Sehnsucht nach der Welt der Fische – Siegfried Lenz: Florian, der Karpfen

Von Meike Bogmaier

Mit Florian, der Karpfen ist ein Märchen des Schriftstellers Siegfried Lenz veröffentlicht worden, sieben Jahre nach dessen Tod. In dem dünnen Buch, das einer Hommage an Lenz gleichkommt, finden sich zudem noch zwei weitere Texte von ihm sowie ein Nachruf. Grund genug sich dieses Märchen des Autors, der vor allem für seinen Nachkriegsroman Deutschstunde bekannt ist, genauer anzusehen.

Florian, der Karpfen erzählt vom verzweifelten Wunsch Karlchens, eine Schwimmblase zu erhalten. Der Junge unternimmt alles Mögliche, um ebenso wie die Fische unter Wasser leben zu können. Als seine Versuche, herauszufinden, woher die Fische ihre Schwimmblasen bekommen, bei den Menschen nur auf taube Ohren stoßen, kommt ihm ein alter Haubentaucher zur Hilfe und Karlchen kann am nächsten Tag für nur 20 Pfennig von zwei jungen Vögeln gezogen über den Seeboden flitzen. 

Doch auch die Fische wollen ihm keine Antwort auf seine Frage nach den Schwimmblasen geben und geraten in Angst. Durch Erpressung und Bestechung schafft das Karlchen es dann doch zu Florian, dem Karpfen vorgelassen zu werden. Der alte, blinde und taube Fisch pustet dem Karlchen auf Anweisung eines Neunauges dann eine Schwimmblase ein. Leider wird diese aber viel zu groß, sodass der Junge, erneut durch Bestechung des Neunauges, die Schwimmblase verkleinern lassen will. Dieses Mal geht es aber noch gehöriger schief: Das Karlchen verliert seine Schwimmblase ganz und Florian kann daraufhin nur noch sehr kleine Blasen pusten. Daher kann es keine Schwimmblasen für Menschen mehr geben.

Siegfried Lenz’ Liebe zum Wasser und seinen Bewohnern ist kein Geheimnis. In vielen seiner Werke finden sich Andeutungen, Metaphern oder Handlungsstränge, die sich mit dem Leben unter Wasser beschäftigen. Florian, der Karpfen ist da keine Ausnahme.

Doch was kann man von diesem Märchen halten? Es ist eine Geschichte, die sehr viel Sympathie im Rezipienten hervorruft. Allerdings nicht für den Protagonisten, sondern für die Fische, die unter selbigem leiden müssen. Jedem Seebewohner macht Karlchen durch sein aufdringliches Verhalten Angst. Ob es nun ein kleiner Krebs ist, dessen Schere durch eine Dose verletzt wurde und der lieber Schmerzen in Kauf nimmt, als Karlchen zu verraten, woher die Schwimmblasen kommen. Oder das Blinkerchen, das Karlchen von einem Angelhaken holt, nur um ihm zu drohen, es wieder aufzuhängen, sollte es ihm nicht sagen, wie er zu einer Schwimmblase kommt.

Im Endeffekt bleibt die Moral von der Geschicht’: Karlchen ist ein Störfaktor im Ökosystem der Fische. Mit der Diskussion um die Maßnahmen zum Klimawandel trifft das Märchen damit nach wie vor den Zahn der Zeit. Am Ende kann man fast traurig sein, dass das Karlchen nicht wenigstens ertrinkt nach dem ganzen Chaos, das es da unten angerichtet hat.

Interessant wäre herauszufinden, ob die Kinder, die dieses Märchen lesen oder vorgelesen bekommen, die subtile Ironie der Geschichte auch verstehen oder ob anschließend alle Kinder das Neunauge verfluchen, weil sie nur seinetwegen jetzt nicht unter Wasser leben können. Wobei zumindest anatomisch für dieses Problem wahrscheinlich nicht zwingend eine Schwimmblase die Lösung wäre. Vielleicht ist das Märchen ja aber auch gar nicht für Menschenkinder geschrieben, sondern von Fischliebhaber Lenz als Gute-Nacht-Geschichte für seine Karpfen erdacht worden. Schließlich kommt das böse Karlchen im Titel überhaupt nicht vor. Für das Urteil über Florian, der Karpfen machen die Adressaten zumindest für diese Rezensentin jedoch keinen Unterschied.

Das Märchen ist ein Mahnmal dafür, was der Mensch auslösen kann, wenn er in die Umwelt eingreift und dass solche Eingriffe gründlich zu überlegen sind und nicht spontan aus einer Laune heraus getätigt werden sollten. Denn so groß die Sehnsucht bei den Fischen zu leben auch sein mag, vielleicht sehnen sich die Fische noch viel mehr danach, niemals einem Menschen zu begegnen.

Mit Witz und Ironie hat Lenz diese Botschaft in seinem Märchen nur schlecht versteckt. Sie lässt sich kaum übersehen. Daher ist Florian, der Karpfen vielleicht etwas deprimierender als die Disney-Verfilmungen herkömmlicher Märchen der Gebrüder Grimm. Auf dem Papier reiht er sich dadurch jedoch hervorragend in die Tradition der Märchen ein, die seit jeher eher ein Mahnmal der Moral waren und weniger auf pure Unterhaltung abzielten. Wenn man bereits zuvor einige Märchen gelesen und nicht nur gesehen hat, sollte man daher bereits wissen, auf was man sich einlässt und kann – ohne Gefahr enttäuscht zu werden –, diese Unterwassergeschichte genießen und sich herrlich über das doofe Karlchen aufregen.

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Siegfried Lenz: Florian, der Karpfen.Ein Märchen und seine Geschichte
Hoffmann & Campe 2021
80 Seiten / 15 Euro

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Foto: KELLEPICS / pixabay.com

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