„Es gibt nichts Individuelleres als die Fiktion“ – Interview mit Julia Franck

Von Clemens Hermann Wagner

Julia Franck zählt zu den wichtigsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, ihre Bücher sind in zahlreiche Sprachen übersetzt, ihre Kurzgeschichten finden sich immer wieder in Schulbüchern. In ihrem neuen Roman Welten auseinander erzählt die Berliner Autorin von den Brüchen und Tiefen einer ungewöhnlichen Jugend, der Emanzipation von familiären Banden und davon, welche Bedeutung das Erinnern und Schreiben für all das haben kann. Im Interview schildert Julia Franck ihre Wahrnehmung des Krieges in der Ukraine, reflektiert Entwicklungen des deutschsprachigen Literaturbetriebs und erläutert ihr Unbehagen gegenüber Gerhart Hauptmann.

Julia Franck / Foto: Fischerverlage, Mathias Bothor

Aufklappen: Liebe Julia Franck, in seinem Gedicht An die Nachgeborenen schreibt Bertolt Brecht: „Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“. In diesen Tagen ein ernsthaftes Gespräch zu führen, bedeutet, auch einen Blick auf die Untaten in der Ukraine zu werfen.

Es gibt wohl nur wenige Literaturen, die von späteren Generationen als Vermächtnis gelesen werden, Mythologien der griechischen und römischen Antike, die Veden und andere Heilige Schriften wie Tanach, Neues Testament und Koran. Celans Gedichte und Mary Shelleys Frankenstein gehören sicherlich bis heute dazu, Dostojewskis Verbrechen und Strafe und die Brüder Karamasow ebenso. Wie es sich mit der vordergründig moralischen Lehrdichtung von Brecht verhält, wissen wir noch nicht genau. Das aufregende an Literatur ist ja der Deutungsraum, den sie öffnen kann. Im besten Fall sind die erzählten Geschichten so provokant und berührend, dass wir Nachgeborenen in ihnen universelle Fragen und Konflikte behandelt sehen.

Zu Brechts Gedicht fällt mir eine Gegenfrage ein: Warum wird das Papier gerade so teuer und fast unbezahlbar? Weil wir die Bäume schützen und lieben und es nur angemessen ist, in einer Zeit der Digitalisierung für Papier, zumal wenn es bedruckt ist, einen hohen Preis zu zahlen, der auch die Kosten des Recyclings in sich birgt? Über „Gas“ können wir heute und nach den ersten Kriegseinsätzen im frühen 20. Jahrhundert auch nicht mehr unschuldig sprechen. Es ist eine mörderische Waffe, Energie, Brennstoff und als eben dies wiederum Kalkül und Brennstoff wirtschaftlicher Abhängigkeiten, die wiederum den Krieg befördern, ihn füttern.

Wie nehmen Sie die Situation im Allgemeinen und im Besonderen im Hinblick auf die Literaten in der Ukraine und Russland wahr?

Tatsächlich sprechen wir derzeit privat wie öffentlich bei jeder Begegnung über den Krieg, tauschen uns über Entsetzen, Mitgefühl und Ohnmacht aus. Wie schon in Aleppo sehen wir uns aufgrund der modernen Medien, der Bilder von Drohnen und aus sozialen Netzwerken unmittelbar mitten im Krieg, wir sind Publikum am Bildschirm. Die Bilder, die wir hier sehen, gehen mitten in unseren Kopf und in unsere Herzen. Wir sind keine militärischen Kriegsexperten, sondern haben uns in der Nachkriegszeit und insbesondere in den erstarkenden Friedensbewegungen der 70er und 80er Jahren in Mitteleuropa, in Deutschland, zu Pazifisten entwickelt. Hier schließe ich mich ein. Wir wollten in Deutschland die Abrüstung aus historischen Gründen und sagten „AKW – nee“ nicht nur wegen dem Krieg, Hiroshima und Nagasaki, sondern auch aus Respekt vor der Erde und Natur. Während heute unser aller Augen auf die Ukraine gerichtet sind, werden im Iran weitere Atomabkommen geschlossen, bleiben Atomkraftwerke weltweit am Netz, werden ohne jede Notwendigkeit Tiere gezüchtet und getötet, lassen wir Menschen verhungern, während wir uns sonnengereifte Früchte und totes Fleisch um die Welt fliegen lassen. Wir glauben uns von den Atomkraftwerken und dem russischen Gas abhängig, dabei sind die allermeisten von uns Sklaven ihrer Wohlstandsstandards wie PKWs, mehreren Flugreisen im Jahr, 21 Grad Raumtemperatur Tag und Nacht in allen Innenräumen zu allen Jahreszeiten, Tiefkühltruhen, Föhn und vielem Schnickschnack mehr. Doch das Sparen und Verzichten im privaten Bereich allein könnte uns nicht unabhängig vom russischen Gas machen, industrielle Wirtschaftszweige, die Chemie-Industrie und daran hängend weitere Wirtschaftszweige haben offenbar einen riesigen Bedarf.

