„Es gibt keinen unbesiegbaren Gegner“ – Verena Güntner: Power

Von Matthias Fischli

In letzter Zeit erwecken starke weibliche Charaktere an der Schwelle zum Erwachsenenalter immer wieder die Aufmerksamkeit der Literaturkritik. Doch keine junge Frau taugt so gut zum Vorbild wie Verena Güntners Heldin Kerze. Mit dieser literarischen Figur erhalten Kinder endlich eine mächtige, zeitgemäße Fürsprecherin. Die Generation Alpha darf aufatmen.

Keine literarische Gattung stellte den guten Geschmack so oft auf die Probe wie die Dorfgeschichte. Seit ihrer Erfindung im 19. Jahrhundert schwankten deren Vertreter immer wieder gefährlich zwischen rührseliger Heimatkunst (eingeklemmt zwischen dem spröden Umschlag eines Heftchenromans) und differenziert-kritischer Dichtung (sehr gekonnt jüngst in Monika Helfers Die Bagage). Verena Güntner schafft es mit ihrem Neuling Power in aufsehenerregender Weise, aus diesem zweidimensionalen Spektrum auszubrechen.

Dies gelingt ihr dadurch, dass sie wichtige Elemente einer klassischen Dorfgeschichte kunstvoll außer Kraft setzt: Sie lässt nämlich das Fremde nicht erst von außen eindringen. Es ist bereits im Dorf selbst angelegt. Geschlechterrollen fallen nicht ins Gewicht oder werden dekonstruiert. Und jede gottgewollte Ordnung wird kurzerhand durch die Einführung eines Keingotts vernichtet. Übrig bleibt nur das analytische Instrument des Brennglases: Ein Dorf mit klar abgesteckten (geographischen, sozialen, ökonomischen) Grenzen wird auf eine einzige Frage hin untersucht: Wie verändert sich die Hackordnung unter den Mitgliedern einer Gesellschaft, wenn sie einen ungeheuerlichen Verlust erleidet?

Fünfundzwanzig Kinder verschwinden, weil sie nach und nach aus dem Dorf in die umliegenden Wälder ziehen und sich ganz auf die Suche nach einem flauschigen Terrier namens Power konzentrieren. Angeführt werden sie von Kerze, einer sehr ernsten und sehr erwachsenen Elfjährigen. Kerze durchleuchtet die Welt. Kerze durchschaut die Welt. Kerze beherrscht die Welt. „Sie glaubt schon sehr lange daran, dass sich die Welt ihrem Willen beugen wird. Es ist nur eine Frage der Zeit.“

Kerze herrscht mit despotischer Strenge. Da Power auch nach Tagen der systematischen Suche nicht wieder auftaucht, verfällt sie auf die Idee, sie könnte sich dem verschwundenen Power nähern, indem sie sich ganz in ihn hineinfühlt. Fortan trainiert sie sich und die Kinder im Bellen, Schnüffeln und im Rennen auf vier Beinen. Bei den zurückgebliebenen Eltern stößt dies auf Unverständnis. Eltern und Kinder entfremden sich bis zur Auflösung ihrer Beziehung. Und während sich die Kinder Hunden anverwandeln, sich von Waldbeeren ernähren und völlig verdreckt in einem Bombentrichter aus dem Zweiten Weltkrieg hausen, erwachen die im Dorf zurückgebliebenen Erwachsenen langsam aus ihrer Lethargie. Nach dem Verlust der Kinder verlieren sie zuerst ihre Contenance, dann ihren Anstand, schließlich die Kontrolle über die grundlegenden zivilisatorischen Errungenschaften.

Die folgende Spirale der Gewalt zeichnet Güntner in feinen Linien mit nie dagewesener Intensität. Ihre Erzählung wächst an ihrer anmutigen, beinahe zerbrechlichen Sprache, die die Leserinnen und Leser mit großer Souveränität durch die Geschichte führt. Was wie ein Kinderbuch anfängt, entwickelt einen gewaltigen Sog aus einfachen Silben, der haarscharf die Grenzen zur Eskalation auslotet und tief in zerrüttete Seelenzustände blicken lässt.

