Sei doch einfach mal du selbst – Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite

Von Pascal Mathéus

„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“

Die letztjährige Bachmannpreisträgerin Birgit Birnbacher hat einen Roman über die mangelhaften Eingliederungshilfen für Ex-Sträflinge geschrieben. Die Angebote, die einem entlassenen Gefangenen nach verbüßter Haftstrafe den Weg in die Freiheit ebnen sollen, erscheinen darin als weltfremd und weitgehend sinnlos. Eine gute Idee. Aber leider kein guter Roman.

Das angeblich innovative Therapiekonzept, das eines der Hauptmotive in Ich an meiner Seite darstellt, lässt an Max Frischs oben zitierten berühmten Satz über den Umgang mit der eigenen Biographie denken. Beim „Starring-Prinzip“ geht es darum, sich selbst die Hauptrolle in der eigenen Geschichte auf den Leib zu schneidern. Gegen Ende des Romans erweist sich die Methode als Geburtshelferin für eine atemberaubend schlichte Erkenntnis. Es kommt eine Moral zur Welt, die uns Lesern auf Wärmste anempfohlen wird. Spätestens an diesem Punkt will man nur noch wegrennen. Aber der Reihe nach.

In den starken Momenten von Ich an meiner Seite erweist sich Birgit Birnbachers Gespür für Psychologie und soziale Systeme. Ihre Schilderungen aus der Viermannzelle, in der ihr Held Arthur seine Freiheitsstrafe verbüßt, sind eindringlich. Auf wenigen Seiten arbeitet sie sehr genau heraus, welche Regeln in dieser Umwelt notwendigerweise gelten müssen und welches furchtbare Leid daraus entsteht. Solchen starken Seiten stehen allerdings allzu viele schwache gegenüber.

Der Plot ist geradezu haarsträubend unglaubwürdig. Es war wohl das Anliegen der Autorin, zu zeigen, wie sehr das Abgleiten auf die schiefe Bahn von Zufällen abhängt, die jedermann widerfahren können. Dies gelingt aber kaum, wenn die „Zufälle“ so deutlich als schlecht arrangierte Erfindungen zu erkennen sind. Birnbacher hat für die eigene Geschichte offenbar in eklatanter Weise die Phantasie gefehlt. Von einem ganz eigenartigen Badeunfall ist da die Rede, der die Urkatastrophe im Leben des Helden darstellt. Von einem Betrüger, der ihm genau in dem Moment, als er es am wenigsten braucht, das Konto abräumt („Wie kann ein Mensch so viel Pech haben!“) und von einem Computer, der ihm genau in dem Moment, als er es am meisten braucht, zur Verfügung gestellt wird. Wie es der zuverlässige Zufall will, ist dann das Passwort auch noch gespeichert und die Spezialsoftware, die Arthur für seine Unternehmungen braucht, bereits vorinstalliert.

Die Mängel beim Plot gehen folgerichtig mit einer schmerzhaft fehlenden Charaktertiefe der Figuren einher. Sie sind ebenso blutleer wie die oben beschriebenen Zufälle. Der Therapeut Börd ist ein wohlmeinender Sonderling, der es mit den Regeln nicht immer so genau nimmt, was offenbar bereits ausreichen soll, um ihn zu einem echten Menschenfreund zu qualifizieren. Statt regulärer Gesprächstherapie nötigt er seinen Klienten zu schrägen Alltagsaktivitäten wie Purzelbaumschlagen oder Einkaufsbummeln. Die Lehren, die sich aus dieser Praxis ergeben, sind natürlich viel wertvoller, als das Runterrattern irgendeiner schwatzhaften Theorie. Das ist nicht nur populistisch, sondern könnte auch sehr gut aus einer drittklassigen Hollywood-Komödie entlehnt sein.

