Im Kunstversteck – Eckhart Nickel: Spitzweg

Spätestens seit Spitzweg ist klar: Eckhart Nickel gehört zu den ganz großen deutschsprachigen Schriftstellern der Gegenwart. Seine Prosa schert sich nicht um aktuelle Stilvorschriften. Durch ihren ins Altmodische ragenden Formwillen hat sie vielmehr etwas Zeitloses, das jedoch wiederum durch ihre Lässigkeit durchbrochen und in die Gegenwart geholt wird. Seine Romane sind unheimlich raffiniert gebaute Kunstwerke von erhabener Schönheit. Sie sind Ergebnisse einer tiefschürfenden Beschäftigung mit den großen Fragen des Lebens. Dank großer literarischer Könnerschaft wirkt dies jedoch beinahe mühelos. Wie macht er das?

Bericht eines Traumas – Abbas Khider: Der Erinnerungsfälscher

Fälschen lässt sich vieles: Kunstwerke, Diamanten, Fotos und Pässe. Das Handwerk des Fälschens ist so universell geworden, dass Begriffe von Wahrheit und Unwahrheit zunehmend verschwimmen. Doch wer seine eigene Erinnerung fälschen will, der muss ein Künstler sein, getrieben vom Versuch einer Vergangenheit zu entfliehen, die zu schmerzhaft ist, um ertragen zu werden. Abbas Khider erzählt von solch einem Erinnerungsfälscher.

Narben im Sand – Svenja Leiber: Kazimira

„[…] wein, mein Söhnchen. Dass Du wieder weich wirst, sonst kannst du nicht leben.“ So beschwört Protagonistin Kazimira ihren Sohn Ake. Denn auch er trägt die Narben der Geschichte am eigenen Leib. In ihrem mittlerweile fünften Roman präsentiert sich Svenja Leiber als Autorin einer aufwändig recherchierten, nüchtern präsentierten und zugleich erschütternden Geschichte. Alles getragen von einer Frau, die, der Zeit enthoben, für viele weibliche Schicksale steht und einer Umgebung, die der Verwüstung ebenso ausgesetzt ist, wie die dort lebenden Menschen.

Make Realpolitik sexy again – Yasmine M’Barek: Radikale Kompromisse

Die ‚Polarisierung‘ der Gesellschaft ist nicht zufällig ein Lieblingsthema im Feuilleton und auf dem Sachbuch-Markt: Gut lässt sich darüber vom Standpunkt gefühlter Wahrheit respektive der Twitter-Exegese schreiben und auf die Furcht vor dem ‚Verlust der Mitte‘ ist unter deutschen Lesern Verlass. Auch Radikale Kompromisse der ZEIT-Redakteurin Yasmine M’Barek kreist um den Befund der Polarisierung, aber das Buch kommt anders daher als vergleichbare Analysen. Nicht als Warnruf, sondern als positives Plädoyer für „ein Revival echter Realpolitik“. 

Brüderchen und Schwesterchen – Anselm Neft: Späte Kinder

Sophia wird sterben. Die Diagnose lautet: Bauchspeicheldrüsenkrebs, neun Monate geben ihr die Ärzte noch – „eine Schwangerschaft lang hat sie Zeit, um sich auf ihr Ende vorzubereiten. Bestenfalls“. Begleitet von ihrem Zwillingsbruder macht sich Sophia auf ihren letzten Weg. Um Halt zu finden und um mit sich selbst versöhnt aus diesem Leben gehen zu können, tauchen die Geschwister tief in ihre Familiengeschichte ein.