„Die nordkoreanische Vulkanologie hob an zu singen“ – Andreas Stichmann: Eine Liebe in Pjöngjang

Von Matthias Fischli

Der Großvater befreite sein Volk von den Japanern, der Vater sperrte es in Arbeitslager ein, der Sohn schenkt ihm Atomwaffen. Die Kims verwandelten Nordkorea in eines der am stärksten isolierten Länder der Welt. Ein Besuch auf dem Nordteil der Halbinsel gleicht einer Zeitreise. Wir schreiben das Jahr 107 nach Kim Il-sung, frühes 21. Jahrhundert. Auftritt Claudia Aebischer.

Sprachen saugen im Wirbel des fortwährenden Gebrauchs stündlich neues Material auf und stoßen altes ab. Galaxien gleich lassen sie ihre Gravitationskräfte spielen, ziehen Wolken aus Phonemen und Morphemen zu neuen Wörtern und Sätzen zusammen und schleudern den Staub des Abgenutzten in die äußeren Schichten der Bedeutungslosigkeit, wo er langsam der Vergessenheit anheimfällt.

Wollte ein solches Gebilde schnell wachsen, stünden ihm dafür zwei einfache Mechanismen zur Verfügung: erstens Metonymie und Metapher für die Benennung neuer Inhalte mit alten Wörtern, zweitens die Wortbildung zur Erschaffung neuer Wörter aus alten Wortbestandteilen. Andreas Stichmanns dritten Roman in Händen lohnt sich ein besonderer Blick auf die Metonymie. Die funktioniert so: Ein bereits existierendes Wort dient als Hülle für einen neuen, logisch verwandten Sachbestand. Zum Beispiel: Der Norden hungert, Pjöngjang lindert, der Saal applaudiert. Es ist keineswegs der Norden, der Hunger leidet, sondern dessen Bevölkerung. Es ist auch nicht Pjöngjang, das etwas dagegen tut, sondern die Magistraten der Einheitspartei in der Hauptstadt. Und es ist natürlich nicht der Saal der applaudiert, sondern das Publikum darin. Die Metonymie verschleiert die Akteure. Die Menschen hinter den Metonymien bleiben ungenannt, gesichtslos.

Von dieser Gesichtslosigkeit sind in diesem Roman alle betroffen: „Die nordkoreanische Vulkanologie hob an zu singen.“ Die Wissenschaftlerinnen und Forscher, die in Gummistiefeln den aktiven Vulkan Paektusan an der Grenze zu China untersuchen, verbergen sich hinter einer Metonymie. Sie sind Teil der Masse, die Nordkorea mit ihrer untertänigen Arbeit voranbringen soll. Gesichtslos und in letzter Konsequenz auch sprachlos: Nur für Gesang reicht es. Dabei fällt dieses Zitat in eine angespannte Situation: Südkorea wirft dem Norden vor (so 2016 wirklich geschehen), mit seinen Atomtests einen Ausbruch des Paektusan zu provozieren. Und wie reagiert „die nordkoreanische Vulkanologie“ auf diese hanebüchene Anschuldigung? Mit Gesang!

Stichmann arbeitet die Sprachlosigkeit unter Nordkoreas sozialistischem Regime so fein heraus, dass es in seiner Finesse an Kaltschnäuzigkeit grenzt. Seine Strategie: Abundanz der eigenen Sprache im Kontrast zu den stummen Protagonistinnen der Erzählung. Stichmann tritt sprachlich stilsicher auf und braucht an einigen guten Stellen („Eddingschwarz“, „quecksilberiges Kleid des Vollmondes“, „Wie kleine Autos auf einer Brücke fuhren Blicke und Botschaften zwischen Claudia und Sunmi hin und her.“) auch den Vergleich mit den ganz grossen im Fernen Osten spielenden Romanen nicht zu scheuen, etwa Ransmayrs Fliegender Berg. Stichmann fährt so gross auf, dass manchmal nicht mal mehr das Lektorat von Rowohlt nachkommt (Chae’k statt richtig Ch’aek, Maschinengewehre statt Sturmgewehre, „Seitenspeise“).

Protagonistin des Romans ist die mit Diktaturen erfahrene Ostdeutsche Claudia Aebischer (ihr Schweizer Name bleibt ungeklärt), die sich in Pjöngjang in die mit einem Veteranen verheiratete Germanistin und Dolmetscherin Sunmi verliebt. Weil den beiden Spitzel das Leben schwer machen, kommunizieren die beiden mehrheitlich über Blicke. Claudia liest Sunmis Dissertation, die von ihrem Ehemann unter Verschluss gehalten wird. Sie verfasste sie wie im Fieber, schreib ihre Sprachlosigkeit heraus. Und sie war gut darin: „Sunmi zitiete vor allem Novalis. Schrieb selbst aber besser.“

Zusammen schmieden sie einen Plan, wie Sunmi ausser Landes gebracht werden könnte. Als Westlerin (oder um es im Ton des nordkoreanischen Verdikts zu sagen: „Ichlerin“) untersteht Claudia als einzige nicht dem Gebot der Sprachlosigkeit. In einer Rede auf dem Paektusan kompromittiert sie sich selber, um Sunmi die notwendige Zeit zu verschaffen, über die Grenze in die chinesische Stadt Dangdong zu fliehen. Der Plan geht gründlich schief und Stichmann schrammt haarscharf daran vorbei, aus Sunmi ein Manic Pixie Dream Girl zu machen, die weibliche Figur in einer Erzählung, die als Katalysator für die Entwicklung der weißen (hier nicht männlichen) Figur dient. Alleine schon wegen dieses Stunts sollte man dieses dünne Büchlein lesen!

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Andreas Stichmann: Eine Liebe in Pjöngjang
Rowohlt 2022
160 Seiten / 20 Euro

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Foto: Andrea de Santis / unsplash.com

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