Der eigentümliche Schwebezustand, den Güntner mit ihrem Schreibstil erreicht, findet eine Entsprechung in der erfrischend unaufdringlichen Mehrfachkodierung des Werkes: Power ist nicht nur ein Dorfroman, sondern auch eine Coming-of-Age-Geschichte, die aber keine Spuren einer Entwicklung im Schaffen oder Denken der Heldin zeigt. Die Auseinandersetzung mit der Umwelt führt nicht zur Persönlichkeitsentfaltung, vielmehr ist es die Heldin, die alles andere um sich herum verändert. Power ist auch eine Detektivgeschichte (Elisa von Hof und Hubert Winkels machten darauf aufmerksam). Kerze gelingt es, Powers Vorgeschichte aufzuklären, indem sie Zeugen befragt, Motive ergründet und den Tathergang rekonstruiert. Allerdings steht die Aufklärung von Powers Verschwinden gar nicht im Zentrum. Schon auf der zweiten Seite wird verraten, dass Power nach sieben Wochen gefunden werden wird, tot, Maden im Fell.

Schließlich bewegt sich Power hart an der Grenze zum magischen Realismus. Traumgleiche Dinge geschehen, Geister treten in Erscheinung, das Handeln der Dorfbewohner bleibt häufig unerklärlich. Zarte märchenhafte Züge erhält die Geschichte durch den typischen Deutschen Wald, der daliegt, wie wir ihn etwa aus der Serie Dark kennen. (An Serien erinnert im Übrigen auch die Montageform: zeitliche Raffung durch Leerstellen in der Erzählung, schnelle Cuts durch abrupte Wechsel in der personalen Erzählperspektive, Vorausblende durch Voranstellen einer Szene vom Ende der Erzählung an den Beginn des Buches).

All dies wird belebt und zusammengehalten durch die so fürsorglich-fanatische wie charismatisch-strenge Heldin des Buches. Den anderen großen jungen Frauenfiguren der jüngsten deutschen Literaturgeschichte ist Kerze immer einen Schritt voraus: An die Selbstermächtigung der namenlosen Protagonistin in Karen Köhlers Miroloi kommt sie mühelos heran. Dem Selbstbewusstsein der von Effekten der Intersektionalität verfolgten Mädchen Don, Hannah und Karen in Sybille Bergs preisgekröntem GRM. Brainfuck ist sie um Jahre voraus. Und im Kampf gegen eine Heiligsprechung, wie sie Sirte Zürn in Martin Walsers Mädchenleben oder Die Heiligsprechung vorantreibt, würde Kerze ihren verhassten Keingott ins Feld schicken.

„Es hat überhaupt keinen Spaß gemacht, das Buch zu schreiben“, sagte Güntner während der Vorgespräche zur Leipziger Buchmesse. Uns hat die Lektüre dafür umso mehr Vergnügen bereitet. Aber wie genau ist das Buch nun eigentlich zu lesen? Als ironischen Kommentar auf die Auswüchse der deutschen Identitätspolitik, als Dekonstruktion der sprichwörtlichen idyllischen Dorflebens, als Pamphlet für ungebrochenen Einsatz zugunsten der Ausgegrenzten in der Gesellschaft, oder gar als Angriff auf die Mündigkeit der Erwachsenen in westeuropäischen Demokratien? Die Autorin will weniger als das. Sie stößt diese Themen, wenn überhaupt, dann nur sehr sanft an. Und das macht das Buch so gut.

Ist dieses Buch nun schon das völlig Neue, das wir uns seit Leif Randts Allegro Pastell so dringlich wünschen? Womöglich ja.

Verena Güntner: Power
DuMont 2020
254 Seiten / 22 Euro

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