Auf der Suche nach dem verlorenen Ich – Anna Stern: Wild wie die Wellen des Meeres

‚Wild wie die Wellen des Meeres‘ ist Anna Sterns dritter Roman. Er erzählt die Geschichte von Ava, einer jungen Frau auf der Suche nach sich selbst, von ihrem Drang nach Freiheit und ihrer Liebe zu Paul. Es ist ein stilles Buch mit einem atemberaubenden Finale.

Bücher, die von Sinnsuche und Standortbestimmung handeln, werden häufig als Nabelschau verunglimpft. Doch sie haben einen nicht zu vernachlässigenden Vorzug: Sie gehen uns alle an. Der Einzelne muss sich gegen die Welt behaupten, will seinen Platz und seine Stimme finden. Früher oder später stellt sich jeder die hiermit zusammenhängenden Fragen. Und an ein Ende kommt dabei niemand. Der Buchmarkt wird deshalb von unzähligen verschwurbelten Ratgebern und kaum weniger kitschigen Romanen überschwemmt, was das Sujet zusätzlich deskreditiert. Gelungene Bewältigungen sollten deshalb mit Nachdruck empfohlen werden!

 „Hast du gewusst, sagt Ava, dass Erinnerung und Vorstellung die gleichen Hirnareale aktivieren. Wir brauchen die Vergangenheit, um in der Gegenwart die Zukunft zu üben.“ Dieser Satz von Ava formuliert nicht nur das Programm des Romans, es charakterisiert auch seine Protagonistin. Ava ist eine rationale junge Frau, die die Natur liebt und zum Grübeln neigt. Geprägt durch ihr biologisches Studium, versucht sie die Dinge mit Vernunft in den Griff zu bekommen, existenzielle Fragen geht sie nüchtern an: „Ich glaube nicht, dass ich Kinder will. Es ist ökologisch nicht empfehlenswert und moralisch immer schwerer vertretbar.“ Doch zufrieden ist sie damit nicht. 

Ava hat es nicht leicht gehabt. Mehrmals lässt Stern die Figuren ihres Romans dieses Urteil über ihre Heldin fällen. Auf Ava muss man besondere Rücksicht nehmen, was manchmal auch bitter nötig ist. Sie ist launisch, eigenbrötlerisch und zieht sich gerne zurück. Was sie ihrem Umfeld zumutet, geht an die Grenzen des Erträglichen. Naturgemäß ist davon besonders ihr Freund Paul betroffen. 

Die beiden kennen sich schon seit langem und sind seit Jahren ein Paar. Ava kam als Pflegekind in Pauls Familie, ist gleichsam als seine kleine Schwester aufgewachsen. Als sie ihm die finsteren Erlebnisse aus ihrer Vergangenheit eröffnet, entsteht zwischen ihnen ein Band. Sie ziehen zusammen, Ava studiert und Paul arbeitet als Polizist. Als solcher will er seine Mitmenschen beschützen – und ganz besonders natürlich Ava. Doch Ava will sich nicht beschützen lassen. Sie hat genug davon, sich sagen zu lassen, was sie zu tun hat und ständig mit den Zuschreibungen und Interpretationen der anderen konfrontiert zu sein. Von jeher fühlt sie sich fremdbestimmt. Die Entscheidungen, die ihr Vater über sie gefällt hat, sind ihr als bevormundende Repressalien im Gedächtnis geblieben. 

Vor den Fenstern ihrer Wohnung in Rorschach liegt der Bodensee. Doch diese Welt reicht Ava nicht mehr aus. Sie braucht Zeit und Raum und das Meer. Also bricht sie nach Schottland auf, um an der Atlantikküste in Kinlochewe ein Praktikum in einer biologischen Forschungsstation zu absolvieren. Paul lässt sie im Ungewissen zurück. Er weiß auch nicht, dass sie schwanger ist, als sie geht. 

