Archäologie der ersten Liebe – Peter Stamm: Das Archiv der Gefühle

Von Pascal Mathéus

Mit Peter Stamm ist es ein bisschen so wie mit Udo Jürgens. Wenn man nüchtern auf seine Texte schaut und einzelne Sätze betrachtet, müsste einem wohl manches kitschig erscheinen. Doch weil er seine empfindsamen Figuren in glaubhafte Erzählungen einbettet und sich bei der Beschreibung ihrer Gefühlszustände in Genauigkeit übt, berühren seine Romane und Erzählungen. Das gilt auch für Das Archiv der Gefühle – mit Einschränkungen.

Nur wenige zeitgenössische Erzähler kommen gänzlich ohne Ironie aus. Bei Peter Stamm ist dies der Fall. In seinem neuen Roman erzählt er von einem Dokumentaristen, der „in Zeiten der Datenbanken und der Volltextsuche“ seinen Job verloren hat. In einem Pressehaus in einer nicht namentlich genannten Schweizer Stadt hat er in einem Archiv gearbeitet, die Suchaufträge von Journalisten bedient und vor allem jede Menge Zeitungsartikel ausgeschnitten, aufgeklebt, rubriziert und einsortiert. Als diese Aufgabe ihren Wert verloren hatte, ging er nach Hause und nahm das Archiv mit, um es privat weiterzuführen. Am Anfang des Romans stellt sich der namenlose Protagonist als jemand vor, der mit dem Leben abgeschlossen hat. Vereinsamt lebt er in dem Haus seiner verstorbenen Mutter und pflegt so wenig menschlichen Kontakt wie möglich. 

Dass Stamms Held ein solcher Sonderling ist, muss man unter die Schwächen des Romans zählen. Die Metapher des Archivs, die für das Leben herhalten muss, und der Beruf des Archivars, der allzu aufdringlich das literarisch dankbare Motiv der biographischen Recherche motiviert, tragen im erheblichen Maße dazu bei, dass der Roman als äußerst konstruiert erscheint. Auch veranlasst die Perspektive seiner Hauptfigur, aus der der gesamte Roman erzählt ist, den Autor zu einigen recht ärgerlichen Plattitüden über die Gegenwart. Zum Beispiel: „Wenn alles wie im Internet gleichwertig ist, hat nichts mehr einen Wert.“

Dieselben Vorbehalte gelten auch für den weiblichen Widerpart des Helden: eine Mitschülerin, seine große Liebe, die ausgerechnet Schlagersängerin geworden ist und deshalb als Prominente ein Dossier in seinem Archiv bekommen hat. Natürlich lädt dieser Umstand, der ebenfalls sehr deutlich als ein eigens für einen Roman ausgedachter zu erkennen ist, dazu ein, die Frage zu stellen, welchen Zusammenhang es zwischen den Presseartikeln und dem wirklichen Leben gibt und ob ein Dossier im Archiv überhaupt etwas über eine ‚wirkliche‘ Person aussagen kann. Alles nicht neu, alles sehr naheliegend.

Ihre Qualitäten entwickelt die Stamm’sche Prosa aber auf anderem Terrain. Wenn man sich trotz Vorbehalt auf die Rechercheberichte und Alltagsschilderungen des Archivars einlässt, kann man einige der für den Autor typischen, schnörkellosen Sätze entdecken, die starke literarische Ausdruckskraft besitzen. Stamm schreibt etwa: „Wenn auf der Welt so viel geliebt und gelitten würde wie in den Schlagern, dann sähe sie anders aus.“ Das ist so prägnant wie unprätentiös.

Überhaupt stehen den häufigen einfältigen Bemerkungen des Archivars ebenso viele kluge Beobachtungen gegenüber. Wenn Stamm ihn etwa über seine Kindheit nachdenken lässt, („Ich kann mich nicht erinnern, jemals getragen worden zu sein“), dann steckt in dieser schlicht daherkommenden Feststellung das Potential eines Abgrunds, und das Psychogram der Figur gewinnt an Kontur. Ebenfalls intelligent fährt er fort: „Aber vermutlich war ich im Großen und Ganzen nicht seltsamer als andere Kinder, weil wir alle seltsam sind, wenn wir nur lange genug darüber nachdenken.“

Eben dieses Nachdenken, dieses den Gefühlen, Erinnerungen und Gedanken so präzise wie möglich Nachspüren, zeichnet den Roman aus. Der Archivar macht es sich nicht leicht und müht sich um die größtmögliche Genauigkeit bei der Ermittlung von Gründen für seine desolate Verfassung in der Erzählgegenwart des Textes. Dadurch wird der Leser involviert 

Entscheidend für Das Archiv der Gefühle ist aber die Verschränkung der Realitätsebenen Traum, Einbildung und Wirklichkeit. Stamms Held hat als der Solitär, der er ist, eine starke Neigung zu Tagtraum, Halluzination und innerem Monolog entwickelt. In die Obsession mit seiner Jugendliebe hat er sich so tief hineingesteigert, dass sie ihm häufig wie wirklich erscheint und er sich mit ihr unterhalten kann. Als sie dann tatsächlich wieder in sein Leben tritt, verwirren sich die Ebenen zusehends. Aus der herbeigewünschten Berührung wird eine echte, die erwartbaren Schwierigkeiten stellen sich ein. Der Roman rundet sich ganz ohne Ironie, ein bisschen wie im Schlager, aber sehr präzise beschrieben.

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Peter Stamm: Das Archiv der Gefühle
S. Fischer 2021
192 Seiten / 22 Euro

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Foto: Mr Cup / unsplash.com

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