11.000 Meter unter dem Meer – Jasmin Schreiber: Marianengraben

Von Pascal Mathéus

Es ist nicht leicht, über Jasmin Schreibers Romandebüt zu schreiben. Zumindest wenn es um eine einigermaßen nüchterne Analyse gehen soll. Zu nah rückt einem dafür diese Abschiedsgeschichte aus der Sicht einer jungen Frau, die gerade ihren zehnjährigen Bruder verloren hat. Jedoch – und das ist die Kunst dieses fabelhaften Romans – sind wir damit bereits mitten im Thema. ‚Marianengraben‘ erzählt von tiefer Verzweiflung, von der Angst vor zu viel Nähe und von der Überwindung dieser Angst, die die Rückkehr ins Leben bedeutet.

Tim ist tot und seine Schwester Paula war nicht da, um ihn zu beschützen. Er starb bei einem Badeunfall während des Urlaubs mit den Eltern. Seitdem quälen die Biologie-Doktorandin Schuldgefühle. Sie hat eine Therapie begonnen, doch die Depression hält sie fest in ihrem Würgegriff. Tim war ihre wichtigste Bezugsperson, der einzige Mensch, in dessen Nähe sie sich wohlfühlen konnte. Die Nähe anderer Menschen hält sie nicht aus. Dumpfe Einsamkeit und die schmerzvolle Erinnerung an ihren Bruder prägen deshalb ihre Tage. In der mehr und mehr zu einem Loch verkommenden Wohnung stapeln sich Pizzakartons.

Weil Tim vom Meer begeistert war und sich die Geschwister stundenlang über dieses Thema unterhalten konnten, ist das ganze Buch von maritimen Metaphern durchzogen. So lastet die Depression wie Abermillionen Hektoliter Wasser auf Paula: „Ich saß elftausend Meter weit unten und der Druck war so hoch, dass von außen sofort wieder alles in mich eintränkte, sobald ich ein bisschen abschöpfte.“ Doch große Not macht erfinderisch. Um ihren Bruder auf dem Friedhof zu besuchen, ohne dabei auf allzu viele Menschen zu treffen, beschließt Paula, nachts dort einzubrechen. Zu ihrem Entsetzen ist sie jedoch nicht die Einzige mit einem solchen Anliegen. In einer mit viel Slapstick-Humor garnierten Szene trifft sie auf Helmut, einen alten Mann, der dort die Urne mit der Asche seiner verstorbenen Exfrau ausbuddelt.

Durch diese skurrile Begegnung kommt die Geschichte in Fahrt. Paula macht sich mit dem knorrigen Alten auf eine Reise in die Berge und entdeckt in ihm mit der Zeit einen Seelenverwandten: „Wenn Trauer eine Sprache wäre, hätte ich jetzt zum ersten Mal jemanden getroffen, der sie genau so flüssig sprach wie ich, nur mit einem anderen Dialekt.“ Spannung wird durch die wohldosiert eingestreuten Hinweise auf Helmuts nächtliche, geheimniskrämerische Machenschaften erzeugt. Überhaupt zeichnet sich Marianengraben durch eine kluge Erzählökonomie und einen hervorragend gebauten Plot aus. Besonders deutlich wird dies in jenen Episoden, in denen Helmuts Verhaltensweisen oder Ansichten mitunter heftige Irritationen auslösen und sich erst aus der Rückschau nachvollziehen lassen. Durch die schrittweise Entfaltung von Helmuts Lebensgeschichte wird seine Motivation noch für die sonderbarsten Marotten begreiflich.

Formal kommt der Roman als ein langer Brief an Tim daher. Immer wieder wird er direkt angesprochen, werden gemeinsame Erlebnisse in Erinnerung gerufen, charakteristische Tim-Fragen und -Antworten beschworen. Das allmähliche Auftauchen aus der Depression wird dabei nicht nur durch die Meterangaben am Anfang jedes Kapitels sichtbar gemacht. Es zeigt sich auch in der sich wandelnden Sprache und Perspektive der Erzählerin. Durch die zuweilen von Helmuts ruppigen Interventionen ausgelöste Auseinandersetzung mit den hässlichsten Seiten der Realität von Sterben und Tod, gelingt es Paula, Abstand zu gewinnen und sich selbst besser zu verstehen. Tim bleibt das Thema des Buches. Aber Paula schafft es wieder, sich der Welt zu stellen, die außerhalb der eingefahrenen Finsternis ihres Geistes liegt. Austausch, Konfrontation mit neuen Landschaften und Meinungen und das Sich-Einlassen auf die Geschichten der Anderen ermöglicht ihr den Aufstieg aus ihrer tiefen Dunkelheit.

Der existentielle Widerspruch zwischen der Angst vor Berührung und der verzweifelten Sehnsucht danach kommen in den schönsten Erinnerungen an Tim auf bezaubernde Weise zum Ausdruck: „Da war kein Tim-Geruchsmolekül übrig, es war ja auch nicht dein T-Shirt gewesen, sondern dein Geschenk an mich und sowieso warst du noch viel zu jung, um Gerüche an Klamotten zu hinterlassen.“ In der für Paula typischen, naturwissenschaftlich-nüchternen Art klingt ein zartes Verlangen nach erotischem Erleben an, das von niemandem in ihrem Leben gestillt wird. Natürlich konnte auch der Bruder diese Sehnsucht nicht erfüllen. Aber er stellte dafür den Platzhalter dar.

Marianengraben überfordert seine Leser nicht. Ohnehin hat dieser mitunter überdrehte Roman etwas von einem Jugendbuch. Die Erzählweise ist schlicht, popkulturelle Referenzen stammen aus Harry Potter oder dem Herrn der Ringe und die Geschichte wird die meiste Zeit in einem gefälligen Plauderton erzählt. Wenn es einzelne Sätze gibt, die scharf am Kitsch vorbeischrammen, dann verzeiht man sie gern, weil das Thema schwierig und die Entwicklung der Figuren glaubwürdig ist.

Wohltuend ist auch die Distanz der erzählenden Heldin zu sich selbst. Sie schont sich nicht, wird von Helmut auch mal eine Heulboje genannt. Wenn sie ihn mit ihren Bekenntnissen zu Vegetarismus und Feminismus nervt, gelingt es ihr einmal, ihn zu überzeugen, ein anderes Mal gibt es gerade Wichtigeres als first world problems. In den entscheidenden Momenten vertraut Jasmin Schreiber zurecht ganz auf ihre erzählerischen Fähigkeiten und fördert dadurch Erkenntnisse über das Leben und den Tod zutage, die gleichermaßen berühren wie erstaunen.

Vielleicht ist Marianengraben wirklich am ehesten ein Jugendbuch, aber was heißt das schon? Kinder-, Jugend-, Erwachsenenliteratur – wichtig ist, dass sie gut ist. Dann verschwimmen die Grenzen. Die Lektüre von Marianengraben ist für jeden Leser ein Gewinn.

Jasmin Schreiber: Marianengraben
Eichborn 2020
250 Seiten / 20 Seiten

 

2 Kommentare zu „11.000 Meter unter dem Meer – Jasmin Schreiber: Marianengraben

  1. Oh, das hat gerade richtig Spaß gemacht, deine Rezension zu lesen. 🙂 und das Buch hört sich echt spannend an! Bislang hat mich der ernste Hintergrund etwas vom Lesen abgehalten, aber so wie du es schreibst, scheint die Autorin die Balance zwischen Leichtigkeit und Schwere ja gut zu meistern. 🙂

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