Eine Lanze für das Hinterzimmer – Robin Alexander: Machtverfall

Generationen von Politikwissenschaftlern sind mit der Geschichte der „Black Box“ aufgewachsen. Der Begriff umschreibt, wie wenig transparent der eigentliche Vorgang „Politik“ am Ende immer bleibt – selbst für die Disziplin, die ihn erforscht. Paradox: Bilder der Mondlandung gab es 1969 schon live im Fernsehen, aber bis heute weiß kaum jemand wirklich, wie ein Verfassungsrichter ausgesucht wird. Das geschieht im berühmtberüchtigten Hinterzimmer. Eigentlich alle Entscheidungen werden dort gefällt oder wenigstens vorbereitet. Das Hinterzimmer ist auf diese Weise Inbegriff für kuriose „Deals“, für „Geklüngel“. Schon das Wort allein riecht nach Alkohol, Tabak und Altmännerschweiß. Nur wenige sind dabei, wenn dort entschieden wird. Hinterher reden sie zumeist nicht darüber. Und wenn doch, ist kaum glaubwürdig, was sie erzählen.

Holz und Vorurteil – Juli Zeh: Über Menschen

‚Über Menschen‘ ist so etwas wie die unzusammenhängende Fortsetzung von ‚Unterleuten‘, was auch der Autorin Anlass gibt, sich auf entsprechende Wortspiele einzulassen. Mit ‚Unterleuten‘ schrieb Juli Zeh 2016 einen großen Gesellschaftsroman über Deutschland 30 Jahre nach der Wende, über Großstadt- vs. Dorfleben, die Energiewende, zwischenmenschliche Beziehungen und aus der Gesamtsumme dieser Faktoren erwachsende Einzelschicksale. Aus einer ähnlichen Ausgangslage heraus entstand auch Zehs jüngstes Werk, mit einem zusätzlichen Faktor: der Corona-Pandemie. Insofern ist der Roman ein höchst zeitgemäßer, der die Leserin verwundert feststellen lässt, dass das Virus offensichtlich schon derart lange alltagsbestimmend ist, dass in der Zwischenzeit Bücher darüber geschrieben und veröffentlicht werden konnten.

Vom Suchen und Finden der Liebe – Martin Mosebach: Krass

Der Respekt vor dem Schriftsteller Martin Mosebach ist genauso groß wie der Vorbehalt gegen seinen ästhetischen und politischen Konservativismus. Das zeigt sich in den Kritiken, die bisher zu seinem neuen Roman ‚Krass‘ erschienen sind. Sie changieren zwischen Bewunderung und lässiger Missachtung von dem, was sie als Mosebachs literarische Kabinettstückchen in den Griff zu bekommen versuchen. Die Kritik ist so sehr damit beschäftigt, dem Büchner-Preisträger nicht auf den Leim zu gehen, dass sie das Wichtigste übersieht: ‚Krass‘ ist ein großer Roman über die Liebe.

Erinnerungsauslösendes Moment – Daniela Engist: Lichte Horizonte

Die Begegnung von Schriftstellerin Anne mit Stéphane, einem französischen Chansonnier, ist für Anne das erinnerungsauslösende Moment, das Daniela Engist zum Ausgangspunkt ihres neuen Romans ‚Lichte Horizonte‘ macht. Darin beschreibt die Autorin nicht nur, was mit Erinnerungen passieren kann, sie geht weiter und schreibt darüber, wie dadurch Geschichten entstehen und wieviel von der Autorin in diesen zu finden ist.

„Ein Grauer unter bunten Vögeln“ – Monika Helfer: Vati

Wenig ist so ambivalent wie die eigene Familie, die sich zugleich heimisch anfühlt und doch immer etwas Rätselhaftes behält. Die Auseinandersetzung mit ihr und die Positionierung zu ihr sind Fragen, die zeitlos sind und uns ein Leben lang begleiten. Monika Helfer nimmt uns mit auf eine Reise durch Kindheitserinnerungen und Familienlegenden. Damit erschafft sie nicht nur ein liebevoll nostalgisches Bild ihres Vaters, sondern eine sensible Beschreibung der besonderen Beziehung zwischen Kindern und Eltern.

Hello darkness, my old friend – Till Raether: Bin ich schon depressiv, oder ist das noch das Leben?

Till Raethers neues Buch handelt „Vom Liegenbleiben und Schämen“. Es ist das ganz persönliche Liegenbleiben, über das er schreibt, eine detaillierte Darstellung des eigenen Leidenswegs auf der Suche nach einem angemessenen Umgang mit seiner Depression. Er reiht sich damit ein in die Riege von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die es sich zum Ziel gemacht haben, Depressionen aus dem Tabu hinaus und mitten in die Gesellschaft zu holen. Das ist lobenswert, aber in manch verkürzender Tendenz nicht unproblematisch.

Jugendstil – Benedict Wells: Hard Land

Der neue Coming-of-Age-Roman von Benedict Wells um vier High School Kids aus einer Kleinstadt in Missouri ist derart mit Klischees und Peinlichkeiten vollgestopft, dass man eigentlich schon nach wenigen Seiten genug davon hat. Doch dann liest man weiter und kann nur noch staunen. Denn hier sitzt jedes Klischee, jede Peinlichkeit ist genau an die richtige Stelle gesetzt. Selten gab es einen Roman über das Erwachsenwerden mit glaubwürdigeren und lebendigeren Figuren.