Road to nowhere – Ronja von Rönne: Ende in Sicht

Von Pascal Mathéus

Das neue Buch von Ronja von Rönne wäre eigentlich nicht der Rede wert. Die publizistische Aktivität der Autorin rund um die Veröffentlichung Ihres Romans machen die Angelegenheit aber zu einem interessanten Fall für die Literaturkritik. Darf man ästhetische Kriterien an ein Buch anlegen, das die Autorin Ihrer Depression abgetrotzt hat?

„Dieser Roman ist ein persönlicher Erfolg – und ein literarischer dazu“, titelte der Spiegel über Ende in Sicht. Dass außerliterarische Kriterien an das Buch angelegt werden, geht auf das Konto der Autorin selbst. Kurz vor der Veröffentlichung platzierte sie im Feuilleton der Zeit einen Beitrag über Depression und Kunst. Darin stellte sie sich gegen die Verklärung von psychischen Krankheiten als Antriebsfeder für künstlerisches Schaffen. Dem lässt sich leicht zustimmen. Wenn sich eine Depression im klinischen Sinne durch Antriebslosigkeit auszeichnet, wäre das ja gerade das Gegenteil einer Antriebsfeder.

Abgesehen davon aber, dass sich auch im klinischen Sinne nicht alle Ausprägungen von Depression durch Antriebslosigkeit auszeichnen, unterschlägt von Rönne in ihrer apodiktischen Redeweise über ‚die Krankheit‘ sowohl im Zeit-Artikel als auch in ihrem neuen Roman, wie wenig bei dem Thema Depression eindeutig ist, wie notwendig die psychiatrische Diagnose ‚Depression‘ auf der einen Seite ist, um leidenden Menschen Hilfe zuteil werden zu lassen, und wie viele offene Fragen auf der anderen Seite hinter dieser pragmatischen Vereinfachung verborgen bleiben. 

Wenn die Autorin etwa „Weltschmerz“ und Depression synonym verwendet, räumt sie einen Jahrtausende alten Diskurs über Melancholie per Handstreich ab. Natürlich hat das Thema aber auch eine philosophische Dimension. Weltschmerz und Depression sind miteinander verwandt, überschneiden sich teilweise und sind umso schwieriger klar und deutlich voneinander zu scheiden. 

Wie steht es außerdem um die gesellschaftlichen und geistesgeschichtlichen Aspekte des Phänomens? Welche gesellschaftlichen Ursachen machen die Depression überhaupt erst zur ‚Volkskrankheit‘? Welche geistesgeschichtliche Situation hat dazu geführt, dass die alten sinnstiftenden Denksysteme aus Religion, Politik und Philosophie keine überzeugenden Antworten mehr für Sinnsuchende liefern? Und was folgt daraus?

All diese Fragen blendet von Rönne in ihrem ausschließlich pathologischen Verständnis von ‚Depression‘ aus. Dementsprechend flach fällt ihr Roman aus. Denn trotz der geäußerten Kritik sollte man von Rönne nichtsdestoweniger darin folgen, Bücher grundsätzlich von den Krankheiten ihrer Autoren zu trennen. So kann man auch literaturkritisch über sie urteilen.

Sprachlich ist der gesamte Roman in einem sichtlich in die Jahre gekommenen Jugendton gehalten. Er klingt angestrengt rotzig, pubertär zynisch und ärgerlich überdreht. Wie in so vielen literarischen Texten wird der Schreibschulentrick durchexerziert, ungewöhnliche und ausdrucksstarke Verben zu verwenden. In keinem Roman möchte man die Verben ‚angeln‘ für ‚herausnehmen‘, ‚balancieren‘, für ‚tragen‘ und ‚malträtieren‘ für ‚zerstören‘ aber mehr lesen. Dieser Einsatz von Metaphern gleicht einem unangenehm ostentativen Augenzwinkern und steht pars pro toto für ins die Putzmuntere gesteigerte Albernheitsrhetorik des Romans.

Ihre Heldinnen, die 15-jährige Juli, die sich durch einen Sprung von einer Wildbrücke über die Autobahn das Leben nehmen möchte, und die 69-jährige ehemalige Schlagersängerin Hella, die in der Schweiz Sterbehilfe in Anspruch nehmen möchte, sind schwache literarische Figuren voller Klischees und schablonenhafter Sprechweisen. Vor allem Hella ist ein einziges Ärgernis. Die Schlagersängerin erscheint als Oberflächlichkeit in Person. Aus naiven Schlagertexten Rührung herauszuschlagen, war zuletzt schon bei Peter Stamm eine fragwürdige literarische Technik. Bei Ronja von Rönne fallen die Reime nochmals dünner aus. Besonders deutlich wird die Schwäche des vorliegenden Buches im Vergleich zu den viel komplexeren Figuren von Jasmin Schreiber, deren Roman Marianengraben ganz ähnlich aufgebaut war wie Ende in Sicht.

An verunglückten Wendungen herrscht darüber hinaus kein Mangel: „Der Gemeinschaftsraum verwandelte sich immer mehr in Deutschlands ältesten Dancefloor.“ Nicht nur wegen des Inhalts klingt ein solcher Satz wie von einem Animateur auf Pauschalurlaubsreise. 

„Der honigfarbene Cognac hatte ihr Mut gemacht, den sonst so lauten inneren Kritiker in eine Cheerleaderin verwandelt“, gehört dagegen in eine andere Kategorie. Hier klingt eher die Prosa von Ratgeberliteratur an. Aktiviere Deine innere Cheerleaderin hätte sicher gute Chancen in diesem Marktsegment.

So flach wie die Sprache bleibt der Roman aber noch aus einem weiteren Grund – und damit kommen wir zurück zum Anfang dieser Kritik. Wenn Depression einzig und ausschließlich psychopathologisch aufgefasst wird und damit vollkommen getrennt wird von weltanschaulichen und philosophischen Problembereichen, lässt sich auch nichts Interessantes mehr über das Phänomen sagen. Dass dieses Bild der Depression in dem Buch vorherrscht, wird in einem Ausspruch von Juli deutlich: „Das Bewusstsein, das bescheuertste Talent, das die Natur hervorgebracht hat“, sagt sie an einer Stelle. Die evolutionsbiologistisch-naturalistische Auffassung des Menschen schreibt sich heraus aus der humanistischen Tradition abendländischer Literaturgeschichte. Wer das Bewusstsein nur noch als Ärgernis auffasst, wird schwerlich überhaupt noch etwas über Menschen zu sagen haben.

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Ronja von Rönne: Ende in Sicht
dtv 2022
256 Seiten / 22 Euro

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Foto: nockewell1 / pixabay.com

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