In den Augen der Andern – Andreas Heidtmann: Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde

Von Britta Mathéus

‚Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde‘ ist keine literarische Revolution. Es ist jedoch das gelungene Porträt eines Jugendlichen und zugleich einer Generation. Feinsinnig und einfühlsam zeichnet Andreas Heidtmann das mitreißende Bild eines Lebensabschnittes, der verwirrender nicht sein könnte und dementsprechend eine unerschöpfliche Quelle literarischer Biografiearbeit darstellt.

Ben Schneider verachtet seine Herkunft. Vor der Fassade der spießbürgerlichen Kleinstadtödnis am Rande des Ruhrgebiets träumt er von feingeistigen Schriftstellern, von der Intensität klassischer Musik und vom Ausbruch aus den sozialen Gefügen seiner Heimat. Er leidet unter dem chronischen Gefühl der Nicht-Zugehörigkeit zu seinem proletenhaften Arbeitervater und zur blassen Gestalt seiner Mutter, die stets in den Startlöchern steht, ihr Arsenal an auswendig gelernten Lebensweisheiten herunter zu rattern. Es ist kein Gespräch möglich, das die Lebensrealitäten beider Generationen auch nur für einen Moment verbinden könnte.

Auch sein Verhältnis zu den Gleichaltrigen im fiktiven Ort Lippfeld in Westfalen ist ambivalent. Es schwankt zwischen Anpassungsdruck und tiefer Abschätzigkeit. Die eingeschworene Gemeinschaft, die regelmäßig zu alkoholgetränkten Abenden auf der Parkbank am Teich zusammenkommt, hat sich eigentlich nicht viel zu sagen. Man ist in Ermangelung von Alternativen aufeinander zurückgeworfen.

In seinem Hadern mit der Banalität seiner Umgebung und der Auseinandersetzung mit seinen eigenen unberechenbaren Gefühlswirren verschafft sich Ben die Schützenhilfe verschiedener sozialer Rollen. Er tarnt sich als „Held der Camel-Werbung“, wenn er Eindruck schinden möchte, obwohl eine Situation ihn emotional überfordert. Vor seinen Freunden ist er der angepasst-unangepasste Draufgänger, der aber zur Versicherung seiner selbst notwendigerweise eine Zigarette im Mundwinkel und den passenden Soundtrack braucht. Das ist für Ben auf gar keinen Fall ABBAs Waterloo, das 1974 in allen Partykellern erklingt oder der ebenfalls populäre Schnulzensänger Christian Anders. Deren heile Welt lehnt Ben ab und verehrt stattdessen Jimi Hendrix. 

So wird die Frage, welche Musik man hört, zum äußeren, für alle sichtbaren Identitätsmerkmal, während er seine romantisch-sehnsüchtige Schwärmerei für Susanna auf die Seiten seines Tagebuches verbannt. Ein anderer Teil seiner Persönlichkeit verkriecht sich auf den Pianoschemel hinter Etüden und Sonaten, und während sein Rockerselbst groß von der Freiheit tönt und gemeinsam mit seinen Freunden von der weiten Welt träumt, probiert das feinsinnige Künstler-Ego unbehelligt vom Kleinstadttratsch erste vorsichtige Schritte hinaus aus der Enge der Heimat, bei denen ihn nur sein posthum zum Vertrauten gewordener ehemaliger Klassenkamerad begleitet. Es ist wenig überraschend, dass die unterschiedlichen Persönlichkeiten dann auch unterschiedliche Mädchen anhimmeln, dass gegensätzliche Gefühle in Parallelwelten existieren dürfen, während der echte Ben oft genug ins Schwimmen gerät, wenn er es mit tatsächlichen Annäherungsversuchen, Beziehungsschmerz und der Bewältigung von Verlust zu tun bekommt.

