Aus dem Beton – Christian Baron: Ein Mann seiner Klasse

Weniger nach der romantischen Liebe, als nach einer Erklärung für das ihm Widerfahrene sucht Christian Baron in seinem ersten Roman ‚Ein Mann seiner Klasse‘. Darin erzählt er die Geschichte einer tragischen Kindheit, die die seine ist. Davon, wie er und seine Familie unter Armut, Gewalt, Alkoholismus und der Ausgeschlossenheit aus weiten Teilen der sie umgebenden Gesellschaft litten. Davon, wie er dieser Welt entstiegen ist und was von dieser noch heute in ihm übrig ist.

Kampf um die Moderne – Mariam Kühsel-Hussaini: Tschudi

Berlin zur Jahrhundertwende. Die Stadt lebt, vibriert, pulsiert und mitten drin Hugo von Tschudi, Direktor der Nationalgalerie. Der Schweizer holt den französischen Impressionismus in die Hauptstadt des Deutschen Kaiserreiches und überschreitet damit in den Augen des Kaisers, der Deutschnationalen und konservativer Kunstliebhaber Grenzen. Die Grenzen zu Überforderung, Akzeptanz, Nationalismus – und allen voran zur Moderne. Zu einer neuen Zeit.

In alles Leben gierig hineinbeißen – Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik

Mit einem durch und durch unkonventionellen Buch hat es die 1985 geborene Schweizer Schriftstellerin Dorothee Elmiger auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft. ‚Aus der Zuckerfabrik‘ fällt aus der Reihe – Autorin und Lektor sind sich nicht einmal einig, ob es sich dabei um einen Roman handelt oder eher um einen Recherchebericht. Was ist das Anliegen ihrer Arbeit? Über eine Lektüre so anspruchsvoll wie faszinierend.

„Warum merkst du nicht, wenn jemand lügt?“ – Christine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand

Als der Orient noch ein Geheimnis war und weder Orientalismus noch Orientalistik sich formiert hatten, brach der nahe Bremen geborene Mathematiker Carsten Niebuhr zu einer Expedition nach Arabien auf. Christine Wunnicke hat eine Episode aus dieser Reise für ihren hinreißenden Abenteuer- und Ideenroman ‚Die Dame mit der bemalten Hand‘ ausgewählt. Sie lässt Niebuhr auf den persischen Astronomen Musa treffen und in ihren Köpfen einen wilden Tanz aus Geschichten und Gedanken aufführen. Herausgekommen ist ein rasend komisches, bildreiches und sehr intelligentes Buch über die Kraft des Erzählens und die Möglichkeit der Verständigung zwischen den Kulturen.

„Du fühlst dich aber gut integriert, oder?“ – Deniz Ohde: Streulicht

Zweifel am Nutzen von Bildung hält sich hartnäckig (und wird auffallend häufig von männlichen Kritikern geäußert). Sie verderbe den Naturzustand des Menschen (Rousseau), führe zur „Spaltung der Gesellschaft“ (O-Ton rechtskonservativer Wähler) oder zementiere in ihrer institutionalisierten Form soziale Ungleichheit (Aladin El-Mafaalani). Deniz Ohde widmet sich in ihrem Debütroman Streulicht dem Thema und lässt ihre Erzählerin um die Frage kreisen, warum sie so wurde, wie sie ist.

Beim Hinauf- und Hinabfahren der Alb – Bov Bjerg: Serpentinen

Im FAZ Bücher-Podcast bereits vor seinem Erscheinen gehypt, in der ZEIT gefeiert, von Denis Scheck für seine außerordentliche sprachliche Qualität gelobt: ‚Serpentinen‘ ist das Buch der Stunde. In der Tat beeindruckt der Roman mit seinen Innenansichten aus der Seele eines verzweifelten Mannes, der aus Furcht vor Selbstmord über die Tötung seines Sohnes nachdenkt. Doch der mit heißem Furor vorgetragene Rundumschlag des leidenden Helden gegen eine durch und durch verdorbene Welt erweist sich als enttäuschend eindimensional.

Für Heimat und Volk – Ronya Othmann: Die Sommer

Ronya Othmanns autobiographischer Roman ‚Die Sommer‘ erzählt die Entwicklungsgeschichte eines deutsch-kurdischen Mädchens und überzeugt sprachlich und inhaltlich – hierin sind sich die Rezensionen einig. Doch wer hat das hervorragende Debüt der Autorin zu Ende gelesen und in seiner Radikalität erfasst? Othmanns Werk ist weit mehr als eine Mahnung, die kurdischen Jesiden und ihren Existenzkampf nicht zu vergessen, und bietet reichlich Diskussionsstoff.

In den Augen der Andern – Andreas Heidtmann: Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde

‚Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde‘ ist keine literarische Revolution. Es ist jedoch das gelungene Porträt eines Jugendlichen und zugleich einer Generation. Feinsinnig und einfühlsam zeichnet Andreas Heidtmann das mitreißende Bild eines Lebensabschnittes, der verwirrender nicht sein könnte und dementsprechend eine unerschöpfliche Quelle literarischer Biografiearbeit darstellt.