„Vielleicht in friedlichen Zeiten“ – Helga Schubert: Vom Aufstehen

Im Jahr 2020 erhielt Helga Schubert für ihren Text über die Beziehung zu ihrer Mutter den Ingeborg-Bachmann-Preis. Daraus entstanden ist ‚Vom Aufstehen‘, eine Sammlung von Erzählungen über die Kindheit im Krieg, das Leben in der DDR, über beschädigte Familien, das Älterwerden und die Freiheit. Dieses Buch ist gleichermaßen großartige Literatur und Lebensschule.  

„Ein Grauer unter bunten Vögeln“ – Monika Helfer: Vati

Wenig ist so ambivalent wie die eigene Familie, die sich zugleich heimisch anfühlt und doch immer etwas Rätselhaftes behält. Die Auseinandersetzung mit ihr und die Positionierung zu ihr sind Fragen, die zeitlos sind und uns ein Leben lang begleiten. Monika Helfer nimmt uns mit auf eine Reise durch Kindheitserinnerungen und Familienlegenden. Damit erschafft sie nicht nur ein liebevoll nostalgisches Bild ihres Vaters, sondern eine sensible Beschreibung der besonderen Beziehung zwischen Kindern und Eltern.

Hello darkness, my old friend – Till Raether: Bin ich schon depressiv, oder ist das noch das Leben?

Till Raethers neues Buch handelt „Vom Liegenbleiben und Schämen“. Es ist das ganz persönliche Liegenbleiben, über das er schreibt, eine detaillierte Darstellung des eigenen Leidenswegs auf der Suche nach einem angemessenen Umgang mit seiner Depression. Er reiht sich damit ein in die Riege von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die es sich zum Ziel gemacht haben, Depressionen aus dem Tabu hinaus und mitten in die Gesellschaft zu holen. Das ist lobenswert, aber in manch verkürzender Tendenz nicht unproblematisch.

Interview: „Leben ist, Schaden zu nehmen“

Till Raether arbeitet als freier Journalist und Kolumnist unter anderem für die Frauenzeitschrift Brigitte und das SZ-Magazin. Zudem hat er mehrere Romane veröffentlicht. Sein neustes Buch ist ein Bericht über seine persönlichen Erfahrungen mit Depressionen, und die Schilderung seines Umgangs damit. Die Psychologin Britta Mathéus spricht mit ihm im Interview über die gesellschaftlichen Aspekte der Krankheit, die Bedeutung der Diagnose und den Prozess der Verantwortungsübernahme.

„Das Ich wird am Du“ – Manfred Lütz: Was hilft Psychotherapie, Herr Kernberg?

Otto Kernberg ist nicht nur einer der bekanntesten Psychoanalytiker unserer Zeit, er ist auch ein feinfühliger Intellektueller und Zeitzeuge mit bemerkenswerter Lebensgeschichte. Im Gespräch mit Manfred Lütz spricht Kernberg über sein Schaffen als Psychotherapeut, über seine Kindheit in Wien und seine Flucht vor den Nazis, über das Böse und das Pathologische, über Moral und Verantwortung, über das Glück, Kunst und Heimat. Dabei herausgekommen ist ein differenziertes, kluges Buch zu den großen, zeitlosen Fragen nach einem erfülltem Leben und gelingendem gesellschaftlichen Miteinander.

Des Hamsters Kern – Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet

In Zeiten nicht enden wollender, im eigenen Sumpf vor sich hindümpelnder TV-Serien sind es viele böse Vorurteile, die der Lektüre eines „fünften Teils“ vorausgehen. Es hat den Beigeschmack einer weiteren Zugabe, wenn einem längst schon die Hände vom Applaudieren schmerzen. Glücklicherweise ist Meyerhoffs neuer Roman ‚Hamster im hinteren Stromgebiet‘ mehr als ein bloßes Anknüpfen an bisherige Erfolgsrezepte, und darüber hinaus hochunterhaltsam.

In den Augen der Andern – Andreas Heidtmann: Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde

‚Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde‘ ist keine literarische Revolution. Es ist jedoch das gelungene Porträt eines Jugendlichen und zugleich einer Generation. Feinsinnig und einfühlsam zeichnet Andreas Heidtmann das mitreißende Bild eines Lebensabschnittes, der verwirrender nicht sein könnte und dementsprechend eine unerschöpfliche Quelle literarischer Biografiearbeit darstellt.

Eine schrecklich banale Familiengeschichte – Katharina Geiser: Unter offenem Himmel

Bücher haben eine gewisse Ähnlichkeit mit Menschen, die man auf Partys trifft. Mit so manchem findet man sich sofort auf Augenhöhe wieder. Man bemerkt gar nicht, wie ein Abend, wie eine ganze Nacht vergeht, und bedauert es zutiefst, wenn die Zeit des Abschieds gekommen ist. Und dann gibt es jene, denen man lieber aus dem Weg gegangen wäre, weil sie einen sonst mit einem unendlichen Strang pointenloser Anekdoten für den Rest des Abends okkupieren, wenn es nicht gelingt, sich zum rechten Zeitpunkt höflich aus dem Gespräch zurückzuziehen. Leider fällt das hier besprochene Buch in die letztere Kategorie.