Im Roman wechseln sich die Berichte von den Ereignissen in Schottland mit Rückblenden in Avas Vergangenheit ab. Die zurückliegenden Erlebnisse werden bis auf den traumatischen Tag des Todes ihrer Mutter verfolgt. Als dieser Teil der Erzählung abgeschlossen ist, treten Pauls Nachforschungen über Avas Vergangenheit an seine Stelle. Um sie besser zu verstehen, sucht er ihre Tante Marion auf, die ihm eine ganz andere Version von Avas Kindheit erzählt. Damit möchte er Ava in einem zukünftigen Moment konfrontieren. Doch dann stürzt sie bei einer Wanderung einen Felshang hinab und wird bewusstlos ins Krankenhaus gebracht.

Der zweite Teil des Romans besteht zunächst aus den Besuchen von Freunden und Kollegen an Avas Krankenbett. Sie sitzen dort und reden mit ihr, ohne zu wissen, ob sie sie hört. Sie bringen ihr Geschenke und lesen ihr vor. Erneut ist sie also den Perspektiven der sie umgebenden Menschen schutzlos ausgeliefert. Ihr Ausbruchsversuch hat die Lage nur verschärft. 

Als sie dann jedoch erwacht, wird sie von den Ärzten vor eine Entscheidung gestellt, die nur sie allein treffen kann. Bis zum letzten Moment lässt sie Paul darüber im Unklaren, ob sie das Kind zur Welt bringen möchte oder es abtreibt. In Großbritannien ist dies bis zur 24. Schwangerschaftswoche möglich. Der dadurch erzeugte Spannungsbogen trägt das Buch durch seinen letzten Abschnitt. Was wäre das Beste für Ava, was für Paul, was für das Kind und was für alle zusammen?

Im Hintergrund läuft ständig Musik, deren zumeist englische Texte zur Identitätsprägung der Figuren beitragen. Manche Songs tauchen leitmotivisch immer wieder auf. Daneben vertiefen melancholisch-unscharfe Polaroid-Aufnahmen die Stimmung des Romans. Mit Wild wie die Wellen des Meeres hat der kleine Zürcher Salis-Verlag ein liebevoll ausgestattetes, wunderschönes Buch vorgelegt.

Die Sprache des Romans schwingt träumerisch um Avas Bewusstsein herum. Aufmerksam beschreibt sie die sie umgebene Landschaft, wobei sie häufig die wissenschaftlichen Namen der Tiere und Pflanzen verwendet. In ihrem Bemühen um Eigenständigkeit hält sie sich so die Welt auf Distanz. Aber auch für die Schilderung von Nähe hat Stern zielsicher einen adäquaten Ausdruck gefunden. Durch einen schlichten Kniff gelingt es ihr, auf so poetische Weise über Sex zu schreiben, wie man es selten gelesen hat. Angesichts der sprachlichen Meisterschaft auf so vielen Gebieten, fällt es leicht, über die zuweilen auftretende Eintönigkeit der Dialoge hinwegzusehen.

Stern ist ein psychologisch dichter, durch und durch glaubwürdiger Roman über die Entstehung einer Persönlichkeit gelungen. Elegant setzt sie das Bild aus Erinnerungen, Einflüssen und Begegnungen zusammen, die Ava zu der unglücklichen, rastlosen Frau gemacht haben, die sie am Anfang des Buches ist. Doch dabei bleibt sie nicht stehen. Aus dem Drang nach Selbstbestimmung beginnt Ava ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Am Ende gibt ihr diese Selbstermächtigung die Kraft, sich auch wieder auf die Sichtweisen von anderen Menschen einlassen zu können. Nach der Lektüre des Romans meint man, ein bisschen besser verstanden zu haben, was ein Mensch ist. 

Ein Kommentar zu „Auf der Suche nach dem verlorenen Ich – Anna Stern: Wild wie die Wellen des Meeres

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