Schmatzend echt – Thomas Northoff: Die unerzählte Geschichte vom Bettelgeiger und der heiligen Kümmernis

von Jascha Feldhaus

Ein Wien, ein Mensch und kaum Heiligkeit. Thomas Northoff schreibt einen Roman, in dem sich dessen Protagonist an seiner eigenen Lebensgeschichte abarbeitet. Naiv aber auch humor- und lustvoll läuft er durch die Welt, stößt überall an, reibt sich, wird abgerieben, bleibt meist er selbst und kommt niemals an. Thomas Northoff wählt die Sprache als vertiefenden Ausdruck seines Protagonisten und bedient sich munter bei seinem tschechischen Vorbild Jaroslav Hasek, dessen Abenteuer des braven Soldaten Schwejk hier eine Folie bieten, die ein Leben erklärbar erscheinen lassen.

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Thomas Northoffs Roman Die unerzählte Geschichte vom Bettelgeier und der heiligen Kümmernis erzählt die Lebensgeschichte seines Protagonisten von der frühen Kindheit in den fünfziger Jahren bis über das 60. Lebensjahr hinaus in die Zweitausender hinein. Seine Kindheit wird bestimmt von seinem Vater, der trotz Scheidung weiterhin das Familienoberhaupt bleibt und übergriffig nicht nur im Leben seines Sohnes sondern auch in das der Mutter und der Halbschwester herumwütet. Als Sohn soll dieser dem Vater nachfolgen, Arzt werden und sich ordentlich, anständig betragen. Doch stellt sich heraus, dass die Schule und die Erwartungen nicht zu ihm passen. Der Druck auf das heranwachsende Kind steigt, er muss die Wohnung seiner Mutter verlassen und zum Vater ziehen. – dass in dem Ortswechsel auch ein wenig Entlastung steckt, liegt daran, dass Mutter und Halbschwester ihm mehr und mehr die Schuld zu weisen, warum der Vater alle drangsaliert. Es folgt beim Vater ein Leben in Unfreiheit, in Regeln und Gesetzen; überall lauert die Bestrafung.

Ganz gleich, wo er sich aufhält, er trägt die Last an allem. Eine Befreiung ist erst in Sicht, als er auszieht. Dass er immer noch mit den gesellschaftlichen Erwartungen hadert, ihm das vorhandene System nicht passt, tritt jetzt immer wieder zum Vorschein. Er wird Vater, hat eine Beziehung, die aber bricht. Ihm wird der Kontakt zu seiner Tochter verwehrt, es geht soweit, dass er bereit ist, sie zur Adoption an den neuen Mann der Mutter freizugeben. Eine Lohnarbeit übt er nur selten aus, er studiert zwar, wird Lehrer, kommt aber ins Gefängnis aufgrund Drogenbesitzes. In Freiheit ist er Graffiti-Forscher und ermittelt darüber gesellschaftliche Entwicklungen und erkennt den aufkommenden Nazismus bereits sehr früh. Außerdem ist er eher erfolgloser Schriftsteller, wenn man seinen Haft-Roman einmal außen vor lässt.. Seltene Gelegenheitsjob bieten zeitweilige Perspektiven – bis er wieder aneckt und rausgeschmissen wird. In der Regel lebt er von der Stütze, dem Alkohol und Canabis hingegeben, der Heurige als Heimatort.
Der Tod seines Vaters lockt noch einmal die Auseinandersetzung mit ihm und sich selber hervor, bietet zu dem ein ordentliches Erbe, dessen er nicht wirklich bedarf – wozu jetzt Reichtum, wenn das Geld vorher auch nicht wichtig war?

Northoff wählt Haseks Abenteuer als Vehikel für seinen Roman. Das ist eine clevere Wahl, da es den Herausforderungen mit Obrigkeiten, der Gesellschaft und dem eigenen Sein eine humorvolle Note verspricht. Das Erschütternde der Situationen bleibt ernst, wird aber durch den eigenartigen Daseinsdrang des Protagonisten in die Irre geführt – wenn auch nicht immer zum Vorteil des Protagonisten. Das Außen wirkt oft ernüchternd, einengend, unlieb, bedrohlich; sei es der Vater, die Ansichten oder das Verhalten der meisten anderen Menschen oder auch das eigene, in sich bleibt der Protagonist sich sicher und er selbst.

Die Sprache spielt eine entscheidende Rolle für das vorliegende Buch. Es gelingt dem Autor, dem Protagonist dadurch eine eigene Erzählstimme zu geben, die mit einem schmatzenden wienerischen Einschlag an manchen Ecken der Sätze, den Lesenden aufhorchen lässt. Gleichzeitig muss gesagt sein, dass sie herausfordert, manchmal ermüden kann, doch dabei immer wieder lustvolle Erwartungen geweckt werden. Die Sprache rückt dabei in die Gedanken- und Sprachwelt des Protagonisten, weshalb sie verschachtelt und doch oder gerade deshalb authentisch ist. Es gibt viel zu lachen an Stellen, die kaum zum Lachen sind.

Das Buch empfiehlt sich gut für alle, die Literatur als das Besondere schätzen, was sie sein kann: Ein Ort für Herausforderung und Auseinandersetzung, eine gute und gut erzählte Geschichte.
– und allen anderen ebenfalls viel Spaß damit!

Thomas Northoff Die unerzählte Geschichte vom Bettelgeier und der heiligen Kümmernis Cover

Thomas Northoff: Die unerzählte Geschichte vom Bettelgeiger und der heiligen Kümmernis
Bibliothek der Provinz 2025
656 Seiten / 34 Euro

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Foto: Robert Balog / pixabay

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