Ins Ungewisse hinein fragen – Hans Eichhorn: Ungeboren

Hans Eichhorn konnte sein vorletztes Buch selbst noch einmal in der Hand halten, ehe er mit nur 64 Jahren am 29. Februar 2020 (demselben Tag wie Alfred Kolleritsch, ein langjähriger Freund Eichhorns und der Begründer der Zeitschrift Manuskripte, für die Eichhorn gelegentlich geschrieben hat) starb. ‚Ungeboren‘ wirkt mit Blick auf den frühen Tod des Autors wie eine vorausschauende Ahnung, die sich dem Ungewissen in bekennender Unwissenheit gegenüberstellt. Ein wundervolles Prosastück für das eigenste Sein.

Die Hölle, das ist die andere – Xaver Bayer: Geschichten mit Marianne

Zu zweit geht alles leichter, sagt der Volksmund. Das ist eine Lüge. Xaver Bayer entwirft in ‚Geschichten mit Marianne‘ ein Panoptikum von Beziehungsmomenten, die allesamt ins Phantastische gesteigert werden und dadurch zu den Urängsten und tiefsten Wünschen von Liebenden vordringen. In zwanzig traum- und albtraumhaften Episoden wirft Bayer Schlaglichter auf die vielfach vertrackte Idee eines Lebens zu zweit. Alle begehren es und doch macht es nichts als Kummer. Es ist die einzige Rettung und gleichzeitig ein nicht enden wollender Sturz in den Abgrund.

Götterblut und dunkler Schmerz – Anna Stern: das alles hier, jetzt.

„In der Literatur gibt es nur die Liebe und den Tod. Alles andere ist Mumpitz“, dekretierte Reich-Ranicki bekanntlich einmal. Seit der Frühzeit der Dichtung gehören beide sogar untrennbar zusammen, sind doch Erleben und Erleiden des Verlusts eines geliebten Menschen ein vertrautes Sujet. Doch wie kann man heute noch vom Tod erzählen angesichts der Fülle und des Gewichts der Tradition? Die Gefahr ist nicht gering, zu wiederholen, in Pathos und Kitsch zu versinken oder sich in die Ironie zu flüchten, um der Schwere des Themas zu entgehen. Doch nichts von all dem widerfährt Anna Stern. Wer sich ein Bild davon machen möchte, wie behutsam, und gleichzeitig mit welcher poetischen Kraft man aktuell noch von Tod, Verlust und Schmerz schreiben kann, muss ihren Roman „das alles hier, jetzt.“ lesen.

„Gott, der begnadete Trash-Regisseur“ – Hilmar Klute: Oberkampf

Zwischen dem Anschlag auf die Redaktion von ‚Charlie Hebdo‘ und dem auf das Bataclan lässt Hilmar Klute seinen zweiten Roman ‚Oberkampf‘ spielen. Seinen Helden Jonas hat er für ein Schriftsteller-Biographieprojekt nach Paris geschickt. ‚Oberkampf‘ ist der ambitionierte Versuch, aus der allerneuesten Geschichte Literatur zu formen. Gelingt das auf überzeugende Weise?

Des Hamsters Kern – Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet

In Zeiten nicht enden wollender, im eigenen Sumpf vor sich hindümpelnder TV-Serien sind es viele böse Vorurteile, die der Lektüre eines „fünften Teils“ vorausgehen. Es hat den Beigeschmack einer weiteren Zugabe, wenn einem längst schon die Hände vom Applaudieren schmerzen. Glücklicherweise ist Meyerhoffs neuer Roman ‚Hamster im hinteren Stromgebiet‘ mehr als ein bloßes Anknüpfen an bisherige Erfolgsrezepte, und darüber hinaus hochunterhaltsam.

Bergweh – Martina Altschäfer: Andrin

Wer kennt sie nicht, die Sehnsucht nach einem spontanen Exit aus dem Alltag: Ausbrechen aus dem Trott und plötzlich an einen heilen, schönen Ort springen. Martina Altschäfers Debütroman ‚Andrin‘ entführt die Protagonistin Susanne an einen solchen Flecken. Das Setting ist im wahrsten Sinne des Wortes gut und schön, aber der Funke springt nicht über. In erster Linie liegt das am Storytelling der Autorin, die hauptberuflich Malerin ist: Sie lässt durch Worte zwar Sehnsuchtsbilder entstehen, eine überzeugende Erzählung wird daraus aber leider nicht.

Eine heillose Jagd über die Grabstätten Europas – Leonhard Hieronymi: In zwangloser Gesellschaft

Leonard Hieronymi schickt seinen Erzähler über die Friedhöfe Europas, immer auf der Suche nach Gräbern verstorbener Schriftsteller, um diese vor dem Vergessen zu bewahren. Die Reise führt ihn zu verschiedenen Protagonisten der europäischen Literaturgeschichte. Was wir von diesen erfahren ist nicht viel, die meisten Informationen gleichen Randnotizen. Die Suche ist vielmehr ein Spektakel, das der Selbstinszenierung dient. Muss man das lesen?

Aus dem Beton – Christian Baron: Ein Mann seiner Klasse

Weniger nach der romantischen Liebe, als nach einer Erklärung für das ihm Widerfahrene sucht Christian Baron in seinem ersten Roman ‚Ein Mann seiner Klasse‘. Darin erzählt er die Geschichte einer tragischen Kindheit, die die seine ist. Davon, wie er und seine Familie unter Armut, Gewalt, Alkoholismus und der Ausgeschlossenheit aus weiten Teilen der sie umgebenden Gesellschaft litten. Davon, wie er dieser Welt entstiegen ist und was von dieser noch heute in ihm übrig ist.