Konturlose Räume und sich auflösende Schatten – Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Vier Teile, vier Namen: Adina, Nina, Sala und „der Mohikaner“ oder genauer „der letzte Mohikaner“. Der Aufbau von Antje Rávik Strubels neuestem Roman ist klar, doch schon auf den ersten Seiten zeigt sich die diffuse Komplexität, die die Leserin erwartet und noch zur Herausforderung werden wird. Ein Shortlist-Titel, der nicht nur von seiner Aktualität, sondern vielmehr von der Vielschichtigkeit der Figuren lebt.

Die Welt wird bunter – Mithu Sanyal: Identitti

Kein Roman atmet mehr Gegenwart als Identitti. Ja, es scheint sogar möglich, dass Menschen in 20 oder 50 Jahren zu diesem Buch greifen werden, wenn sie unsere Zeit verstehen wollen. Ist der Roman deshalb für uns Heutige überfordernd, weil er sich eigentlich an Menschen in der Zukunft richtet? Der Verdacht könnte aufkommen, denn immerhin beschreibt die Hauptfigur Saraswati ihre Wirkabsicht als Professorin genauso. Identitti ist aber keine Überforderung, sondern eine Zumutung. Man sollte sich ihr stellen. 

Diese sehr ernste Inszenierung – Christian Kracht: Eurotrash

Alle reden über Kracht. Reden sie über einen Bluff? Kracht selbst wirft diese Frage in ‚Eurotrash‘ auf. Er stellt zur Disposition, ob der Schriftsteller mit dem Namen Christian Kracht überhaupt je etwas von Wert gesagt, geschweige denn zu Papier gebracht habe. Um über sich selbst und seine Herkunft Klarheit zu gewinnen, schnappt er sich seine Mutter und lässt sich von ihr auf einer Reise durch die Schweiz permanent für seine Nichtsnutzigkeit beschimpfen. ‚Eurotrash‘ ist wie alle Romane von Christian Kracht ein eigenartiges Buch.

„Ein Grauer unter bunten Vögeln“ – Monika Helfer: Vati

Wenig ist so ambivalent wie die eigene Familie, die sich zugleich heimisch anfühlt und doch immer etwas Rätselhaftes behält. Die Auseinandersetzung mit ihr und die Positionierung zu ihr sind Fragen, die zeitlos sind und uns ein Leben lang begleiten. Monika Helfer nimmt uns mit auf eine Reise durch Kindheitserinnerungen und Familienlegenden. Damit erschafft sie nicht nur ein liebevoll nostalgisches Bild ihres Vaters, sondern eine sensible Beschreibung der besonderen Beziehung zwischen Kindern und Eltern.

Beim Häuten der verdorbenen Zwiebel – Norbert Gstrein: Der zweite Jakob

„Natürlich will niemand sechzig werden“, heißt es am Anfang von Norbert Gstreins neuem Roman. Wenn durch das Erreichen dieser Schwelle tatsächlich solche Prozesse in Gang gesetzt werden, wie sie der österreichische Autor in Der zweite Jakob beschreibt, wird man nicht widersprechen wollen. Gstrein zeigt ein verkorkstes Leben, das von außen nach Erfolg und Erfüllung aussieht. Welthaltig, wuchtig und melancholisch – ein großer Roman. 

Schuldgefühle und Trauerbewältigung – Jasmin Schreiber: Der Mauersegler

Eine hektische Flucht durch Vergangenheit und Gegenwart hat Jasmin Schreiber in ihrem Roman Der Mauersegler zu Papier gebracht. Bei den unerwarteten Kurven und Kunststücken, welche die Handlung immer wieder vollführt, ist es nicht ganz leicht, die Übersicht zu behalten. Gelingt es aber, dem Mauersegler zu folgen, setzt die Geschichte ungeahnte Emotionen frei.

Von Frau zu Frau – Alena Schröder: Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid

Eine junge Frau, die von Rostock in das Berlin der 1920er Jahre kommt, ihre Urenkelin die in einem ganz anderen Berlin – dem Berlin von heute – lebt und damit beginnt, ihre Familiengeschichte zu erforschen: Das ist der Stoff des Debütromans der Journalistin Alena Schröder. In ihrer sich über vier Generationen erstreckenden Familiengeschichte erzählt die Autorin von existentiellen Problemen, die individuell und universal zugleich sind.

Wie man einen Frosch kocht – Sasha Marianna Salzmann: Im Menschen muss alles herrlich sein

Dem Mythos nach springt ein Frosch, so man ihn in kochendes Wasser wirft, sofort aus dem Topf – während er, wenn das Wasser nur langsam erhitzt wird, keine Fluchtversuche unternimmt, weil er die Temperaturunterschiede nicht bemerkt. In Sasha Marianna Salzmanns zweitem Roman dient als Kochwasser ein korrupter sowjetischer Staat, in dem seine BürgerInnen – Salzmanns ProtagonistInnen – weichgekocht werden, bis nur noch wenig Lebendiges und Ehrlich-Authentisches an ihnen ist. Das titelgebende Tschechow-Zitat ist bittere Ironie, weil die Autorin ausschließlich das Gegenteil umschreibt: Herrlich ist da wenig, beherrscht schon eher. Auch 30 Jahre, nachdem der Ofen ausging, kann das Kochwasser noch salzig genug sein, lähmt es die Frösche noch.

In München steht ein Dichterhaus – Hans Pleschinski: Am Götterbaum

Münchner Kulturpolitik und ein vergessener Nobelpreisträger bilden den Stoff für den neuen Roman von Hans Pleschinski. Der Autor setzt damit seine romangewordene Ahnengalerie deutscher Schriftsteller fort. Am Götterbaum ist zwar als Hinführung zu Paul Heyse interessant, erscheint aber letztlich als literarisch dürftiges Elaborat aus einer zur Serie verkommenen Produktlinie.