Und dann kommt irgendwann der große Knall – Helene Hegemann: Bungalow

Aus den hässlichsten Grausamkeiten, die man sich vorstellen kann, und den frühreif-zynischen Kommentaren der halbwüchsigen Heldin besteht Helene Hegemanns dritter Roman ‚Bungalow‘. Hegemann ist nah am Sound ihrer Generation. Sie verhandelt die Daseinsschwierigkeiten der Milliennials aus ihrer Sicht und mit ihrer Sprache. Das ist durchaus spannend. Aber der Roman leidet unter seiner Ziellosigkeit.

In Bungalow ist alles krass: die Sprache, das Setting und vor allem die geschilderten Ereignisse. Am Anfang gibt es brutalen Sex, am Ende eine Explosion. Dazwischen berichtet die Erzählerin Charlie von ihrer Jugend, für die es nur ein Wort geben kann: beschissen. In unfassbar verwahrlosten Verhältnissen haust das Mädchen zusammen mit ihrer Mutter in einer Hochhaussiedlung. Die drastische Sprache Hegemanns handelt unverblümt von Armut, Gewalt und Inkontinenz. Und Schuld an der ganzen Misere ist der Alkohol. 

Er hat Charlies Mutter völlig lebensunfähig gemacht. Je nachdem, wovon sie zu viel getrunken hat, reichen ihre Gemütszustände von aggressiv bis weggetreten. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter verstört durch ihre hoffnungslose Verkorkstheit. Tiefpunkte sind eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Mutter und Tochter und der Verzehr eines rohen, schon angegammelten Hähnchens durch die haltlos besoffene Frau.  

Vom Balkon ihres Hauses fällt Charlies Blick auf eine Bungalow-Siedlung. Dort leben die glücklicheren Menschen, die kein rohes Fleisch fressen und sich nicht vor den Schulfreunden der Tochter in die Hosen pissen. Dahin geht ihre Sehnsucht. Ein attraktives junges Ehepaar hat vor allem ihr Interesse geweckt; ihnen versucht sie näherzukommen. Offenbar haben ihre Bemühungen zu irgendeinem Zeitpunkt Erfolg gehabt, denn in ihrer Gegenwart befindet sich Charlie am Anfang des Buches in ihrem Bungalow. Von dort aus wirft sie den Blick zurück in ihre Vergangenheit. 

Glaubwürdig ist die dichte Atmosphäre zwischen Hochhaus- und Bungalowsiedlung. Wer heute einigermaßen jung ist, erkennt die von Handyvideos und Chats gefilterte Realität wieder, die in Bungalow beschrieben wird. Jederzeit zugängliche Gewalt stumpft die Menschen ab. Auch bei den übelsten Katastrophen fällt es ihnen nicht schwer, ihr Smartphone ruhig zu halten, um eine brauchbare Aufnahme hinzubekommen. 

Zwischen Schulhof und Spielplatz erleben die Figuren Hegemanns hingegen die üblichen Kämpfe um Beliebtheit und Aufmerksamkeit, die die Phase des Heranwachsens so anstrengend für alle Beteiligten macht. So geht es in dem Roman vor allem um das Erwachsenwerden. Allerdings verläuft die Entwicklung – wie man sich denken kann – in Charlies Fall unter verschärften Bedingungen, die von ihrer jämmerlichen Armut und der zerstörten Mutter bestimmt werden.

 „Ich schreibe das für mich, ich weiß nicht, wer diese Geschichte außer mir zu Ende lesen soll.“ Ein solcher Satz soll die Verwirrung der Heldin verdeutlichen, ihr mangelndes Selbstbewusstsein kommt dabei zum Ausdruck. Doch wer sollte diese Geschichte eigentlich wirklich lesen? Was hat man davon, wenn man bis zum Ende durchhält? Es mag billig erscheinen, diesen Satz herauszuheben und das Buch daran zu messen. Immerhin lässt ihn Hegemann ja durch seine Figur aussprechen und kann nicht selbst dafür verantwortlich gemacht werden. Doch die Ziellosigkeit ihrer Geschichte, die planlose Aneinanderreihung von Anekdoten lässt einen unweigerlich wieder auf den Satz zurückkommen. Die Handlung zerfleddert. Die Erzählerin gibt an anderer Stelle selbst zu, nicht recht zwischen wichtig und unwichtig unterscheiden zu können. Als Leser wäre man dankbar gewesen, wenn sich doch irgendjemand dafür verantwortlich gefühlt hätte.

So erscheint der große Knall am Ende des Buches wie das Eingeständnis einer zu keinem Zeitpunkt tragfähigen Dramaturgie. Knalleffekte im wahrsten Sinne des Wortes halten den Leser zwischenzeitlich bei Laune. Das himmelschreiende Elend übt eine morbide Faszination aus. Doch wohin führt das alles?

Mitunter wirkt das Buch, als wäre es als eine Warnung vor den Gefahren des Alkohols geschrieben worden, die im Deutschunterricht in der Mittelstufe gelesen werden sollte. Doch war das wohl nicht Hegemanns Anspruch. Was war es dann? 

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