Die Situation der Literaten in der Ukraine und Russland kann ich von hier aus schlecht beurteilen. Während die Männer das Land nicht verlassen dürfen und sich auf das Kämpfen einstellen müssen, werden die Frauen mit Kindern außer Landes in Sicherheit gebracht, die Frauen ohne Kinder wollen häufig bleiben. Von einigen weiß ich, dass sie inzwischen in anderen Ländern Europas, einige auch in Deutschland angekommen sind. Worüber werden sie jetzt schreiben, wo der Krieg, Gewalt, Flucht, Trauer, Angst, Wut ihre allgegenwärtige Erfahrung ist?

Da ich selbst nicht nationalistisch fühle, sondern mich als Migrantin empfinde, möchte ich am liebsten jedem anderen Flüchtling aus der Ukraine gleich welchen Geschlechts und welcher Herkunft ebenso wie den syrischen Flüchtlingen die Hand reichen.

Was halten sie von Forderung des ukrainischen PEN, der Westen möge alle russische Literatur verbieten?

Innerlich wehre ich mich gegen jeden Nationalismus, wie könnte ich etwa Dostojewski und Tschechow, Charms und Mandelstam für den heutigen Krieg und eine wachsende Feindschaft zwischen der Ukraine und Russland haftbar machen, die russische Sprache? Putin lügt, er ist ein imperialistischer Tyrann, sein Angriffskrieg ist durch nichts zu rechtfertigen. Ich verstehe es, dass international zeitgenössische russische Schriftsteller, Musiker, Regisseure, Künstler und Intellektuelle geächtet werden, die spätestens jetzt keine Kritik üben und diese Verbrechen auf Schärfste verurteilen. Aber es gibt auch mutige junge russische Schriftsteller, die sich schon seit dem Euromaidan und der russischen Annexion der Krim öffentlich und deutlich gegen Putins Imperialismus und bis heute gegen die von ihm angeordneten Greueltaten äußern, die demonstrieren und mitunter seit Jahren nicht mehr in Russland veröffentlichen können. Sie könnten für Russland und auch uns andere Länder eines Tages von großer Wichtigkeit sein, für die russische Literatur. Was konnten Büchner und Goethe, Kafka und Droste-Hülsoff für Hitler? Denken wir nur an Thomas Mann, Hans Fallada, Ricarda Huch, an Nelly Sachs und Mascha Kaleko. Viele Ukrainer sprechen und schreiben Russisch besser als Ukrainisch. Wenn ich in diesen vergangenen Wochen Lesungen bestreite, lese ich zu Beginn oder Ende dem Publikum Gedichte von Celan oder Zhadan vor. Diese Gedichte erzählen vom Menschen, und auch von den Spuren des jeweiligen Krieges, sie öffnen unseren Kopf und unser Herz und bringen etwas in Bewegung, das nicht ruhen darf. Celan war nicht Soldat, ob Zhadan jetzt mit Waffen kämpfen möchte und wird, das weiß ich nicht. Indem ich ihre Literatur hier lese, überwindet das freie Wort Zeit und Ort. Von meinen ukrainischen Freunden weiß ich, dass die Situation vor Ort sehr komplex ist und individuell oft radikal betrachtet wird. Ein Urteil über den Nationalismus, Stolz, Wut, Grimm und die Heldenhaftigkeit anderer möchte ich mir nicht erlauben. Von einigen russischen Autorinnen wissen wir, dass sie sich seit Jahren kritisch gegen Putin und seinem Imperialismus äußern, dass sie sich öffentlich und vom ersten Tag an für diesen Krieg schämen. Entsetzlich, dass rohe Gewalt eine solche Macht über jede Zivilisation und friedliche Freiheitsbemühung eines Staates hat. Wir müssen uns als demokratischer Westen fragen lassen, ob wir die Ukraine nach dem Euromaidan zu sehr sich selbst überlassen haben. Hätten wir sie unterstützen können, sich als demokratischer Staat unabhängig oder in Bündnissen mit westlichen Staaten zu stabilisieren? Warum haben wir sie nicht vor vierzehn Jahren in die Nato aufgenommen? Die gründliche und nachhaltige Arbeit am Frieden ist weitaus mühsamer, strategisch anspruchsvoller und schwieriger als Kriegsführung. Die „Kultur der Gewalt“ löst in mir Schrecken, Verachtung und Übelkeit aus, ganz gleich in welchen Gesellschaftsformen und Regionen ich sie beobachte. Da ich selbst nicht nationalistisch fühle, sondern mich als Migrantin empfinde, möchte ich am liebsten jedem anderen Flüchtling aus der Ukraine gleich welchen Geschlechts und welcher Herkunft ebenso wie den syrischen Flüchtlingen die Hand reichen.