Der neue Freund der Mutter übernimmt die Rolle des aalglatten BWLers. Deswegen lässt Birnbacher ihn den Harvard Business Manager lesen und natürlich durchschaut bereits der neunjährige Arthur auf neunmalkluge Weise seine leeren Phrasen. Und dann ist da noch Grazetta. Eine an ALS erkrankte ehemalige Schauspielerin, die sich mit Schminke und Bärbeißigkeit gegen ihr Schicksal stemmt. Selbstverständlich verfügt sie über die Weisheit und Großzügigkeit einer Frau, die sich auf der Schwelle zum Tod befindet. Wie typisch. Wie langweilig. Allesamt sind die Figuren angestrengt auf skurril getrimmte Schießbudenfiguren („Grazetta ist alles zuzutrauen“). Ihre Charaktermerkmale wirken aufgeklebt, weil weder ihre Geschichten erzählt noch ihre Psychologie überzeugend entwickelt werden.

Schließlich bildet die unübersichtliche Fülle an Themen ein weiteres Problem. Unendlich viel wird angetippt, beinahe nichts wird verfolgt. Abgesehen von der oben gelobten Schilderung der Dynamik im Gefängnis lässt sich für beinahe jedes Motiv ein Beispiel aus der zeitgenössischen Literatur anführen, wo es anschaulicher, gründlicher und interessanter, wo es mit einem Wort besser durchgeführt wurde. Die Anfälligkeit für das Böse bei von Schirach. Die Trostlosigkeit von modernen Wohnverhältnissen bei Anke Stelling. Das Problem der Reintegration nach der Haft bei Stephan Moster. Auch ihre Motive auszuschöpfen und zu verketten, gelingt der Autorin nicht. In Folge mangelnden Atems bleiben sie auf halber Strecke. Brücken werden stattdessen in der oben beschriebenen Weise durch „Zufälle“ geschlagen.

Kann denn wenigstens die Sprache etwas retten? Nicht im geringsten. Sie unternimmt nur selten größere Anstrengungen; und wenn sie es tut, geht es schief. Besonders ärgerlich ist die Suggestivität vieler Sätze, wenn bspw. davon die Rede ist, dass „man eine große Wut in einem kleinen Raum einfach spürt“ oder wenn es anderer Stelle heißt: „Wer so einen knallblauen Pelzkragen trägt, ist nicht tot.“ Statt eine Atmosphäre oder eine Situation mit dramatischen Mitteln begreifbar zu machen, werden die Ergebnisse einfach behauptet und dann im Brustton der tieferen Überzeugung wiedergegeben.

Hinzu kommen schrecklich banale Wohlfühl-Sentenzen wie „Die Kaffeemaschine ist das kommunikative Zentrum der Wohnung“ oder aufgebauschte Welterklärungshypothesen, deren Einfalt sich unmöglich mit Weisheit verwechseln lässt. Seinen traurigen Höhepunkt erreicht das ganze Schlamassel in dem Moment, in dem Arthur die ultimativen Schlussfolgerungen aus seinen Erlebnissen zieht. „Schon bald habe ich das Gefühl gehabt, dass kein Glanzbild mich heil hier rausbringen wird, sondern einzig und allein ich an meiner Seite.“ Das ist die Quintessenz des Romans. Alle Achtung!

Dass Birgit Birnbacher schreiben kann, hat sie beim letztjährigen Bachmann-Wettbewerb auf beeindruckende Weise bewiesen. In ihrem konzentrierten Text „Der Schrank“ hat sie zentrale Probleme unserer heutigen Lebenswelt pointiert zum Ausdruck gebracht. Die höchste Auszeichnung der Jury hat sie dafür zurecht erhalten. Der nun vorliegende Roman ist alles andere als preiswürdig. Falls sich jedoch ihr nächstes Buch aus dem in Klagenfurt gelesenen Text entwickeln sollte, gibt es allen Grund zur Hoffnung.

Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite
Zsolnay 2020
272 Seiten / 23 Euro

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