Quallenqual unter der Sonne – Joshua Groß: Flexen in Miami

Flexen: Dem Duden entnimmt man ‚trennschleifen‘, die Süddeutsche Zeitung schreibt ‚angeben‘, aber auch ‚posen‘ oder ‚hart rappen‘ und gibt damit Auskunft über die Bedeutung in der Jugendsprache. In Joshua Groß’ neuem Roman ‚Flexen in Miami‘ lesen wir von einem jungen Mann, dem es durch ein Schriftsteller-Stipendium ermöglicht wird, sorglos die Tage in Miami zu verleben. Es geht ihm eigentlich gut, doch weiß er nicht recht wohin mit sich. Während er selbst in Wollsocken die Klimaanlage anflext, müsste ein Trennschliff seinem Klotz vor dem Kopf beikommen.

In der digitalen Welt werden ständig neue Angebote entwickelt, die ihre Nutzer dazu einladen, immer mehr Zeit mit ihnen zu verbringen und dabei immer mehr von sich preiszugeben. Davon leben die großen Unternehmen, die versuchen, sich hinter dem ständig unübersichtlicher werdenden Geflecht aus Neuerungen zu verbergen. Die Internetkonzerne stellen damit zunehmend unüberwindliche Hürden auf – wer liest sich denn beispielsweise jemals alle AGBs durch? –, die in der wirklichen Welt zu immer mehr Diskussionen und Neuregelungen führen, wie es zuletzt die 2018 in Kraft getretene Datenschutzverordnung der Europäischen Union zeigte. Es gibt Argumente dafür und dagegen. Auch die energisch geführte Auseinandersetzung zu Artikel 13 unterstrich das. Was heißt es aber, wenn die digitalen Angebote kritiklos angenommen werden und die Diskussionen über mehr Datenschutz niemanden interessieren? Diese Fragen bilden den Hintergrund für Joshua Groß’ Roman Flexen in Miami.

Der Protagonist hat ein schriftstellerisches Aufenthaltsstipendium für Miami von der „Rhoxus Foundation“ erhalten, das ihn mit allem vor Ort versorgt: täglich gelieferte Nahrung, Drogen, Geld. Zu allem Überfluss nutzt Joshua, so der Name des Protagonisten, die neuen Möglichkeiten, um seine Antriebslosigkeit mit sinnlosen Vergnügungen zu kompensieren. Immerhin: Dadurch lernt er bei einem Basketballspiel zwischen Miami Heat und den Milwaukee Bucks Claire kennen, mit der er nach kurzer Zeit ungefragt durch die Kiss-Cam verkuppelt wird. Das Video landet ebenso schnell in den sozialen Medien, wie sich die ersten Gratulanten bei ihm melden.

Nach einer durchzechten Nacht und ein paar gemeinsamen Momenten machen sich die beiden via Kreuzfahrtschiff auf in Richtung Nassau, Bahamas. Dort trennen sich aber zunächst ihre Wege, bis Claire Joshua bei ihren Wiedersehen eröffnet: „Ich bin wahrscheinlich schwanger“. Das Problem daran ist: Sie kann nicht genau sagen, wer der Vater ist. Entweder ist es Joshua oder Jellyfish P, der angesagteste Rapper in der Welt von Flexen in Miami. Während Claire sich zunächst von Joshua abwendet, weil sie Zeit für sich braucht, bekommt Joshua in seinem Apartment Besuch von Jellyfish P. Dieser will klarstellen, dass er unmöglich der Vater sein kann. Statt sich ernsthafte Gedanken über das ungeborene Kind zu machen, lädt Jellyfish P Joshua unvermittelt dazu ein, mit ihm Impaktglas zu suchen, um den Beweis für ein Paralleluniversum zu finden.

Man fragt sich jetzt: Was hat das alles mit Internet und Datenschutz zu tun? Begleitet wird die Handlung von einer Drohne, die Joshua überwacht. Zudem meldet er sich für das Computerspiel „Cloud Control“ an, in dem Nutzer Wolken fotografieren müssen, um „Karmapoints“ zu sammeln. Das Problem ist nur: Das Spiel fordert den Zugriff auf alle persönlichen Daten, um sich dem Spieler anzupassen. Leider wird das Spiel seit einiger Zeit von Spams bedroht, die eine ungeklärte, virtuelle Gefahr für die Spieler darstellen. Außerdem erhält er einen Kühlschrank, der sich schon bald zu seinem besten Freund entwickelt, in dem er sich aufopferungsvoll um sein Wohlergehen sorgt.

Joshua Groß’ Protagonist präsentiert sich als unkritischer, antriebsloser, gelangweilter Mensch, der in seiner sorgenfreien Situation permanent überfordert zu sein scheint. Zwar reflektiert er hier und dort sein Verhalten, versucht Brücken zu schlagen in die Vergangenheit, bremst sich dann aber selbst durch seinen dauerhaften Drogenmissbrauch und seine sinnlosen Geldausgeben wieder aus. Die Sprache ist Groß’ Mittel, um diese Überforderung für den Leser fassbar zu machen. Sie ist eindimensional, unkritisch und ein Paradebeispiel für einen denglisch-elaborierten Code wie er heutzutage unter Hipstern zu hören ist. Der Kühlschrank ist nicht nur der bedachteste Sprecher, er ist auch die erwachsenste ‚Person‘ des Romans. Alle anderen sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Sie schaffen es nicht, sich auf ihre Umwelt einzulassen: „Ich will Mystik und Existenzialismus“ – tolle leere Schlagworte, die der Standortbestimmung des Protagonisten dienen sollen, den Leser aber einigermaßen ratlos zurücklassen.

Flexen in Miami ist ein Roman, der versucht, die Gegenwart kritisch zu beleuchten. Das ist sicher gut gemeint. Leider schafft es der Autor aber nicht, seine Kritik überzeugend zum Ausdruck zu bringen. Es fehlt die letzte Konsequenz bei der Engführung der digitalen und realen Welt, um die problematischen Eingriffe des digitalen Raums in den analogen zu markieren. Beide laufen im Roman zu oft unmotiviert nebeneinander her. Auch die Sprache ist dem Projekt nicht immer förderlich. Hier und dort finden sich fast poetische Sätze: „Es war windstill, wie in einem Solarium.“ oder „Sie lächelte mir verwegen zu und band sich gleichzeitig einen Zopf aus erschöpften Haaren.“ Sie gehen aber im Gros der sprachlichen Unfälle unter: „Sie war ungefähr so alt wie ich, nur magischer.“ Oder: „Ich fühlte mich wie ein muttergeficktes Knicklicht.“

Der Roman verfolgt das Tempo seines Helden, er „schlurcht“ so vor sich hin. Das spannendste Leitmotiv ist die Qualle: Joshua wird in ‚Cloud Control‘ von einer begleitet, Claire ist Meeresbiologin, sie forscht zu Quallen, und Jellyfish P trägt sie im Namen. Doch das Leitmotiv wird nicht mit genügend Ausdauer verfolgt. Dabei wären vielen faszinierende Möglichkeiten vorhanden gewesen, die Quelle als nicht-menschliches und nicht-künstliches Geschöpf, das der Wissenschaft immer noch Fragen aufwirft, zum poetischen Zentrum zu machen. Die „Tiefebene“, die Björn Hayer im Roman aufgespürt haben will, ist wohl nur ein versöhnlicher Schluss für seine Kritik. Vielleicht klappt es für Joshua Groß beim nächsten Mal, ansonsten ist dem Jurybeitrag von Michael Wiederstein vom Bachmannpreis 2018 (ab 9:22) nichts hinzuzufügen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s