Vor wenigen Tagen hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj eine viel beachtete Rede vor dem Deutschen Bundestag gehalten. Er sprach davon, dass die russische Invasion eine neue Mauer in Europa geschaffen habe, eine Mauer, die zwischen „Freiheit und Unfreiheit“ trenne. Eindringlich forderte er: „Reißen sie die Mauer zwischen uns nieder!“ Wie haben Sie die Rede und die Reaktionen auf sie in Deutschland wahrgenommen?

Der Hilferuf ist ungeheuer berührend, seine vielen Rufe und Bitten um Unterstützung international nur allzu verständlich. Wir (der Westen) reagieren zögerlich, vorsichtig, verlegen und nachdenklich. Es verschafft uns Erleichterung, wenn wir sehen, wie wehrhaft, widerständig und erfolgreich die Ukrainer sich derzeit gegen den russischen Angriff wehren. Die Ukraine hat eine heterogene Bevölkerung, ihre gemeinsame Abwehr schafft nun eine starke Einigkeit innerhalb des Landes. Dagegen bröckelt diese Einigkeit der Russen. Sie können das Wort Krieg vielleicht verbieten, ihre Nachrichtenkanäle kontrollieren, aber sie können kaum die Tausenden gestorbenen Menschen verheimlichen. Selbst wenn sie ihre toten Soldaten nicht zurücknehmen wollen. Allein das Bild der Mauer passt nicht. Selenskyj ist Politiker und wählt ein populäres Bild, aber er ist kein Historiker. Die Mauer, wie sie im Kalten Krieg zwischen Ost- und Westdeutschland verlief, war eine Konsequenz des Zweiten Weltkrieges. Die Aufteilung Deutschlands unter den Siegermächten, den westlichen Alliierten wie auch Sowjetunion hatte historisch und politisch eine unbedingte Berechtigung. Deutschland musste lernen, es trägt Schuld am Mord von 6 Millionen Juden. Die Kriegsverbrechen waren ungeheuer. Die deutsche Bevölkerung war nach dem 8. Mai 1945 nicht in der Lage, sich selbst eine Verfassung zu geben. Dass sich zwischen den Siegermächten die Fronten im Kalten Krieg erhärteten und schließlich die Mauer gebaut und geschlossen wurde, ist bedauerlich. Niemand konnte diese Mauer einfach einreißen. Es dauerte fast 40 Jahre, brauchte Solidarnosc und Perestroika, dass diese Fronten bröckelten und die Ostdeutschen eines Tages mit einem Lächeln die Schlagbäume der Grenze öffnen konnten. Möglicherweise ist gerade die Friedliche Revolution, der Mauerfall vom 9. November 1989 für Putin der Stachel im Herz seines fortan imperialen Lebensplans. Putin ist Kriegsstratege, nicht nur Judoka, er ist gewiss auch Schachspieler. Meine Vermutung ist, dass es ihn nicht im Geringsten irritieren und stören würde, wenn westliche Staaten die Nerven verlieren und eingreifen würden. Sein Waffenarsenal ist noch längst nicht leer, im Augenblick setzt er nur die ganz gewöhnlichen altmodischen Waffen ein, ein wenig Cyberkrieg, und vielleicht gibt es noch Heerscharen junger und alter Männer, die er in diesen Krieg schicken und sterben lassen kann. Ich denke, er würde vor dem Einsatz von chemischen, biologischen, nuklearen Waffen nicht zurückschrecken, sobald die Nato oder auch andere Staaten sich einmischen. Europa würde schlicht zum Schlachtfeld zwischen den USA und Russland. Und ich schließe nicht aus, dass es früher oder später dazu kommt. Im Augenblick empfangen Polen, Rumänien, Deutschland und viele andere Länder Millionen Flüchtlinge, wir liefern Waffen, so dass die Ukraine sich nachhaltig verteidigen kann. Wer dem Krieg mit einer Friedensstrategie begegnen will, muss sich nun genau beraten. Wir wollen klug und überlegt sein, welche politischen und wirtschaftlichen Instrumente wir zur Schlichtung nutzen können und müssen, nicht einfach im Affekt in diesen Krieg als Nato-Bündnis einsteigen. Wer kann sich vorstellen, dass jemand in Russland eines Tages eine Demokratie installieren könnte, die eine Kultur des Friedens ermöglicht? Welcher Jemand sollte das sein?

