Weiter lesen – Ruth Klüger: „Wer rechnet schon mit Lesern?“

Von Pascal Mathéus

Ruth Klüger war eine beeindruckende Frau und viel mehr als Zeugin für die Shoah und frühe literaturwissenschaftliche Feministin. Dank dem Göttinger Wallstein Verlag lassen sich die vielfältigen literarischen Interessen Klügers nun in einem sorgfältig edierten Band entdecken. Die neu erschienene Aufsatzsammlung mit bislang unveröffentlichten Texten der 2020 verstorbenen Literaturwissenschaftlerin zeugen von Klügers breiter Kenntnis und leidenschaftlicher Akribie.

Seit dem Erscheinen ihrer Autobiographie weiter leben (1992), in der Ruth Klüger in einem ungewöhnlich unsentimentalen Ton über ihre Erlebnisse in den Lagern Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau und Groß-Rosen berichtete, ist Klüger vor allem als Augenzeugin für die Verbrechen der Nazis an den Juden und anderen systematisch verfolgten Gruppen bekannt. Kein Wunder, gehörte sie doch zu der äußerst kleinen Gruppe von Menschen, die das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überlebten und so später davon erzählen konnten. 

Daneben stand und steht der Name Ruth Klüger vor allem für eine frühe, hellsichtige Hinwendung zum literaturwissenschaftlichen Feminismus. Ihre Aufsatzsammlung Frauen lesen anders, und besonders der darin enthaltene gleichnamige Aufsatz, der 1994 in der Zeit erschien, zeigen die 1931 in Wien geborene und 1947 in die USA emigrierte Klüger als originelle und furchtlose Streiterin für die Sache der Frauen. In dem Aufsatz legte sie offen, wie sehr Literaturkanon und Literaturkritik von einer männlichen Perspektive dominiert seien. Ihre Forderung nach mehr Sichtbarkeit für weibliche Stimmen hat heute eine große Anhängerschaft gefunden und kann wohl – trotz anhaltender Kritik – als weitgehend durchgesetzt betrachtet werden.

Natürlich kommen diese beiden biographisch grundierten Züge von Klügers Blick auf die Literatur auch in Wer rechnet schon mit Lesern? zum Tragen. Wer die Germanistin aber nur in diesen zwei Rollen kennt, dem bleibt ein großer Teil ihres Schaffens und ihrer Persönlichkeit verborgen. Das zeigt der von Gesa Dane herausgegebene Band. So wird etwa auch erkennbar, was die Germanistin von heutigen Ansätzen feministischer Literaturkritik unterscheidet: 

Klügers Texte kommen nämliche ohne eine unreflektierte und umfassende Abwertung des klassischen Kanons aus. Im Gegenteil: Die Germanistin schöpft aus einem schier unermesslichen Fundus kanonischer Lektürekenntnis, zeigt immer wieder, wo die Stärken und Schwächen der Klassiker sind, ohne jedoch in blinder Wut ihren Sturz vom Sockel zu fordern. Überhaupt fallen in ihrem Temperament die besten literaturwissenschaftlichen und literaturkritischen Eigenschaften zusammen. Während ihre Aufsätze gleichzeitig höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügen, stellen sie doch gleichwohl immer die Frage nach der Qualität eines Textes, wozu sie stets gut begründete Urteile präsentiert. 

Vielfältig könnte man die Auswahl der Texte nennen und würde damit sicherlich das Richtige treffen. Kritischere Geister könnten das abgedruckte Material auch etwas disparat finden. Auffällig ist zumindest, dass offenbar sehr unterschiedliche Adressatenkreise angesprochen werden sollten, weshalb Sprache und Stil merklich variieren. Während etwa der Epochenüberblick zur deutschsprachigen Literatur der Renaissance- und Reformationszeit einen sehr gut verständlichen Handbuchcharakter aufweist, schlägt gerade bei den englischsprachigen Texten mitunter ein akademischer Duktus durch. Unwillkürlich denkt man an Hannah Arendt, die für ihre Publikationen als deutsche Muttersprachlerin ebenfalls ins Englische wechselte und im Interview mit Günter Gaus zu Protokoll gab, in der später dazugelernten Sprache weniger spontan und kreativ gewesen zu sein.

Gleichwohl zeichnen sich sämtliche Texte durch große gedankliche Klarheit und Stringenz aus. Ihr größter Vorzug ist, dass sie gleichzeitig von einer auf jeder Seite spürbaren Leidenschaft getragen werden. Klüger brennt offensichtlich für die deutschsprachige Literatur und widmet ihr deshalb die größte denkbare Konzentration und Aufmerksamkeit. Schon in weiter leben demonstrierte Klüger eindrucksvoll, welchen Halt ihr Literatur in ihren verschiedensten Ausdrucksformen gab; wie sie ihr dabei half, das Unerträgliche über sich ergehen zu lassen – und sei es durch das bloße Repetieren von Versen beim sinnlosen Herumstehen auf dem Appellplatz. Genau wie bei Marcel Reich-Ranicki erhält Klügers spürbare Liebe zur Literatur dadurch eine Glaubwürdigkeit, die heutigen Kritikern häufig (und man muss wohl ergänzen: zum Glück!) abgeht. Sicher ist die Liebe Klügers spröder und weniger gefühlig als die Reich-Ranickis, aber kein bisschen weniger intensiv.

Was sich außerdem in den Texten durchhält, ist Klügers imponierende intellektuelle Unbestechlichkeit. Häufig rennt sie damit gegen überkommene Urteile über Texte und Dichter an, um mit einer genaueren Analyse für eine neue Lesart zu argumentieren. So unternimmt sie etwa eine Revision des weitgehend vergessenen Autors Eugen Gottlob Winkler, indem sie dessen von biographischen und politischen Interpretationsansätzen geprägtes Bild in Richtung eines mit vielfältigen literarischen Mitteln arbeitenden Autors korrigiert, der einen Metaphernkosmos ganz eigenen Rechts etabliert habe. 

Ähnliche Entdeckungen und Erkenntnisse lassen sich in beinahe jedem der 13 Texte machen. So wird Wer rechnet denn schon mit Lesern? zu einer anregenden Rundreise durch die Jahrhunderte deutscher Literaturgeschichte geführt von einer der besten Führerin, die man sich vorstellen könnte. Vor allem beweist der Band eines aufs Neue: Ohne Liebe zu ihrem Gegenstand kommen weder Literaturwissenschaft noch Literaturkritik aus.

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Ruth Klüger: „Wer rechnet schon mit Lesern?“
Wallstein 2021
256 Seiten / 24 Euro

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Foto: Georges Jansoone / wikipedia.org

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