Befremdliches Schweigen – Hans Joachim Schädlich: Die Villa

Fünfundsiebzig Jahre nach Kriegsende schreibt Hans Joachim Schädlich das Buch ‚Die Villa‘ über das Leben einer vogtländischen Familie im Nationalsozialismus. Man könnte meinen: Das Buch kommt zum richtigen Zeitpunkt; erleben wir doch heute, wie rechtes Gedankengut teils ungehemmt aus diversen gesellschaftlichen Kreisen an die Öffentlichkeit dringt. Da braucht es Bücher, die dem entgegen stehen und laut aufzeigen, wie vermeintlich vergangene Strukturen reproduzierbar sind. Ist ‚Die Villa‘ solch ein Buch?

Die Möglichkeit einer Insel – Ist das „geistigste aller deutschen Seebäder“ bedroht?

Nicht erst seit Lutz Seilers fabelhaftem Roman ‚Kruso‘ ist Hiddensee ein literarischer Sehnsuchtsort. Etliche Schriftsteller, aber auch Maler, Schauspieler und andere Künstler fühlten sich von der Weltabgeschiedenheit, der Landschaft und dem Meer angezogen. Viele von ihnen haben der Insel ein Denkmal errichtet, haben ihre Schönheit besungen oder auf die Leinwand zu bannen versucht. Was ist es aber genau, was die Leute auf der Insel suchen? Und droht es wirklich zu verschwinden?

Das Bergerlebnis – Amanda Lasker-Berlin: Elijas Lied

Wann waren Sie zuletzt mit Ihren Geschwistern wandern? Vielleicht sollten Sie zuerst das Romandebüt von Amanda Lasker-Berlin lesen, bevor Sie zu einer solchen Unternehmung aufbrechen. Im Laufe der Zeit können sich Geschwister – in diesem Fall drei Schwestern – in sehr unterschiedliche Richtungen entwickeln. Von der scheiternden Suche nach Verständigung erzählt ‚Elijas Lied‘.

Das Manifest der identitätspolitischen Partei – Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst

Olivia Wenzels Erzählerin hat tausendfältige Angst: Angst vor arabischen Terroristen, vor dem Reisen, vor Weißen, vor der Mehrheitsgesellschaft, vor der Mutter, vor ihrer Sexualität; davor, nicht dazuzugehören, sich zu binden, politisch nicht korrekt zu handeln oder selbst Mutter zu werden. In einem imaginierten Zwiegespräch mit sich selbst, das einer Therapiesitzung ähneln soll, geht sie den verschlungenen Wurzeln ihrer Ängste mal ernsthaft, mal halbherzig auf den Grund. Dabei münden alle Erinnerungen und Gedanken in den Fragen, wo, woher und wer sie sei – dringende Fragen nach ihrer Identität. Doch taugt dieses Gemisch aus Angststörungen und identitätspolitischen Affekten zu einem gelungenen Roman?

„Das Buch heißt Roman, weil es sich um eine subjektive Form der Erinnerung handelt“ – Frank Witzel: Inniger Schiffbruch

Gedächtnis und Erinnern sind alte Kulturtechniken, die bis heute Gemeinschaften und Indivi-duen prägen. Was das Gedächtnis und die Erinnerungen nach dem Verlust wichtiger Men-schen auslösen, dem spürt Frank Witzel in seinem neuesten Roman ‚Inniger Schiffbruch‘ nach und entdeckt dabei Verlorenes wieder, trifft auf Widersprüchliches und legt Neues offen. Die Nähe zu seinen realen Lebenserlebnissen lösen hier und dort die fiktive Textanlage auf. Doch lädt Frank Witzel durch seinen offenen Umgang den Leser dazu ein, selbst über die eigene Ge-schichte nachzudenken.

