Sie will doch nur spötteln – Lisa Eckhart: Omama

Lisa Eckhart war in der jüngsten Zeit Gegenstand hitziger Debatten darüber, wo die ethischen Grenzen der Satire zu ziehen sind. Einmal mehr stehen sich dabei die Befürworter uneingeschränkter Kunstfreiheit und die Streiter für identitätspolitische Sensibilität offenbar unversöhnlich gegenüber. Unwohl wird einem, wenn die öffentlichen Diskussionen zu Einschränkungen des Wirkens der Beteiligten führen. In diesen emotional aufgeladenen und moralisch hochsensiblen Zeiten verschwimmen die Grenzen zwischen Kunst als zuspitzendem Reflexionsmedium der Gesellschaft und dem wirklichen Leben zunehmend. Die eigene Befindlichkeit vieler Rezipienten oder deren Betroffenheit gegenüber anderen sozialen Gruppen wiegt schwerer als die Beachtung von Genrekonventionen. Nun hat Eckhart ihr – gewiss oft derbes – Kabarett erstmals in einen Roman gepackt. Muss man sich angegriffen fühlen? Und kann Kabarett in Romanform gelingen?

Wann ist ein Mann ein Held? – Monika Maron: Artur Lanz

Wenn Monika Maron einen neuen Roman veröffentlicht, ist das immer noch ein Großereignis. Die Autorin wird interviewt, es gibt zahlreiche Besprechungen und auf Twitter brüstet man sich damit, den Roman nicht lesen zu wollen. Dass dafür nicht nur literarische Gründe, sondern vor allem auch politische verantwortlich zu machen sind, versteht sich. Lohnt sich die Aufregung um ‚Artur Lanz‘? Wir finden, ja!

„Herzliche Hölle“ – Abbas Khider: Palast der Miserablen

Der Irak dringt immer wieder in unser Leben. In Deutschland, Österreich und der Schweiz liefert ein illustrer Reigen im Irak geborener Autorinnen und Autoren mit großer Regelmäßigkeit Exilliteratur in deutscher Sprache: die Romancière Karosh Taha, die Kriminalautorin und Lyrikerin Susanne Ayoub und der Schriftsteller Usama Al Shahman, um nur die Wichtigsten zu nennen. Abbas Khider überstrahlt sie alle.

Das Bergerlebnis – Amanda Lasker-Berlin: Elijas Lied

Wann waren Sie zuletzt mit Ihren Geschwistern wandern? Vielleicht sollten Sie zuerst das Romandebüt von Amanda Lasker-Berlin lesen, bevor Sie zu einer solchen Unternehmung aufbrechen. Im Laufe der Zeit können sich Geschwister – in diesem Fall drei Schwestern – in sehr unterschiedliche Richtungen entwickeln. Von der scheiternden Suche nach Verständigung erzählt ‚Elijas Lied‘.

„Man kann doch Menschen nicht nur nach Geschlechtsteil unterscheiden“ – Marcel Reich-Ranicki und die Frauen

Marcel Reich-Ranicki ist ein toter weißer Mann. Zu Lebzeiten war er für viele Jahrzehnte eine der einflussreichsten Figuren im deutschen Literaturbetrieb. Wer danach fragt, warum Frauen und Männer noch immer nicht zu gleichen Teilen im literarischen Leben der Bundesrepublik repräsentiert werden – und diese Frage wird in unseren Tagen oft und laut gestellt –, landet schnell bei angeblich frauenfeindlichen Patriarchen. Geradezu als Archetyp wird dabei Marcel Reich-Ranicki gesehen. Unwissen und populäre YouTube-Videos tragen bis heute dazu bei, dass sich dieses üble Klischee hartnäckig hält. Eine Klarstellung.

In einem roten Fotoalbum mit ’nem goldenen Knopf – Ulrich Tukur: Der Ursprung der Welt

Nimmt man an, die Geheimnisse der Welt offenbarten sich ganz besonders in der Kunst, dürfte Ulrich Tukur eine besondere Nähe zu ihnen unterstellt werden. Schließlich hat er sich als ein schöpferischer Tausendsassa erwiesen. Er ist nicht nur seit langem ein weithin bekannter und verdienter Schauspieler, sondern unlängst auch ein Vergnügen bereitender Musiker und ein reger Schriftsteller, der die Literaturlandschaft seit den 2000ern mitgestaltet hat. Der Vielkönner Tukur hat das Menschsein umfassend dargestellt, besungen und erzählt, weshalb er bestens gerüstet zu sein scheint, auch die ganz großen Fragen zu stellen: Sein neuer Roman gilt dem Titel nach nichts weniger als dem Ursprung der Welt. Darf man auf tiefere Erkenntnis hoffen?

„Wir saßen in heftiger Harmonie einander gegenüber“ – Martin Walser: Mädchenleben oder Die Heiligsprechung

„Er ist im Grunde überhaupt kein Erzähler“, urteilte Marcel Reich-Ranicki 1996 über Martin Walser. Der am Bodensee aufgewachsene Autor war damals schon eine lebende Legende: zuerst Mitglied der Gruppe 47, bald Büchner-Preisträger, Starautor der Tendenzwende, vielzitierter Gesellschaftskritiker, Nobelpreisanwärter. Wenn Peter Handke trotz seiner ausserliterarischen Verfehlungen einen Nobelpreis bekommen konnte, was bewahrt dann Martin Walser noch davor, einen zu erhalten? Sein neuestes Buch wird es nicht sein. Es ist zu unbedeutend. Was damals nämlich noch eine gewagte Aussage Reich-Ranickis war, ist inzwischen eingetreten: Walser erzählt nicht mehr, er verfasst in einer wunderbaren Sprache liebliche Büchlein ohne Biss. Und manchmal fällt durch einen lichten Dunst von Sprache ein Schatten von Gewalt. Unser Autor erklärt, warum sein neuestes Werk nicht viel mehr bietet als ein wenig Zerstreuung.

Ein lauwarmer Schrei nach Liebe – Leif Randt: Allegro Pastell

‚Allegro Pastell‘ ist ein merkwürdiges Buch. Obwohl es weder sprachlich noch inhaltlich Außergewöhnliches bietet, hat es in der Literaturkritik heftigste Erregungen ausgelöst. Ijoma Mangold nennt es in der ZEIT „definitiv eines der wichtigsten Bücher der deutschen Gegenwartsliteratur“ und stellt gar in Aussicht, „eine neue Jugendbewegung“ könne daraus entstehen. Andere Kritiker fühlen sich so sehr von den Figuren der Randtschen Welt provoziert, dass sie ihnen an den Hals wünschen, es mit „Problemen zu tun [zu] bekommen, die nicht alle unmittelbar nur etwas mit ihrer eigenen Empfindsamkeit zu tun haben“. Woher kommt diese Erregung? Was macht diesen Roman so atemberaubend gut – und so verdammt traurig?

Werk ohne Autor – Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder

Norbert Paulini hat sich radikalisiert. Die Hauptfigur in Ingo Schulzes neuem Roman ist einer jener hasserfüllten Abgehängten, von denen dieser Tage so viel zu hören ist. Aber ist er das wirklich? Ja und nein. Einerseits geht es 30 Jahre nach der Wende tatsächlich noch einmal um die untergegangene DDR und um jene, die vom Wandel in die Knie gezwungen worden sind. Andererseits nähert sich Schulze seiner exzentrischen Romanfigur über drei grundverschiedene Erzählperspektiven, sodass am Ende keine Gewissheit mehr übrigbleibt. Höchstens eine: Dieser Roman ist unvergesslich.