Was man von oben sehen kann – Reinhard Kaiser-Mühlecker: Enteignung

Kaiser-Mühlecker kann so viel und macht im vorliegenden Roman so wenig daraus. In ‚Enteignung‘ gehen aus einer verschlungenen ménage à cinq am Ende zwei Tote hervor. Zurück bleibt ein einigermaßen ratloser Leser.

Jan, ein amoralischer, anspruchs- und gefühlloser Redakteur, der früher für große Blätter schrieb, ist in die heimatliche Provinz der österreichischen Voralpen zurückgekehrt und lebt so vor sich hin. Es gibt nur drei Fixpunkte in seinem Leben: seine mäßig erfolgreiche wöchentliche Glosse, seinen Kater und seine Hobbyfliegerei. All das wird er im Laufe des Romans verlieren; er wird in etwas hineingeraten, das ihn zusehends ganz beansprucht, um am Ende seiner Heimat erneut den Rücken zu kehren – diesmal wohl für immer.

Den Anstoß erfährt die in einem heißen, ereignislosen Sommer beginnende Geschichte durch zwei Begegnungen. Jan trifft zunächst auf die Lehrerin Ines, mit der er ein Verhältnis anfängt, und dann auf Flor und Hemma, Schweinebauern, denen er bei ihrer Knochenarbeit als Gehilfe zur Hand geht. Die Dinge verkomplizieren sich, als herauskommt, dass Ines auch mit Flor schläft, woraufhin Jan damit beginnt, sich heimlich mit Hemma zu treffen. Und dann ist da noch Beham, ein Typ vom örtlichen Bauamt, das die titelgebende Enteignung eines in Flors Besitz befindlichen Hügels in Auftrag gegeben hat, um dort Windräder zu installieren. Ach, übrigens unterhält auch er eine Beziehung mit Ines. Wo in einer anderen Besprechung von einem „Textgeflecht“ die Rede ist, „das folgerichtig, im Rückblick gar alternativlos wirkt“, mag dem einen oder anderen Leser eher der Kopf schwirren. Der Plot wirkt überkonstruiert und deshalb unglaubwürdig.

Obwohl Enteignung nur 220 Seiten füllt, sind die Themen zahlreich: Es geht um die im Wandel befindlichen Lebensumstände auf dem Land und die sich verändernden Medien, die Sinnlosigkeit moderner Jobwelten im Kontrast zum ‚einfachen Leben‘ und um die Existenzkämpfe der letzten Landwirte. Die Einsamkeit des heutigen Menschen wird an allen Figuren gezeigt. Sie sind allein, selbst wenn sie mit anderen Menschen zusammenleben.

All dies wird aus der Perspektive von Jan geschildert, sodass die Akzentsetzungen des Romans mit seinem Charakter in Verbindung gebracht werden müssen. Als Hobbypilot schaut er sich die Dinge gerne aus der Luft an, was wohl bildlich gedeutet werden darf: Zwar gewinnt er so einen Überblick über die Landschaft, die Menschen werden jedoch gleichzeitig zu winzigen, in die Distanz gerückten Punkten. Vieles wird angeschnitten, aber nichts wirklich verfolgt. Es fehlt ein übergeordnetes Interesse, das die vielen Ansätze zusammenhalten könnte.

Positiv hervorzuheben ist Kaiser-Mühleckers elegante Sprache. Vor allem seine Naturbeschreibungen sind gleichzeitig präzise und poetisch, weder zu dick noch zu dünn aufgetragen. Seine Figuren fühlen mit dem Klima und der Landschaft, in die sie der Autor gestellt hat. Ändert sich die Natur, bekommt auch der Plot eine neue Richtung.

Gleichzeitig treffend und sehr komisch ist Jans Blick auf den Mittzwanziger, der als Praktikant in der Zeitungsredaktion arbeitet. Sein Leben beschränkt sich darauf, den eigenen Lebenslauf makellos zu halten. Charakter? Fehlanzeige. Wer selbst denkt, gar den Mut besitzt, eigene Sätze sprechen zu wollen, eckt an und macht Fehler. Auch wenn man Jan nicht soweit folgen muss, eine ganze Generation zu verdammen, kann man sich am ausgegossenen Spott über eine solche in der Realität durchaus anzutreffende Gestalt freuen.

An einzelnen Motiven und Episoden erweist sich die Könnerschaft Kaiser-Mühleckers. Besonders hübsch ist auch ein Kabinettstückchen am Ende des Buches: Als eine der Hauptfiguren stirbt, erfahren wir, dass dies ausführlich in der Zeitung beschrieben wird, für die Jan inzwischen nicht mehr arbeitet. Unter einem neuen Chefredakteur hat sie sich zu einem Klatschblatt entwickelt, das nur noch aus Kriminalfällen und Werbung besteht. Indem Kaiser-Mühlecker dem Leser die Auflösung verwehrt und für Details auf die degenerierte Sensationspresse verweist, fühlt er sich in seinem Voyeurismus ertappt. Solche Effekte sind wohl kalkuliert und minutiös geplant. Leider sind sie im vorliegenden Roman nur selten zu finden.

Enteignung ist ein rätselhaftes Buch, dessen Rätselhaftigkeit Selbstzweck ist. Es macht sich einer düsteren Bedeutung anheischig, die nirgends eingelöst wird. Die Auflösung am Ende überzeugt nur den Erzähler selbst, während der Leser verwirrt bleibt.

Über seinen vorherigen Roman Fremde Seele, dunkler Wald, der 2016 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, haben wir Reinhard Kaiser-Mühlecker kennen und schätzen gelernt. Seine feinen Charakterzeichnungen und die düster getupften Ansichten aus der österreichischen Provinz haben damals sehr beeindruckt. Mit Enteignung kann Kaiser-Mühlecker leider nicht daran anknüpfen. Da aber auch im vorliegenden Roman sein Erzähltalent und seine Sprachkraft mancherorts aufscheinen, bleibt die Hoffnung, dass sich das nächste Buch wieder lohnen wird.

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