkmacht. Ein Kompromiss wird kommen, versprochen.“ 

Man muss sich hier aber doch die Frage stellen: Hätte für diese Ermunterung nicht ein längerer Meinungsartikel gereicht? Der typische Käufer eines politischen Sachbuches ist auch Feuilleton-Leser, er kennt die Debatten der letzten Jahre, die M’Barek nacherzählt, und ist gewöhnlich bereits der Meinung, dass wir alle mehr miteinander sprechen müssen. Und den Yasmine M’Barek-Fans, der „neuen politischen Generation“, an die das Buch selbst sich zwar nicht exklusiv richtet (im Gegenteil scheint sich M’Barek, mit ihren Erläuterungen von Twitter und Co., oft an eine ältere Leserschaft zu wenden), um die vonseiten des Verlages mit Layout und Coverästhetik aber sichtbarlich gebuhlt wird, kann nicht nur das tagespolitische und das demokratische Basiswissen unterstellt werden, das das Buch zu vermitteln sucht, sondern auch das Vermögen, über die Künstlichkeit des Twitter-Diskurses zu reflektieren, auf den sich M’Barek in ihrer Kritik der „Idealisten“ so gerne bezieht. 

Warum also gibt es M’Bareks Buch? Man kann, erstens, idealistisch vermuten: Aus didaktischen Gründen. Weil die „Boomer“-Generation, die publizistisch entscheidet, besorgt ist über eine vermeintliche Radikalität bei ihren Kindern und Enkeln. Für all jene, die glauben, sofortiges Verbot von Flugreisen und Autokäufen oder die strafrechtliche Verfolgung nicht-inklusiver Sprache sei das zentrale politische Anliegen der Mitbürger unter 30, mag die junge M’Barek mit ihrer Entscheidung für das generische Maskulinum und ihre Bereitschaft, die Wiedereinführung von Atomkraft zu diskutieren, als mutig-unangepasste Ausnahmeerscheinung und attraktive Vorbildfigur gelten.

Man kann, zweitens, zynisch vermuten: aus finanziellen Gründen. Yasmine M’Barek ist ein Mediengesicht und hat über 21.000 Follower auf Instagram und 34.000 Follower auf Twitter; durch ihre built-in-audience ist sie für einen Verlag eine attraktive Autorin. 

Schadet Radikale Kompromisse? Nein. Im besten Fall lehrt es den ein oder anderen Fakt zur deutschen Energiepolitik, ermuntert zu demokratischer Offenheit und beflügelt die weitere publizistische Karriere der Autorin. Letzteres ist zu wünschen, denn – und nun sind wir bei dem oben angekündigten Andererseits –: Yasmine M’Barek ist nicht nur jung, sie ist wirklich jung, sie ist Jahrgang 1999. Es hat nichts mit Herablassung zu tun, wenn dieser Umstand bei einer Rezension berücksichtigt wird. Mit Anfang 20 befindet sich kaum jemand im Zenit seines intellektuellen Schaffens; nicht in Bereichen, in denen es wesentlich auf Logik ankommt wie in der Mathematik, und noch viel weniger dort, wo Erfahrung zur Leistung beiträgt, nämlich in der Analyse der menschlichen Angelegenheiten und in der sprachlichen Verdichtung der Ergebnisse. Man kann Yasmine M’Barek als Publizistin ernst nehmen und trotzdem in der Kritik ihrer Arbeit den Umstand mit einpreisen, dass diese auch auf ein Potential hin beurteilt werden muss. Und allein in der Breite der in ihm besprochenen politischen Themen und im Streben nach dem theoretischen Überblick indiziert Radikale Kompromisse durchaus: manches Potential. 

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Yasmine M’Barek: Radikale Kompromisse.Warum wir uns für eine bessere Politik in der Mitte treffen müssen
Hoffmann & Campe 2022
192 Seiten / 18 Euro

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Foto: meineresterampe / pixabay.com

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