In Ihrem Essay Lesen. Hören. Sehen in der Literarischen Welt vom 06. März 2022 schreiben Sie von der Bedeutsamkeit des freien Wortes für eine freiheitliche Gesellschaft. Sie verweisen etwa auf die Besonderheit der Dichterlesungen in Deutschland und auf das Privileg, unkomplizierten Zugang zu Übersetzungen haben zu können. Zugleich mahnen Sie die „geistigen Freiheit der Schriftsteller“, die Sie „Hand in Hand“ mit deren ökonomischer Selbstständigkeit sehen, an. Welche Rahmenbedingungen literarischen Schaffens sind für Sie unabdingbar?

Zunächst sind Bildung, Alphabetisierung und Literarisierung wichtige Voraussetzungen einer geistigen Freiheit, ebenso wie die Kultur des Lesens und der Übersetzungen. In diesem Essay möchte ich weniger Forderungen stellen und Rahmenbedingungen formulieren. Das wäre vermessen. Eher war es mein Anliegen auf die wunderbare und ungewöhnliche Vielseitigkeit unserer literarischen Kultur und die Besonderheit der Lesungen und offenen Gespräche hinzuweisen. Es ist mit einer solchen Kultur wie mit dem Frieden, man darf beides nicht für selbstverständlich nehmen, es verlangt viel Arbeit und Bemühungen, Sorge, eine solche Vielfalt zu erhalten, lebendig, zeitgemäß. Wir können uns nur lesen und verständigen, unsere Worte nur frei sein und in Freiheit wirken, wenn die Literatur Grenzen der Sprache und auch politischen Systeme überwindet. Regimekritische Schriftsteller finden in Staaten wie im Iran, Russland, Mali so wenig Öffentlichkeit wie einst in der DDR.

Vielleicht erscheinen Debüts in Zukunft immer häufiger im E-Book und allenfalls im Taschenbuch, vielleicht können Verlage sich nur noch seltener für unbekannte und junge Autoren entscheiden und gewinnen diese ihre ersten Leser in Zukunft im Internet?

Zum dritten Mal in Folge wurde die Leipziger Buchmesse abgesagt. Als Begründung führten die Verantwortlichen unter anderem die Rückzieher der großen Verlage an. In der Literarischen Welt schreiben Sie pointiert: „Die Absage der Leipziger Messe spiegelt das Selbstverständnis der deutschen Literaturwelt wider.“ Welche Sorgen machen Sie sich um den Literaturbetrieb in Deutschland?

Indem die großen Verlage ihre literarischen Programme zusammensparen, keine Lyrik und nichts Anspruchsvolles mehr gedruckt wird, indem Übersetzungs- und Rechteabteilungen eingespart werden, eine Messe wie Leipzig wiederholt ausgesetzt wird, Papier immer teurer und das Objekt Buch im vom deutschen Buchmarkt geliebten Hardcover zum Luxusgegenstand wird, schädigen wir unsere eben noch so reiche literarische Landschaft. Sie wird sich verändern. Vielleicht erscheinen Debüts in Zukunft immer häufiger im E-Book und allenfalls im Taschenbuch, vielleicht können Verlage sich nur noch seltener für unbekannte und junge Autoren entscheiden und gewinnen diese ihre ersten Leser in Zukunft im Internet? Die Auswahl in Verlagen wird kleiner, die Flut im Netz immer unüberschaubarer und größer. 

