Bergweh – Martina Altschäfer: Andrin

Wer kennt sie nicht, die Sehnsucht nach einem spontanen Exit aus dem Alltag: Ausbrechen aus dem Trott und plötzlich an einen heilen, schönen Ort springen. Martina Altschäfers Debütroman ‚Andrin‘ entführt die Protagonistin Susanne an einen solchen Flecken. Das Setting ist im wahrsten Sinne des Wortes gut und schön, aber der Funke springt nicht über. In erster Linie liegt das am Storytelling der Autorin, die hauptberuflich Malerin ist: Sie lässt durch Worte zwar Sehnsuchtsbilder entstehen, eine überzeugende Erzählung wird daraus aber leider nicht.

Eine heillose Jagd über die Grabstätten Europas – Leonhard Hieronymi: In zwangloser Gesellschaft

Leonard Hieronymi schickt seinen Erzähler über die Friedhöfe Europas, immer auf der Suche nach Gräbern verstorbener Schriftsteller, um diese vor dem Vergessen zu bewahren. Die Reise führt ihn zu verschiedenen Protagonisten der europäischen Literaturgeschichte. Was wir von diesen erfahren ist nicht viel, die meisten Informationen gleichen Randnotizen. Die Suche ist vielmehr ein Spektakel, das der Selbstinszenierung dient. Muss man das lesen?

Aus dem Beton – Christian Baron: Ein Mann seiner Klasse

Weniger nach der romantischen Liebe, als nach einer Erklärung für das ihm Widerfahrene sucht Christian Baron in seinem ersten Roman ‚Ein Mann seiner Klasse‘. Darin erzählt er die Geschichte einer tragischen Kindheit, die die seine ist. Davon, wie er und seine Familie unter Armut, Gewalt, Alkoholismus und der Ausgeschlossenheit aus weiten Teilen der sie umgebenden Gesellschaft litten. Davon, wie er dieser Welt entstiegen ist und was von dieser noch heute in ihm übrig ist.

Kampf um die Moderne – Mariam Kühsel-Hussaini: Tschudi

Berlin zur Jahrhundertwende. Die Stadt lebt, vibriert, pulsiert und mitten drin Hugo von Tschudi, Direktor der Nationalgalerie. Der Schweizer holt den französischen Impressionismus in die Hauptstadt des Deutschen Kaiserreiches und überschreitet damit in den Augen des Kaisers, der Deutschnationalen und konservativer Kunstliebhaber Grenzen. Die Grenzen zu Überforderung, Akzeptanz, Nationalismus – und allen voran zur Moderne. Zu einer neuen Zeit.

„Du fühlst dich aber gut integriert, oder?“ – Deniz Ohde: Streulicht

Zweifel am Nutzen von Bildung hält sich hartnäckig (und wird auffallend häufig von männlichen Kritikern geäußert). Sie verderbe den Naturzustand des Menschen (Rousseau), führe zur „Spaltung der Gesellschaft“ (O-Ton rechtskonservativer Wähler) oder zementiere in ihrer institutionalisierten Form soziale Ungleichheit (Aladin El-Mafaalani). Deniz Ohde widmet sich in ihrem Debütroman Streulicht dem Thema und lässt ihre Erzählerin um die Frage kreisen, warum sie so wurde, wie sie ist.

Beim Hinauf- und Hinabfahren der Alb – Bov Bjerg: Serpentinen

Im FAZ Bücher-Podcast bereits vor seinem Erscheinen gehypt, in der ZEIT gefeiert, von Denis Scheck für seine außerordentliche sprachliche Qualität gelobt: ‚Serpentinen‘ ist das Buch der Stunde. In der Tat beeindruckt der Roman mit seinen Innenansichten aus der Seele eines verzweifelten Mannes, der aus Furcht vor Selbstmord über die Tötung seines Sohnes nachdenkt. Doch der mit heißem Furor vorgetragene Rundumschlag des leidenden Helden gegen eine durch und durch verdorbene Welt erweist sich als enttäuschend eindimensional.

Für Heimat und Volk – Ronya Othmann: Die Sommer

Ronya Othmanns autobiographischer Roman ‚Die Sommer‘ erzählt die Entwicklungsgeschichte eines deutsch-kurdischen Mädchens und überzeugt sprachlich und inhaltlich – hierin sind sich die Rezensionen einig. Doch wer hat das hervorragende Debüt der Autorin zu Ende gelesen und in seiner Radikalität erfasst? Othmanns Werk ist weit mehr als eine Mahnung, die kurdischen Jesiden und ihren Existenzkampf nicht zu vergessen, und bietet reichlich Diskussionsstoff.

Völlig losgelöst von der Erde – Daniel Mellem: Die Erfindung des Countdowns

10, 9, 8… bis es soweit war und nur noch runtergezählt werden musste, bevor die Rakete zum Mond endlich starten konnte, hatte die Idee schon eine lange und wechselvolle Geschichte hinter sich. Wer hätte etwa gewusst, dass sie in den Nullerjahren des 20. Jahrhunderts am Flüsschen Kokel in Siebenbürgen beginnt? Daniel Mellem hebt den Raketenpionier Hermann Oberth in seinem Debütroman aus den Tiefen des Vergessens und widmet sich seinem tragischen Leben voller Visionen und Fehlschläge.

In den Augen der Andern – Andreas Heidtmann: Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde

‚Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde‘ ist keine literarische Revolution. Es ist jedoch das gelungene Porträt eines Jugendlichen und zugleich einer Generation. Feinsinnig und einfühlsam zeichnet Andreas Heidtmann das mitreißende Bild eines Lebensabschnittes, der verwirrender nicht sein könnte und dementsprechend eine unerschöpfliche Quelle literarischer Biografiearbeit darstellt.