Verbittert in Berlin – Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen

Was taugt der Roman, der in diesem Jahr mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde? Knallharte und mit einigem Furor vorgetragene Gesellschaftskritik steht im Zentrum von ‚Schäfchen im Trockenen‘. Die Erzählerin Resi wendet sich an ihre jugendliche Tochter. Sie will sie aufklären, will sie wappnen mit dem, was sie als ‚die Wahrheit‘ erkannt hat. Eine Heldin, die die Wahrheit kennt und bereit ist, uns zusammen mit ihrer Tochter zu belehren – kann das gutgehen? 

Resi ist Schriftstellerin, sie hat vier Kinder, kaum Geld, und versucht verzweifelt an den moralischen Maßstäben ihrer Jugend festzuhalten. Die Frage, wie man das alles unter einen Hut bekommen soll, ist einerseits das Thema des Buches, andererseits will Resi sie nicht mehr hören: „Keine Ahnung, wie wir das schaffen, aber vor Kurzem fiel mir auf, dass ‚Wie schafft ihr das?‘ gar keine Frage ist – auch kein Kompliment, wie ich lange Zeit geglaubt habe. Sondern eine Umschreibung dafür, dass der Fragende denkt, es sei nicht zu schaffen – und auch dumm, es überhaupt zu versuchen.“ In der gegenwärtigen Gesellschaft, die Resis Analyse zufolge nach wie vor von massiver Ungerechtigkeit geprägt ist, seien Lebensmodelle wie das von Resis Familie zum Scheitern verurteilt. 

Aber Resi weiß auch, was sich ändern muss. In erster Linie hat sie dabei die Rolle der Frauen, genauer gesagt, die Rolle der Mütter im Blick. Exemplarisch richtet sich ihre Anklage an die eigene Mutter. Stets so getan zu haben, als sei alles in Ordnung, als gäbe es keine sozialen Unterschiede, und dabei die eigenen Bedürfnisse zu vernachlässigen, war in Resis Augen ihr Versagen. Indem sie ihrer Tochter Bea beibringt, dass nichts in Ordnung sei, dass die gesellschaftliche Ungleichheit unüberwindbare Schranken aufstelle und dass ihre eigenen Bedürfnisse durch die der Kinder in den Hintergrund gedrängt würden, will sie ihr eine bessere Ausgangslage verschaffen. Wiederholt mahnt sie Bea, sie müsse sich immer fragen: Wer profitiert eigentlich von der aktuellen Situation? Wie sind die Machtverhältnisse verteilt? Wem nützt mein Leid? Zum Gegenschlag greift sie tief in die ideologische Mottenkiste: „Klassenbewusstsein“ soll die Antwort sein. 

Den Auslöser für ihre erzieherische Maßnahme stellen ihre in die Brüche gegangenen Beziehungen zu all ihren Freunden dar. Weil Resi das gemeinsame Wohnbauprojekt der sich als progressiv verstehenden Freunde in einem Artikel als spießig entlarvt hat, sind diese beleidigt und brechen alle Brücken zu ihr und ihrer Familie ab. Schließlich wird ihr auch die Wohnung gekündigt, die einem der Freunde gehört. 

Resi rechtfertigt sich, dass sie in ihrer Lage keinen Roman schreiben kann. Sie habe eben nicht die gleichen Voraussetzungen wie Martin Walser. Damit meint sie, dass sie kein privilegierter, alter Mann sei, der idyllisch am Bodensee lebt und seine Schäfchen im Trockenen hat. Walsers poetologisches Programm besteht darin, die Dinge so schön zu beschreiben, wie sie nicht sind. Resi versucht sich am Gegenteil. Selbst was als schön gilt (z.B. die Freude an den eigenen Kindern) beschreibt sie so hässlich, wie sie es sieht. Verklärung und Harmoniesoße hat sie durch die aufopfernde Mutter kennen und hassen gelernt. 

Stellings Koketterie ist raffiniert. Tatsächlich ist Schäfchen im Trockenen ein überaus genau geplanter Roman. Die Appelle an die Tochter, Szenen aus dem Alltag der sechsköpfigen Familie und Schilderungen aus der Vergangenheit kommentieren sich gegenseitig und wechseln sich in einem ausgewogenen Verhältnis ab. Überdies sind Realität und Fiktion bis zur Unkenntlichkeit ineinander verwischt. Der Text, welcher im vorliegenden Roman den Bruch mit den Freunden ausgelöst hat, findet seine Entsprechung in Stellings 2015 erschienenen Roman Bodentiefe Fenster. Über die familiäre Situation der Autorin ist nichts bekannt, aber ihre Schilderungen des Familienlebens sind derart erfahrungsgesättigt, dass die eigene Familie aller Wahrscheinlichkeit nach als Vorbild gedient hat. Den Zahnspangen-Pups-Geruch des Zimmers von vorpubertierenden Jungs kann man sich wohl nicht ausdenken. 

Ihre Schilderungen aus dem Innenraum der Familie gehören zu den starken Seiten des Buches. Resis Zerrissenheit ist glaubwürdig: sie will es allen recht machen und kommt dabei zu kurz. Ihr Schreibplatz in der Zwei-Quadratmeter-Speisekammer ist ein starkes Bild für die prekäre Wohnsituation in der deutschen Großstadt und die Rückzugsmöglichkeiten einer vierfachen Mutter. Eben solche Bilder sind es, die Stelling im Kampf gegen soziale Ungleichheit in die Waagschale werfen will: „Noch so was, das ich viel zu spät begriffen habe: Wie stark Geschichten sind und das Erzählen Macht bedeutet.“ Es sind die Waffen einer Schriftstellerin.  

Doch die benannten Stärken wiegen die Mängel des Romans nicht auf. Er scheitert an seinen eigenen Widersprüchen. Zu Anfang findet sich ein Bekenntnis zur Ambivalenz. Resi spricht davon, dass ihre „Sehnsucht nach Eindeutigkeit so groß“ sei, hält dann aber fest, „dass es keine gibt“. Ihre Liebe zu den Kindern ist grenzenlos und gleichzeitig wünscht sie sich, es hätte sie nie gegeben. Dass die Lösung dieser Widersprüche „Klassenbewusstsein“ sein soll, ist ein schlechter Witz. Dieser Rückfall in die politische Diskussion der 70er Jahre taugt schon nicht für ein politisches Programm – für einen Roman ist er allerdings tödlich. Er produziert gebellte Aufforderungen an die Tochter, ideologische Parolen.

Ihre Kritik ist zudem bereits tausendfach beschrieben worden und lockt deshalb niemanden mehr hinter dem Ofen hervor: „ich teile Veras Traum. Ich und unzählige andere. Weil es gar nicht unser persönlicher Traum ist. Er wurde uns in die Gehirne gepflanzt.“ Es ist nicht nur langweilig, sondern auch ideologisch verkrampft, manchmal auch einfach nur falsch: „[…] wer hat die Moral erfunden? Die Herrschenden für die Unterdrückten, um sie in Schach zu halten.“ So sind denn Klischees und Kalauer das Ergebnis eines ermüdeten Zynismus. 

Sich im Besitz der Wahrheit wähnend werden jene Sentenzen mit einer derartigen Überzeugung aufgetischt, dass es das Buch streckenweise unlesbar macht. Die „Sehnsucht nach Eindeutigkeit“ war wohl am Ende zu groß.

2 Kommentare zu „Verbittert in Berlin – Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen

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