Zugleich führte die Absage der Leipziger Messe zu einer enormen Produktivität und Kreativität von Seiten unabhängiger Verlegerinnen und Verleger und leidenschaftlicher Buch-Enthusiasten. Lesungen und Diskussionen wurden organisiert und so entstand in Rekordzeit eine Popup-Messe. Ist es also wirklich so bescheiden um die Literatur in Deutschland bestellt?

Die unabhängigen Verlage haben mit der Pop Up etwas ungeheuer Schönes geschaffen. Ehre den Verlegerinnen und Verlegern. Nur wird das nicht jedes Jahr möglich sein. Sie haben dieses kleine Wunder nahezu ehrenamtlich in unzähligen Stunden und Wochen ihrer kostbaren Arbeitszeit auf die Beine gestellt. Sie wurden für wenige Tage Verleger und Buchhändler in einem, und konnten über den Direktverkauf sicherlich das eine oder andere Buch verkaufen. Dennoch haben die Verlagsmitarbeiter vermutlich eher Anerkennung verdient. Viele Autoren, die ich kenne, haben unentgeltlich dort gelesen.

In Ihrem jüngsten Roman Welten auseinander (2021) erzählt die Ich-Erzählerin von dem herausfordernden Aufwachsen in einer Künstlerfamilie, der Flucht aus der damaligen DDR und der Emanzipation von familiären Banden. Der Roman umkreist die Frage, wie es gelingen kann, einen eigenen und bewussten Standpunkt in den existenziellen Widerfahrnissen des Lebens einzunehmen. Das Tagebuchschreiben wird der Ich-Erzählerin dabei zur einzig verlässlichen Beziehung. Welche Bedeutung hat für Sie das Erinnern innerhalb des literarischen Arbeitens?

Erinnerung ist die Formung des Erlebten, schriftlich fixiert, wie etwa in Tagebüchern, kann ein Erlebnis konserviert werden. Hält man sich nicht an den Text, oder hat erst gar nichts aufgeschrieben, so kann sich die Erinnerung über Jahre verändern. Und würde man dasselbe Ereignis von einer Person im Abstand alle zehn Jahre aufschreiben lassen, so würde sie vielleicht über die Jahre unterschiedlich erinnern. Ebenso jeder andere Zeitzeuge und Weggefährte. Das Tagebuchschreiben hilft dem Erinnern nicht, oft dient es sogar dem Vergessen. Welten auseinander ist weniger ein Roman über das Aufwachsen in einer Künstlerfamilie, eher vielleicht über Brüche, Entfremdung, das Verlorensein und eine gewisse Vereinsamung, Migration, auch über den Tod. Die Ich-Erzählerin wie auch ihre Mutter und Großmutter sind absichtslos alleinstehende Frauen, selbständige, eigensinnige. Darunter liegt aber keine feministische Ideologie. Jede verliert auf ihre besondere und schmerzliche Weise den Geliebten, den Sohn, den Bruder, oder den Vater. Jede verliert diese Männer viel zu jung für immer. In der Erinnerung, auch im Erzählen und Schreiben, sind diese Männer lebendig und Gegenwart. Die Gegenwart der geliebten und verstorbenen Menschen, des Schmerzes, die Trauer über ihren Tod, gehört für mich in dieses Aufwachsen. In meine Jugend und das Alter.

Von besonderer Bedeutung für Ihr literarisches Schaffen und besonders auch in Welten auseinander ist die Auseinandersetzung mit der eigenen familiären Prägung. Ist es überhaupt möglich, diese Verstrickungen, die jede und jeden von uns betreffen, erträglich zu machen?

Zwar weiß ich nicht genau, was mit „erträglich“ gemeint ist. Es ist vielleicht auch die historische Prägung, das Aufwachsen zwischen Ost und West, unter Frauen und bei Freunden, auch bei Fremden, die Frage danach, wie wir uns im Laufe des Lebens verändern, wo Scham und Fremdheit siedeln, wer und was unsere so genannte „Identität“ bestimmt, äußere Parameter, das Geborenwerden an einen bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit und in eine Gesellschaft, was an einem Menschen jüdisch, deutsch, weiblich ist, wie Liebe entsteht, wie Ohnmacht uns prägt, Trauer, wenn wir jäh mit dem Tod konfrontiert sind.

