Gebrochene Verhältnisse – Khuê Pham: Wo auch immer ihr seid

Von Lea Katharina Kasper

In ihrem Debütroman verbindet Khuê Pham drei Erzählstränge und Schicksale, die unterschiedlicher nicht sein könnten, zu einer einzigen Familiengeschichte. Die fiktionalisierte Annäherung an ihre eigene Familiengeschichte schildert, ohne zu urteilen, vermittelt unmittelbar und schafft durch drei unterschiedliche Perspektiven dreidimensionale Figuren, die auf seltsame und dennoch wunderbare Art und Weise miteinander harmonieren.

Die dreißigjährige Journalistin Kiêu nennt sich seit ihrer Jugend Kim. Kim ist für sie und ihre deutschen Freunde einfacher. Einfacher ist es für sie auch im Jetzt zu leben und sich weder über ihre Zukunft noch ihre Vergangenheit Gedanken zu machen. Eine Facebook-Nachricht und die anschließende Reise nach Amerika zur Testamentsverlesung ihrer Großmutter bilden in diesem Roman den Ausgangspunkt, um sich einer fremdgeglaubten Vergangenheit anzunehmen, diese mit der Gegenwart zu verbinden und in die Zukunft zu blicken. 

Obwohl die Einzelschicksale im Roman von Khuê Pham nicht unterschiedlicher sein könnten, werden dennoch dieselben Themen wie Migration, Politik, Sprache, Herkunft und Traumata angesprochen, die durch die Protagonistin Kiêu in der Gegenwart verortet werden. Kiềus Eltern lernen sich Ende der 1960er Jahre als Studenten in Deutschland kennen und bauen sich eine Existenz und in gewisser Weise eine neue Identität auf. Die restliche Familie lebt in Vietnam oder in den Vereinigten Staaten. Geschwiegen wird über diesen Sachverhalt ebenso wie generell über die Vergangenheit oder die Familie. Hinterfragt wird dieses Schweigen nicht. So wird beispielsweise über das politische Engagement ihrer Eltern während des Vietnamkrieges ebenso wie über die Kriegserfahrungen der restlichen Familienmitglieder, insbesondere ihres Onkels Son, kein Wort verloren. Der Roman zeigt eindrücklich, dass kollektive Traumata oder familiäre Zerwürfnisse nicht bei den Personen enden, die aufgehört haben, darüber zu sprechen, sondern über Generationen hinweg, wenn auch transformiert, weitergetragen werden. 

Kiêu lebt in Deutschland „zwischen“ den Kulturen, fühlt sich keiner zugehörig. In Deutschland wird sie seit ihrer Kindheit auf ihre Herkunft angesprochen, mit ihren Verwandten kann sie sich kaum auf Vietnamesisch unterhalten, denn: „Mir fehlen die Vokabeln für eine solche Diskussion, der Wille, es zu versuchen, auch. […] Ich kann Sätze sagen wie ‚Das schmeckt mir gut‘ oder ‚Jetzt bin ich müde‘, mich ausdrücken kann ich nicht.“

Die Figuren im Roman werden von einer Zerrissenheit begleitet, die Pham auf subtile und dennoch ausdrucksstarke Weise zu vermitteln vermag. Selten werden gefühlsverbrannte Worte zur Beschreibung der Gedanken und Gefühle der Figuren verwendet – vielmehr wird durch die klare Wortwahl und natürliche Beschreibung der Erlebnisse, so wie man sie aus dem eigenen Alltag kennt, eine Stimmung geschaffen und einzelne Momente vors innerliche Auge geführt, sodass die Enttäuschung und Zerrissenheit der Figuren unverfärbt auf die Leserin einprasseln oder vielmehr einschlagen und emotional ansprechen.

Fesselnd und in einem historischen Kontext ansprechend sind insbesondere die Rückblenden in die Vergangenheit der beiden Erzählstränge von Kiêus Onkel Son und ihrem Vater Minh. Die historischen Ereignisse werden mit einer persönlichen Perspektive verbunden, die Khuê Pham mit einer akribischer Detailtreue und erfahrbaren Sprache zu einem besonderen Leseerlebnis macht, von welchem sich die Leserin an manchen Stellen mehr gewünscht hätte. Alle drei Erzählstränge überschneiden sich durch gewisse Figuren die als Konstanten funktionieren. Bei jedem Auftreten der sich überschneidenden Figuren erinnert man sich an die zeitlich, geografisch und perspektivisch andere Sicht auf diese Figur. Auf diese Weise gewinnen die einzelnen Figuren mit jeder Passage an Dimension und Tiefe, was dem Roman eine zusätzliche Ebene des Erlebens verschafft.

Khuê Phams Sprache ist klar und schlicht. Sie ist der nötige Ausgleich zu den anspruchsvollen Themen und dem zwar eindeutigen, aber dennoch fordernden Aufbau ihres Romans. Die Erzählperspektiven wechseln sich, genauso wie die Zeitstränge und geografischen Orte ständig ab, was im Roman eine gewisse Unruhe verursacht, der Leserin jedoch Momente des Verarbeitens und Nachdenkens ermöglicht. Die vorurteilslose und wertfreie Beschreibung der Schicksale, Taten und Geschehnisse zeichnen diesen Roman aus. Jede Figur wird authentisch und verständnisvoll beschrieben, sodass die Leserin die jeweiligen Beweggründe zu verstehen glaubt und sich kein Urteil über vergangene Taten oder Versäumnisse erlaubt.

Kiêus gegenwartsbezogener Erzählstrang versucht als Brücke in die Vergangenheit zu fungieren und eine Transformation der Protagonistin nachzuzeichnen. Die durch die kurze, jedoch intensive Zeit in den Vereinigten Staaten mit der vietnamesischen Großfamilie, eine Beziehungskrise und eine Schwangerschaft ausgelöste Beschäftigung mit ihrer Herkunft, Zukunft und Vergangenheit überzeugt jedoch nicht vollends. Filmreife Wendungen werden eingebaut, die der Roman in dieser Form nicht nötig hätte und eher Unverständnis für die eigentlich nahbare Figur hervorrufen. Auch wenn gewisse Geschehnisse, wie beispielsweise die plötzliche Schwangerschaft, vielleicht mitunter ein Grund für Kiêu ist, sich durch die neu eröffnete Zukunftsperspektive endlich auf eine neue Sicht auf die familiäre Vergangenheit und ihre Herkunft einzulassen, wirken solche Stellen zum Teil klischeebeladen und unwirklich. Sie stehen somit in einem Kontrast zu den sonst sorgfältig ausgearbeiteten Rückblenden, Familienessen und der zu Beginn beschriebenen Lebenswelt von Kiêu.

Insgesamt lohnt sich der Roman, denn er ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass aktuelle Themen mit Einzelschicksalen verbunden und in einer urteilsfreien Art und Weise besprochen werden können, die einem vielleicht unaufdringlich die Auseinandersetzungen mit diesen Themen oder der eigenen Familiengeschichte näherbringt. Der Roman lässt noch einige Passagen in den jeweiligen Erzählsträngen, ganz dem „Familienmotto“ getreu, im Mantel der Verschwiegenheit, die Khuê Pham hoffentlich in Zukunft mit derselben Mischung aus journalistischer Akkuratesse und persönlicher Empfindung in derselben klaren Sprache noch beleuchten wird.

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Khuê Pham: Wo auch immer ihr seid
btb 2021
304 Seiten / 22 Euro

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Foto: pixabay.com

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