Fake News – Cemile Sahin: TAXI

Die Schriftstellerin Cemile Sahin widmet ihren Debütroman dem Recht auf die Gestaltung der eigenen Existenz. Sie erzählt die Geschichte von Rosa Kaplan, einer Mutter, die „beschließt, ihr Schicksal nicht zu akzeptieren und den Sohn, der ihr durch einen Krieg genommen wurde, durch einen anderen zu ersetzen.

Die in Berlin lebende Autorin gehört zu den lesenswerten Neuentdeckungen des Jahres 2019. Mit TAXI schafft Sahin eine in Schrift gesetzte Collage aus mitunter harten Bild- und Zeitsprüngen sowie plastischen Erzählformen im Sitcom-Format. Das Thema ist weniger modern als vielmehr allgegenwärtig: Der Krieg. Das Framing der Geschichte lenkt den Blick auf die uns zwar bekannte, wohl aber nicht immer bewusste Tatsache, dass die durch uns erfahrene Geschichte eine vor allem medial vermittelte ist. Dabei scheint Geschichtsschreibung in TV und Internet moralisch beliebig zu sein und kann je nach Unterhaltungsabsicht der Sendung zu einem anderen Ergebnis führen. In TAXI steht Rosa Kaplan exemplarisch für viele vom Krieg beschädigte Existenzen, die die Hoheit über die Deutung ihres Lebens zurückfordern. 

In unserer modernen Welt, die weitgehend ohne Wunder auskommen muss, entfaltet das unerwartete Eintreten eines solchen nachvollziehbare Schockwirkung. Die Wiederkehr des totgeglaubten jungen Soldaten Polat Kaplan – Sohn, Verlobter, Freund und Nachbar – im Jahr 2017 ist ein solch unfassbares Ereignis. Das plötzliche Auftauchen Polats ist jedoch weder göttlicher Fügung noch magischer Täuschung zu verdanken. Vielmehr ist sie das Produkt der aus Zeit und Schmerz gewachsenen Fantasie einer Mutter, die an ihrer Version der Dinge festhält und nicht bereit ist, das Leben ihres Sohnes und den Glauben an eine eigene Geschichte an militärische Trauerzeremonien und staatliche Beileidsbekundungen zu verraten. Rosa Kaplan stülpt die Vergangenheit um und inszeniert eine neue Zukunft, deren Regisseurin sie selbst ist.

Der neue Polat ist ein namenloser, einsamer und äußerlich seinem Vorgänger sehr ähnlicher Fremder, der für ein paar Tausend Euro bereit ist, in die Rolle des Heimkehrers zu wachsen. Dafür hat Frau Kaplan alles vorbereitet: Jeder Wesenszug Polats ist beschrieben, muss gelernt und dann gelebt, seine Kleidung getragen, seine Erinnerungen und Vorlieben müssen übernommen werden. Wesentlich ist dabei die bedingungslose Liebe und tiefe Hingabe des Sohnes zu seiner Mutter. Der baldigen Präsentation des Wunders gegenüber der Nachbarin, folgt die große Aufführung im Kreis enger Freude und die Zusammenführung mit der vor Trauer lang verstummten Verlobten.

Wiederholung und Ritual ermöglichen Mutter und Sohn eine verstörend intensive Rollenimmersion. So versickern beide mehr und mehr im Skript der selbst geschaffenen Reality-Soap. Eine im Lesen noch erhoffte Aufschiebung der gänzlichen Persönlichkeitsabspaltung muss schnell verworfen werden, so sehr überlaufen fiktive Wirklichkeitskonstruktionen jede Faktizität. Auch der neue Polat ist im Krieg herangewachsen und findet in der neuen Rolle auch etwas, das ihn die Schmerzen und Unannehmlichkeiten des Schauspiels verzeihen lässt: Anerkennung – „Ich bin ihr Sohn, denn ich soll sie lieben, ich aber liebe sie, da sie die einzige ist, die mich liebt.“ Die gewaltvoll arrangierte Verschmelzung von Mutter und Sohn wirkt egozentrisch, zugleich tragisch hilflos und ist an einigen Stellen sogar zum Lachen. Die exponierte Stellung und das Erfahren von Zuneigung lassen einen narzisstischen Egomanen mit Soldatenethos entstehen, der bereit ist, für die Liebe seiner Mutter das Äußerste zu tun – „Ich breche aus meiner Rolle und kehre zu meiner Allmächtigkeit zurück“. Mehr wird hier erstmal nicht verraten, da das Erlesen der immer enger werdenden Korridore einer vagen Wahrheit dafür zu viel Freude macht.

Die von großer Aufmerksamkeit zeugende Charakterzeichnung und die Überführung vergangener menschlicher Verzweiflung in die Tonart der Gegenwart belegen das bereits prämierte Talent der Autorin. Für ihr Buch erhielt Sahin in diesem Jahr die Alfred Döblin-Medaille der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz. Die szenischen Setzungen, stilistische Vielfalt und die YouTube-artig illustrierten Kapitelseiten mit den fiktiven Jubelkritiken großer US-Zeitungen bilden den Link zu den sonstigen, abseits der Literatur liegenden Arbeiten Sahins wie Video- und Installationskunst. Cemile Sahin wechselt bewusst und unterhaltsam zwischen konventionellen Erzählformen und Schnittmustern moderner Serienformate, durchmengt dabei Genres und schürt Stimmungen, die zum Lachen, Fürchten und Nachdenken taugen. Schön ist, dass all das ohne den eventuell vermuteten arty-farty-Duktus auskommt und zu keiner Zeit nervt. Ob man sich mit dem Sitcom-Format des Buches befreundet, hängt – und das im Gegensatz zu manch anderer Literatur – wohl eher vom sonstigen eigenen Medienkonsumverhalten ab. In jedem Fall ist das Lesen der 218 Seiten ein One-Day-Job und in jedem Fall zu empfehlen.

Einzig enttäuschend ist das Lektorat: Fehlende oder doppelte Wörter, Rechtschreib- und Interpunktionsfehler lassen den Leser besonders auf den letzten 40 Seiten eher zum genervten Grundschullehrer mutieren. Die Freude am Lesen wird dadurch deutlich gebremst. Das ist schade und sollte in einer der Autorin zu wünschenden zweiten Auflage dringend behoben werden.

Am Ende bleibt zu sagen, dass Cemile Sahin in ihrem Buch das zum Thema macht, was vielen von uns neben Fail-Videos auf YouTube, Netflix-Binging und den sonstigen konsumgebundenen Einladungen des digitalen Alltags kaum noch präsent ist: Die Allgegenwärtigkeit des Krieges und seiner Folgen. Die Verbindung mit Elementen moderner Serienformate übersetzen die inhärente Schwere des Themas in ein zeitgemäßes, vielleicht sogar besser verstehbareres und in jedem Fall anregendes Leseerlebnis. TAXI ist auch ein politisch zu lesender Roman, der passgenau in seiner Zeit steht und gerne noch mehr Aufmerksamkeit und Publikum vertragen kann. Wer sich in diesen Zeiten nach Gesellschaft sehnt, kann sich auch für eine Runde Lesen im Lockdown zu Cemile Sahin ins Wohnzimmer hocken.

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