Kritik der Kritik der Kritik – Gespräche zur Rettung der Literaturkritik

Stirbt die Literaturkritik? Gehören die gegenwärtigen Klagen über den Zustand der Kritik bloß zu jenen Nebengeräuschen, die der Betrieb immer produziert hat? Oder muss sich wirklich etwas ändern, damit die Literaturkritik bestehen kann? Brauchen wir sie eigentlich überhaupt? Dieses und mehr untersucht Aufklappen in diesem Sommer in einer Reihe von Interviews mit Literaturkritikerinnen und -kritikern.

Osterspaziergang – Jakob Nolte: Kurzes Buch über Tobias

Den Drang etwas Eigenes und Neues zu schaffen, den merkt man dem neuesten Roman von Jakob Nolte an. Der Autor experimentiert mit unterschiedlichen literarischen Formen, wehrt sich dabei gegen kanonische Bildung und treibt dabei seinen Text in einen Strudel milchiger Inhalte. Kurzes Buch über Tobias zeigt einen Ausschnitt aus dem noch jungen Leben seines Protagonisten Tobias, der mit Vielem zu kämpfen hat, und dessen Weg zu einem verqueren Bildungsroman führt.

Noch ein Autorenschicksal – Alem Grabovac: Das achte Kind

Autofiktion liegt im Trend und das Interesse an Büchern, deren Geschichte in erster Linie die ihrer Autoren abbilden, ist entsprechend hoch. Alem Grabovac legt mit ‚Das achte Kind‘ ein Buch vor, das Biografie, Weltgeschichtliches und die Suche nach der eigenen Identität im Spannungsfeld kultureller und sozialer Differenz behandelt. Ob die Schilderung eines weiteren Autorenschicksals die versprochene Leselust einwirbt und den auf dem Romanrücken aufgebrachten Lobeshymnen bekannter Literaturvertreter gerecht wird, kann man beim Weiterlesen erfahren.

Scheitern an der Grenzmauer aus Papier – Joachim Zelter: Die Verabschiebung

Joachim Zelters Roman ,Die Verabschiebung‘ erzählt im episodenhaften Schnelldurchlauf, die Geschichte mehrerer Jahre von Angst, Unsicherheit und Behördenwahnsinn. Eine eindrucksvolle Hommage an den ,Process‘ von Kafka, die eine bloße Neuerzählung bei weitem übertrifft und diese Rezensentin derartig betroffen zurücklässt, dass die Rezension keine Sekunde länger warten kann, als es dauert, das Buch beiseite zu legen.

„‚Wir sind vieles‘, erwiderte sie. ‚Aber niemals zahnlos.‘“ – Sharon Dodua Otoo: Adas Raum

Eine junge Frau in einem Dorf an der Küste Ghanas zur Zeit der einsetzenden Kolonialisierung, eine Adelige mit mathematischem Genie im Zeitalter der britischen Industrialisierung, eine Zwangsprostituierte in einem Thüringer KZ während des Zweiten Weltkriegs und eine schwangere Studierende in Berlin kurz vor dem Brexit-Votum. Zwei Schwarze und zwei ‚weiße‘ Frauen. Sie alle sind Ada. In einer vierdimensionalen Collage entwirft Sharon Dodua Otoo in ihrem Debütroman ‚Adas Raum‘ einen weiblichen Blick auf die Welt, die gezeichnet ist von Trauma, Rassismus und einem Funken Hoffnung.

Holz und Vorurteil – Juli Zeh: Über Menschen

‚Über Menschen‘ ist so etwas wie die unzusammenhängende Fortsetzung von ‚Unterleuten‘, was auch der Autorin Anlass gibt, sich auf entsprechende Wortspiele einzulassen. Mit ‚Unterleuten‘ schrieb Juli Zeh 2016 einen großen Gesellschaftsroman über Deutschland 30 Jahre nach der Wende, über Großstadt- vs. Dorfleben, die Energiewende, zwischenmenschliche Beziehungen und aus der Gesamtsumme dieser Faktoren erwachsende Einzelschicksale. Aus einer ähnlichen Ausgangslage heraus entstand auch Zehs jüngstes Werk, mit einem zusätzlichen Faktor: der Corona-Pandemie. Insofern ist der Roman ein höchst zeitgemäßer, der die Leserin verwundert feststellen lässt, dass das Virus offensichtlich schon derart lange alltagsbestimmend ist, dass in der Zwischenzeit Bücher darüber geschrieben und veröffentlicht werden konnten.

Vom Suchen und Finden der Liebe – Martin Mosebach: Krass

Der Respekt vor dem Schriftsteller Martin Mosebach ist genauso groß wie der Vorbehalt gegen seinen ästhetischen und politischen Konservativismus. Das zeigt sich in den Kritiken, die bisher zu seinem neuen Roman ‚Krass‘ erschienen sind. Sie changieren zwischen Bewunderung und lässiger Missachtung von dem, was sie als Mosebachs literarische Kabinettstückchen in den Griff zu bekommen versuchen. Die Kritik ist so sehr damit beschäftigt, dem Büchner-Preisträger nicht auf den Leim zu gehen, dass sie das Wichtigste übersieht: ‚Krass‘ ist ein großer Roman über die Liebe.