„Der ewig böse Deutsche“– Maxim Biller: Der falsche Gruß

Von Matthias Fischli

Maxim Biller liefert in hoher Kadenz Romane, Erzählungen, Essays, Kolumnen und Miszellen. Seine Werke befassen sich mit der einzigen Sache, die in der Literatur nichts verloren hat: der Wahrheit, der einen Wahrheit, und der Suche nach ihr. Heute gesucht: Die Wahrheit über den konservativen Deutschen, der sich mal rassistisch, mal frauenfeindlich, mal antisemitisch äußert, im Grunde aber gut sein will.

Biller denkt wieder laut über die Wahrheit und über Deutschland und die Deutschen nach. Der Anspruch ist wie immer: „Alles immer so sagen, wie es war und ist!“ Der Beginn seines neuen Romans ist damit gesetzt: „Es war eine Mischung aus Hitlergruß und dem verrutschten Armwedeln eines Betrunkenen.“ Erck Dessauer ist sich nicht sicher, ob es einfach ein missglückter Versuch von ihm war, „die französische Quenelle nachzumachen.“ Als ob das seine Lage verbessern würde: Die Quenelle, der (von Dieudonné über die französische Landesgrenze berühmt gemachte, 2005 erstmals angewandte) Schupfnudel-Gruß, ist bekannt als inverser Hitlergruß. Ehrlich, dieser Romanbeginn, nicht?

Ercks Gruß gilt Hans Ulrich Barsilay, einem ostdeutschen jüdischen Schriftsteller, einem grandiosem Stilisten, der an jenem verhängnisvollen Abend im Trois Minutes an der Berliner Torstraße sitzt, mit Leo Meinl, einem Anwalt, und einem Mann namens Zanussi und dessen „linksradikaler, französischer“ Exfrau Lola. Warum dieser Gruß? Was für ein Spiel spielt dieser Erzähler mit uns, bei dem schon der Name von altnordischer Präpotenz sprüht? Und auf welche Fährte will uns der Autor Biller lenken, der gerne gegen „linke Scheißfreunde“ schießt, hier aber einen unbeholfenen, sehr gebildeten jungen Mann mit offen daliegenden Naziallüren und schlechten Ausreden auffahren lässt?

Antworten auf diese Fragen finden sich in Billers politischem Programm: Das „eigentliche Ziel rechter intellektueller Diskursangriffe sind […] nie wirklich die Juden oder der anständige Umgang der guten Deutschen mit ihrer schlechten Geschichte. Das Ziel der Halunken ist das demokratische, aufgeklärte, sozialkapitalistische System an sich.“ Biller wählt für seine Studie wie auch in seinen früheren Werken eine tiefe Flughöhe: Er zeigt Erck Dessauers Vernichtungsfantasien an Barsilays Schicksal auf. Zuerst greift er Barsilay im Feuilleton an und zerstört dadurch dessen Karriere, dann startet er einen Eroberungsversuch bei Barsilays Exfrau, schliesslich beweist er in einem Sachbuch, dass der jüdische Sowjetfunktionär Naftali Frenkel als geistiger Urahn von Ausschwitz zu gelten habe und erklärt sich zum endgültigen Sieger über seinen jüdischen Schriftstellerkollegen.

Ein Wort zu Billers unverwechselbarem Stil. Billers Lieblingsliebeserzählung sei Bukowskis Ein Mann, erklärt er in seinem Reclambüchlein Wer nichts glaubt, schreibt. Bukowskis Geschichte geht so (in Billers Worten): „George sitzt unrasiert und betrunken in seinem Wohnwagen, und Constance kommt herein und sagt, sie habe ihren braven Mann verlassen, weil der nie ihre Pussy anschauen wollte und überhaupt. George ist kurz nett zu ihr, dann verprügelt er sie, dann legt er weinend den Kopf in ihren Schoß, und als er schläft, geht sie zu ihrem braven Mann zurück, und sagt: ‚Hab ich dir gefehlt, Baby?‘“ Diese Geschichte lese sich wie ein Gedicht, weil die „Sätze so gleichmäßig-ungleichmäßig dahinrauschen wie der East River kurz hinter der George Washington Bridge“.

Nun ist Billers jüngster Roman (die Liebe zu Barsilays Exfrau Valeria bleibt unerfüllt) nur am Rande eine Liebesgeschichte. Sogar an der Selbstliebe gebricht es unserem Protagonisten. Stilistisch gesehen setzt Biller Bukowskis Anti-Bukolik aber noch eins drauf. Aus unbestimmt wird bestimmt (Ein Mann vs. Der falsche Gruß), aus dem gleichmäßig-ungleichmäßige Dahinrauschen wird ein atemloses Dahineilen (Satzbeginn mit Fragepartikel, Relativsatz, Kausalsatz, Vergleichssatz, Vergleichssatz, Beisatz, Relativsatz, Einschub, Relativsatz, Finalsatz, Hinschießen auf die Hauptaussage. Punkt.), das Stakkato der hastig ausgestoßenen Konsonantenfolgen (Erck) wird nur dann unterbrochen, wenn der Erzähler sich Zeit nimmt für einen Vergleich, in dem jedes Wort behäbig an seinem rechtmäßigen Platz steht („Dann lachte er wie ein Kannibale, bevor er seiner noch lebenden Mahlzeit den ersten Finger abbeißt.“).

Billers Stil hinterlässt Spuren auf kompositorischer Ebene: Zwölf zuweilen nur zwei bis drei Seiten kurze Kapitel lösen einander ab. Der Hitlergruß im Trois Minutes in der Torstraße wirkt wie Hintergrundrauschen, das sich konzentrisch im Erzählraum ausdehnt: Die geraden Kapitel am Anfang und am Ende beschäftigen sich mit dem konkreten falschen Gruß, die ungeraden und die Kapitel in der Mitte kreisen um Erck Dessauers Lebensgeschichte vor und nach dem Gruß. Das letzte Kapitel greift das erste ringkompositorisch auf, der letzte Satz des Romans hebt den ersten auf, die ausgestreckte Hand verselbstständigt sich: „[A]uf einmal machte ich einen so schnellen, überraschenden Schritt nach vorn, dass Barsilay, Lola, Zanussi und Leo Meinl erschrocken zusammenzuckten, ich nahm Barsilays Wasserglas vom Tisch und trank die letzten paar Tropfen, die noch im Glas waren, so schnell und gierig wie ein Verdurstender aus.“

Hier arbeitet ein geständiger Wahrheitssucher und Antisemit an seiner fingierten Unschuld. Sehr menschlich. Biller, der ewige Moralist, steht auf der Höhe seiner Kunst.

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Maxim Biller: Der falsche Gruß
Kiepenheuer & Witsch 2021
128 Seiten

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Foto: Ave Calvar / unsplash.com

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