Muss man wissen – Demian Lienhard: Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat

„Wer sich an die 80er erinnern kann, hat sie nicht erlebt“, erklärte uns Falco. Insofern kann Demian Lienhard, Jahrgang 1987, seine Jugend nicht schaden, wenn er uns hineinnimmt in die Zürcher Drogenszene um den Park Platzspitz und den stillgelegten Bahnhof Letten zwischen dem Ende der 80er und dem Anfang der 90er Jahre. Anschaulich und mitreißend sind denn auch seine Schilderungen aus der Perspektive seiner Heldin Alba, die immer tiefer im Heroinsumpf versinkt. Doch bis das Buch Fahrt aufnimmt, dauert es sehr lange.

Wer an einem sonnigen Tag vom Bürkliplatz auf die schillernde Wasseroberfläche des Zürichsees schaut oder zwischen den Luxusgeschäften die Bahnhofstrasse entlang flaniert, kann sich das Elend nur schwer vorstellen, das am Ende der 80er Jahre das Bild der Stadt prägte. Damals war Zürich die europäische Hauptstadt der Fixer. Erst auf dem Platzspitz, einer in der Nähe des Hauptbahnhofs gelegenen Parkanlage zwischen den Flüssen Limmat und Sihl, und später auf dem Gelände des stillgelegten Bahnhofs Letten trafen sie sich zum Kaufen, Kochen und Spritzen. Und zum Verwahrlosen und Sterben.

Als Alba, die Protagonistin von Lienhards Romandebüt, als Studentin nach Zürich kommt, gerät sie über eine Vorlesungsbekanntschaft in die Szene. Berauscht vom ersten Schuss glaubt sie, endlich gefunden zu haben, wonach sie ihre ganze Jugend lang vergeblich gesucht hatte. Enthusiastisch beschreibt sie das Gefühl: „Wenn dir jemand eine Ohrfeige aus dem Gesicht zieht und mit ihr die ganzen Schmerzen wegnimmt, und zurück bleibt nur viel zu viel Glück, um es zu fassen.“ Doch bis die Spritze angesetzt wird, sind bereits vier Fünftel des Buches vorbei. Was vorher erzählt wird, soll auf den Moment von Albas Absturz vorbereiten. Dies leistet das Buch gründlich – vielleicht etwas zu sehr. 

Am Anfang liegt Alba im Krankenhaus. Bereits als Teenagerin ist ihr Leben ein Trümmerfeld. Ihre Familie ist zerstört, geblieben ist nur die prügelnde Mutter, die sich nur um ihren Ruf sorgt, aber nicht um ihre Tochter. Um Alba herum entschließen sich auffällig viele Menschen zum Selbstmord. Auch in der eigenen Klasse lichten sich so die Reihen. Wenn es wieder einen trifft, wird einfach dessen Pult aus dem Klassenzimmer getragen. Schließlich hält es auch Alba nicht mehr aus. Doch ihr Versuch misslingt. Sie liegt da und hat Zeit, nachzudenken. Doch das ist nicht so wirklich ihr Ding. Ihre Überlegungen enden immer nur bei der Erkenntnis, wie absurd die Welt ist, wie albern die Leute, die sie und sich selbst wichtig nehmen. 

Zum Glück lernt sie im Krankenhaus Jack kennen, der sie zunächst ablenkt und dann zu ihrer ersten großen Liebe wird. Wenn sie sich später als Junkies wiederbegegnen, trifft der Kontrast hart: Was hat dieser halb zahnlose, aufgebrauchte Mensch mit der Freude zu tun, die er ihr einmal geschenkt hat, der sie gerettet hat, als ihre Lebensgeister sich kaum mehr regten? An alte Zeiten anzuknüpfen ist nichts für Junkies. Nur über das Geschäft kommen sie noch einmal ins Gespräch.

Alba eine unzuverlässige Erzählerin zu nennen, wäre stark untertrieben. Um mit den Ereignissen zurechtzukommen, beugt sie die Wahrheit, erfindet aus Verzweiflung Geschichten. Hinzu kommen Lücken in ihrer Erinnerung, die einerseits daher rühren, dass sie weit in die Vergangenheit zurückreicht, andererseits aber auch mit ihrem bewusstseinszerstörenden exzessiven Drogengebrauch erklärt werden können. Was dieser hinterlassen hat, tritt uns in Albas stakkatohafter Sprache entgegen. Diese ist ausufernd und selten prägnant. 

Durch immer wiederkehrende Sprachbausteine gewinnt Lienhards Heldin allerdings ein starkes Profil. Wahlweise mit „das ist die Wahrheit“ oder mit „muss man wissen“ beglaubigt sie ihre Geschichten, von denen sie weiß, dass man an ihnen zweifeln kann. Doch misstraut sie nicht nur der Wirklichkeit. Auch die Sprache ist ihr suspekt. Dies zeigt sich an den ausgestellten Redewendungen, auf die sie zurückkommt, an ihren ständigen Eingriffen in den Sprachfluss, die ihre Sätze niemals geschmeidig sein lassen. Sie relativiert, nimmt etwas zurück, verbessert sich und kommentiert, tut das gerade Gesagte als unerheblich ab und schließt assoziativ die Beschreibung einer anderen Begebenheit an, die nur lose mit der vorherigen zusammenhängt. Alba plappert permanent schneller als sie denkt. 

Doch ist sie dabei eigentlich witzig oder originell? Ist sie fürchterlich zynisch oder einfach nur zurückgeblieben? Bei vielen ihrer Bemerkungen ist das nicht ganz leicht zu entscheiden: „Leider hatte mein Großvater nicht allzu oft Geburtstag und irgendwann gar nicht mehr.“ In den starken Momenten sind Albas Sentenzen Brüller. In den schwachen wirkt ihr nimmermüder Redeschwall enervierend. Wenn man die verunglückten Passagen als notwendiges Übel der Charakterzeichnung von Alba – also als Rollenprosa – verbucht, kann man die Glanzpunkte dem Autor selbst zuzuschreiben. Hier zeigt er, wozu er im Stande ist, wie originell und unterhaltsam er erzählen kann. Es stellt sich der Gedanke ein, dass der Erzähler Lienhard von seiner Heldin und ihrer Sprache nicht eben profitiert. Vielleicht wäre er ohne sie besser dran.

Anrührend ist der Cameo-Auftritt, den sich Lienhard gegen Ende des Romans verschafft hat. Da trifft er, es ist 1993, auf die mittlerweile cleane Alba an einem Badesee. Sie stehen gemeinsam auf dem Sprungturm und beide müssen erst Mut fassen, bevor sie den Sprung wagen. Damit bindet Lienhard die Vergangenheit und die Gegenwart zusammen. Was Alba schon hinter sich hat, steht dem kleinen Jungen erst noch bevor: der Sprung in die Welt der Erwachsenen, bei dem man allzu leicht das Gleichgewicht verliert. 

Das Buch hat der Autor Lienhard seiner Heldin Alba Doppler gewidmet. Auch bei den Danksagungen am Ende wendet er sich noch einmal ihr zu. Dass der Autor und seine Figur eine intensive Zeit miteinander erlebt haben, nimmt man ihm ab. Auch man selbst wird Alba nicht so schnell vergessen. Doch vielleicht hat er sie sogar etwas zu sehr geliebt. Zu sehr, um ihren Redefluss zu zügeln, ihr im rechten Augenblick das Wort zu entziehen. 


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