Eine schrecklich banale Familiengeschichte – Katharina Geiser: Unter offenem Himmel

Bücher haben eine gewisse Ähnlichkeit mit Menschen, die man auf Partys trifft. Mit so manchem findet man sich sofort auf Augenhöhe wieder. Man bemerkt gar nicht, wie ein Abend, wie eine ganze Nacht vergeht, und bedauert es zutiefst, wenn die Zeit des Abschieds gekommen ist. Und dann gibt es jene, denen man lieber aus dem Weg gegangen wäre, weil sie einen sonst mit einem unendlichen Strang pointenloser Anekdoten für den Rest des Abends okkupieren, wenn es nicht gelingt, sich zum rechten Zeitpunkt höflich aus dem Gespräch zurückzuziehen. Leider fällt das hier besprochene Buch in die letztere Kategorie.

Interview: Auf eine Zigarette mit Christian Kracht

Nachdem Kracht aus seinem Roman ‚Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten‘ gelesen hatte, fragte ich den hinter Plexiglas sitzenden Autor, ob ich für einen Bericht auf dem Blog noch ein Foto von ihm machen dürfte. Er war gerne bereit, wollte nur noch die Signierwünsche des Publikums bedienen. „So, jetzt brauche ich aber erstmal eine Zigarette“, stand er auf. „Kommen Sie doch mit. Ein Foto oder ein Interview?“ Darauf war ich nicht vorbereitet. Mein Mund wurde schlagartig so trocken – hätte ich auch geraucht, die Zigarette wäre an meinem Zahnfleisch kleben geblieben. „Ja, gerne ein Interview“, sagte ich und suchte mit zitternder Hand nach der Sprach-Memo-App auf meinem Handy. Beinahe hätte ich Kracht gefragt, wo sie zu finden ist. 

Der schwarze Streifen des Regenbogens: Leona Stahlmann – Der Defekt

Wenn mit dem Regenbogenbanner für die Gleichberechtigung aller sexuellen Identitäten demonstriert wird, fehlt die Farbe Schwarz. Leona Stahlmann möchte, dass sich das ändert. In ihrem Debütroman erscheint BDSM als jene dunkle Schattierung von Sexualität, die unter der grellen Oberfläche von Hardcorepornos und Schmuddelliteratur ein Dasein im Verborgenen fristet. Auf der Suche nach Zwischentönen verzettelt sich dieser Erstling.

Ich war ein Spion der Nazis – Ulla Lenze: Der Empfänger

Agentenkrimis sind spannend aber zumeist unrealistisch. Im echten Leben wären die Herren in den teuren Anzügen und schnellen Autos zu auffällig. Ulla Lenzes neuer Roman ‚Der Empfänger‘ über einen deutschen Spion im Amerika des Zweiten Weltkrieges ist hingegen äußerst realistisch und damit wäre auch schon das Positivste über das Werk gesagt. Das reale Fundament des Buches bilden über hundert Briefe, die der Großonkel der Autorin ab den 1940er-Jahren aus Amerika an seinen Bruder schrieb. Die Hauptfigur Josef Klein ist zwar eine literarische Erfindung, doch mehrere, z. T. namhafte Historikerinnen und Historiker berieten die Autorin bei ihrer Arbeit. Wie aus spannender Quellenlage und sorgfältiger Vorbereitung ein langweiliger Roman entstehen kann, wird im Folgenden gezeigt.

„Keine Frau auf Erden wird je so schön sein“ – Monika Helfer: Die Bagage

Das literarische Jahr 2019 endete mit üblen Twittergefechten zu Karen Köhlers außerordentlichem Roman Miroloi. In deutschen Feuilletons, österreichischen Social-Media-Gruppen und Schweizer Kulturradios wurde über weibliches Schreiben im frühen 21. Jahrhundert gestritten. Es ging um die Selbstermächtigung der Frau. Im Jahr 2020 geht die Diskussion stürmisch weiter. Die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer beteiligt sich durch die Veröffentlichung eines aufsehenerregenden Porträts einer alles andere als schwachen Frau in den Untergangsjahren der Habsburgermonarchie. Ein Selbstermächtigungszeugnis der besonderen Art.