Im Mittelpunkt Ihrer Prosa stehen immer wieder weibliche Hauptfiguren. Immer wieder finden sich autobiographische Einflüsse auf Ihre Texte, etwa Erzählungen über die Ausreise aus der DDR und der sich anschließende Aufenthalt im Notaufnahmelager oder Schilderungen über Ihre Großmutter und Mutter. In welchem Verhältnis sehen Sie sich selbst zum autobiographischen Schreiben?

Es gibt nichts Individuelleres, nichts, was subjektiver ist als die Fiktion. Wo siedelt die Wahrheit, und wie wird Erfahrung zu Literatur? Genau um diese Fragen geht es in solchen autofiktionalen Literaturen wie Welten auseinander. Und könnte und wollte Kertész zu seinem Roman eines Schicksallosen Auskunft erteilen, wenn er noch lebte, wie sein Verhältnis zu Autobiographischem und Literatur darin ist, Marguerite Duras bei ihren sogenannten Romanen Le douleur und L’amant? Wollen Sie Handke zu seiner Kindergeschichte oder dem Wunschlosen Unglück, Coetzee zu seiner Trilogie befragen?

Ihre Texte haben Eingang in den Schulkanonen gefunden und Ihre Geschichte Streuselschnecke (2000) ist fester Bestandteil einer jeden Unterrichtseinheit zum Thema Kurzprosa. Anhand dieses Textes gelingt es etwa, mit Schülerinnen und Schülern die Bedeutsamkeit der Erzählposition zu erarbeiten und eine Sensibilität für den Rhythmus einer Erzählung anzubahnen. Was bedeutete es Ihnen, dass Ihre Texte von so vielen Schülerinnen und Schülern bearbeitet werden und welche Bedeutung hat dabei im Besonderen die Erzählung Streuselschnecke für Sie?

Im Alltag und während des Schreibens spielen solche Dinge keine Rolle, weder ob Schüler in Deutschland, Frankreich oder Vietnam Geschichten von mir lesen, noch von welchen Lesern meine Bücher hier in Deutschland einst lesen werden. Mit der Lesweise der Leser befasse ich mich vor allem dann, wenn ich zu Lesungen auf Festivals, in Literaturhäuser, Buchhandlungen oder auch an Universitäten und Schulen in Deutschland, Kanada oder nach England eingeladen bin, oder wenn ich Leserbriefe erhalte. Und natürlich ist es spannend, wenn ganze Schulklassen, wie kürzlich ein Leistungskurs, der die Mittagsfrau gelesen hatte, mir ihre Eindrücke schreiben. Früher hatte ich vor Lesungen ungeheure Angst, das öffentliche Sprechen und Vortragen liegt mir nicht, ich gehöre eher zu den schüchternen Schriftstellern. Nach Jahrzehnten beruflicher Erfahrungen habe ich heute zwar keine Angst mehr vor Lesungen, aber ich mag es nicht besonders. Es ist ja eine unnatürliche Spiegelsituation und als solche nach einer Weile auch erschöpfend. Wir sprachen vorhin über geächtete und politisch zweifelhafte Autoren. Wissen Sie, warum Gerhart Hauptmann bis heute zum Kanon der deutschen Schullektüre gehört? Ich finde diesen Autor sterbenslangweilig und sein Gefallen an der eigenen Geltung im Nationalsozialismus widerlich. Wenigstens darüber müssten Lehrer mit Schülern sprechen, wenn sie schon den Hauptmann auf ihren Lehrplänen haben und behandeln müssen. Nicht einmal die Magister- und Doktorarbeiten, die über meine Bücher geschrieben werden, lese ich. Wie eitel müsste man sein? Viel interessanter finde ich es, die Literatur anderer zu lesen und darüber zu sprechen. Denn die eigenen Texte kenne ich in- und auswendig, sie immer wieder laut vorzulesen und darüber zu sprechen widerspricht meiner Neugier für Andere, andere Menschen und andere Literaturen.

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Titelbild: skyler-110 / pixabay.com

 

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