In den Augen der Andern – Andreas Heidtmann: Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde

‚Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde‘ ist keine literarische Revolution. Es ist jedoch das gelungene Porträt eines Jugendlichen und zugleich einer Generation. Feinsinnig und einfühlsam zeichnet Andreas Heidtmann das mitreißende Bild eines Lebensabschnittes, der verwirrender nicht sein könnte und dementsprechend eine unerschöpfliche Quelle literarischer Biografiearbeit darstellt.

Sie will doch nur spötteln – Lisa Eckhart: Omama

Lisa Eckhart war in der jüngsten Zeit Gegenstand hitziger Debatten darüber, wo die ethischen Grenzen der Satire zu ziehen sind. Einmal mehr stehen sich dabei die Befürworter uneingeschränkter Kunstfreiheit und die Streiter für identitätspolitische Sensibilität offenbar unversöhnlich gegenüber. Unwohl wird einem, wenn die öffentlichen Diskussionen zu Einschränkungen des Wirkens der Beteiligten führen. In diesen emotional aufgeladenen und moralisch hochsensiblen Zeiten verschwimmen die Grenzen zwischen Kunst als zuspitzendem Reflexionsmedium der Gesellschaft und dem wirklichen Leben zunehmend. Die eigene Befindlichkeit vieler Rezipienten oder deren Betroffenheit gegenüber anderen sozialen Gruppen wiegt schwerer als die Beachtung von Genrekonventionen. Nun hat Eckhart ihr – gewiss oft derbes – Kabarett erstmals in einen Roman gepackt. Muss man sich angegriffen fühlen? Und kann Kabarett in Romanform gelingen?

Die Stadt, die niemals schläft – Thorsten Nagelschmidt: Arbeit

Wenn man sich abends zum Ausgehen trifft, dann fragt man sich selten, welche Menschen einem diese Zeit überhaupt erst ermöglichen. Das persönliche Glück, die Freude stehen dabei im Vordergrund. Dabei sind es zahlreiche Menschen, die für diese schönen Zeiten garantieren – und die da sind, wenn sie kippen. Barkeeperinnen, Türsteher, Kioskbetreibende, Polizisten, Krankenhauspersonal, Tram- und Taxifahrerinnen und all die anderen. Thorsten Nagelschmidt hat einen Berlin-Roman vorgelegt, der die Sicht von diesen arbeitenden Menschen einnimmt und in einer Nacht zusammenfließen lässt. Und leider deshalb so konstruiert wie voraussehbar herüberkommt.

Befremdliches Schweigen – Hans Joachim Schädlich: Die Villa

Fünfundsiebzig Jahre nach Kriegsende schreibt Hans Joachim Schädlich das Buch ‚Die Villa‘ über das Leben einer vogtländischen Familie im Nationalsozialismus. Man könnte meinen: Das Buch kommt zum richtigen Zeitpunkt; erleben wir doch heute, wie rechtes Gedankengut teils ungehemmt aus diversen gesellschaftlichen Kreisen an die Öffentlichkeit dringt. Da braucht es Bücher, die dem entgegen stehen und laut aufzeigen, wie vermeintlich vergangene Strukturen reproduzierbar sind. Ist ‚Die Villa‘ solch ein Buch?

Das Manifest der identitätspolitischen Partei – Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst

Olivia Wenzels Erzählerin hat tausendfältige Angst: Angst vor arabischen Terroristen, vor dem Reisen, vor Weißen, vor der Mehrheitsgesellschaft, vor der Mutter, vor ihrer Sexualität; davor, nicht dazuzugehören, sich zu binden, politisch nicht korrekt zu handeln oder selbst Mutter zu werden. In einem imaginierten Zwiegespräch mit sich selbst, das einer Therapiesitzung ähneln soll, geht sie den verschlungenen Wurzeln ihrer Ängste mal ernsthaft, mal halbherzig auf den Grund. Dabei münden alle Erinnerungen und Gedanken in den Fragen, wo, woher und wer sie sei – dringende Fragen nach ihrer Identität. Doch taugt dieses Gemisch aus Angststörungen und identitätspolitischen Affekten zu einem gelungenen Roman?

Eine schrecklich banale Familiengeschichte – Katharina Geiser: Unter offenem Himmel

Bücher haben eine gewisse Ähnlichkeit mit Menschen, die man auf Partys trifft. Mit so manchem findet man sich sofort auf Augenhöhe wieder. Man bemerkt gar nicht, wie ein Abend, wie eine ganze Nacht vergeht, und bedauert es zutiefst, wenn die Zeit des Abschieds gekommen ist. Und dann gibt es jene, denen man lieber aus dem Weg gegangen wäre, weil sie einen sonst mit einem unendlichen Strang pointenloser Anekdoten für den Rest des Abends okkupieren, wenn es nicht gelingt, sich zum rechten Zeitpunkt höflich aus dem Gespräch zurückzuziehen. Leider fällt das hier besprochene Buch in die letztere Kategorie.

Der schwarze Streifen des Regenbogens – Leona Stahlmann: Der Defekt

Wenn mit dem Regenbogenbanner für die Gleichberechtigung aller sexuellen Identitäten demonstriert wird, fehlt die Farbe Schwarz. Leona Stahlmann möchte, dass sich das ändert. In ihrem Debütroman erscheint BDSM als jene dunkle Schattierung von Sexualität, die unter der grellen Oberfläche von Hardcorepornos und Schmuddelliteratur ein Dasein im Verborgenen fristet. Auf der Suche nach Zwischentönen verzettelt sich dieser Erstling.

Ich war ein Spion der Nazis – Ulla Lenze: Der Empfänger

Agentenkrimis sind spannend aber zumeist unrealistisch. Im echten Leben wären die Herren in den teuren Anzügen und schnellen Autos zu auffällig. Ulla Lenzes neuer Roman ‚Der Empfänger‘ über einen deutschen Spion im Amerika des Zweiten Weltkrieges ist hingegen äußerst realistisch und damit wäre auch schon das Positivste über das Werk gesagt. Das reale Fundament des Buches bilden über hundert Briefe, die der Großonkel der Autorin ab den 1940er-Jahren aus Amerika an seinen Bruder schrieb. Die Hauptfigur Josef Klein ist zwar eine literarische Erfindung, doch mehrere, z. T. namhafte Historikerinnen und Historiker berieten die Autorin bei ihrer Arbeit. Wie aus spannender Quellenlage und sorgfältiger Vorbereitung ein langweiliger Roman entstehen kann, wird im Folgenden gezeigt.

„Keine Frau auf Erden wird je so schön sein“ – Monika Helfer: Die Bagage

Das literarische Jahr 2019 endete mit üblen Twittergefechten zu Karen Köhlers außerordentlichem Roman Miroloi. In deutschen Feuilletons, österreichischen Social-Media-Gruppen und Schweizer Kulturradios wurde über weibliches Schreiben im frühen 21. Jahrhundert gestritten. Es ging um die Selbstermächtigung der Frau. Im Jahr 2020 geht die Diskussion stürmisch weiter. Die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer beteiligt sich durch die Veröffentlichung eines aufsehenerregenden Porträts einer alles andere als schwachen Frau in den Untergangsjahren der Habsburgermonarchie. Ein Selbstermächtigungszeugnis der besonderen Art.