Andreas Heidtmanns Debütroman nimmt sich eines Themas an, das klassischer kaum sein könnte: der von seinem Umfeld missverstandene pubertierende Jugendliche auf der Suche nach seinem Platz in der Welt und der Gesellschaft, der in Opposition zu seinen Eltern und zu allem geht, wofür diese stehen, und der, radikal und idealistisch nach Befreiung strebend, die großen Herausforderungen des Lebens zu bewältigen versucht. Es ist ein mutiges Unterfangen, diese Szenerie neu aufzurollen, provoziert man damit doch leicht das Kritikargument, zu dieser Konstellation sei literarisch eigentlich längst alles gesagt – vor allem, wenn die Parallelen zur Biografie des Autors so eklatant sind, dass man das Buch als autobiografisches, oder zumindest autofiktionales Werk begreifen muss. So findet sich in der Rezension von Martin Halter in der FAZ vom 2. Juli 2020 auch der erwartbare Augenroller, der sich darüber beklagt, wie viele Bücher in dieser oder ähnlicher Konstellation bereits auf den Markt geworfen wurden. 

Diesem Vorwurf lässt sich leicht begegnen: Die Handlung steht im vorliegenden Buch nämlich überhaupt nicht im Vordergrund. Selten wird man vom Gefühl ergriffen, jetzt kommen die Würfel ins Rollen, jetzt überschlagen sich die Ereignisse. Die Erzählung verfügt über keinen ausgefeilten Spannungsbogen, wie man ihn in Schreibworkshops eingebläut bekommt, auch nicht über die programmatische Held-Antiheld-Konstellation oder andere raffinierte Plottwists, bei denen der Autor seine Kreativität zur Schau stellen könnte.

Stattdessen stagnieren Ben und seine Leidensgenossen in Verhaltensmustern und Alltagstristesse. Alle Authentizität macht die Banalität und die Traurigkeit angetrunkener Halbstarker nicht automatisch unbedingt lesenswert. Was inhaltlich zuweilen dröge und wenig inspiriert erscheint, wirkt sprachlich jedoch hochpoetisch. So steht die automatisierte Wiederholung von Phrasen und periodischen Saufgelagen sinnbildlich für die Kleinstadtmonotonie, die allerhöchstens von alljährlich wiederkehrenden Kalenderhöhepunkten wie der Kirmes unterbrochen wird, welche, schrill und abgeranzt zugleich, einen Charme vergangener, besserer Zeiten verströmt, von denen man nicht genau weiß, ob sie je existierten. Im Bild des Romans gesprochen bilden die Zusammenkünfte am Teich ein harmonisches Thema, das in leicht abgeänderter Form und Varianz wiederkehrt. Der Autor ist eben auch Musiker.

Interessant wird das Buch nicht durch die Dialoge der Personen, die sich zumeist auf den platten Austausch von Nichtssagendem beschränken und rasch im Sande verlaufen. Die Figuren haben sich wenig mitzuteilen, weil nicht nur Ben im Umgang mit den anderen auf die Wahrung seiner Fassade achtet, sondern auch sein Gegenüber stets nur mit seiner Oberfläche in Erscheinung tritt. Ehrlicher, authentischer Austausch scheint nicht möglich an diesem Punkt, an dem der Jugendliche, der in seinem Selbstfindungsprozess gefangen um sich selbst kreist und andere lediglich als Projektionsfläche wahrnimmt, denen er entweder mit Anpassung oder Abgrenzung begegnen kann.

Gerade die klaffende Lücke zwischen dem, was Ben denkt und dem, was er letztlich sagt, zeigt die Unmöglichkeit auf, sich in der Realität wahrlich aufrichtig auszudrücken. Nicht einmal im Zwiegespräch mit sich selbst, da sogar die Passagen, die er in sein Tagebuch notiert, nur eine korrigierte Version seines Innenlebens abbilden: „Denn ich wusste nur, worüber ich nicht schreiben konnte: beispielsweise über den verführerischen Duft eines fremden Parfüms…“. Selbst dort regiert der Wunsch, in sich konsistent zu sein, ein klares, akzeptables Bild von sich selbst zu erschaffen. Erst mit dem Tod eines Klassenkameraden, dessen Freundschaft Ben nur im Nachhinein annehmen kann, und im Angesicht eines Gegenübers, das nur noch als Hirngespinst und Erinnerung existiert, kann ehrlicher, wenn auch rein fiktiver Austausch entstehen, da es möglich wird, ohne Konsequenzen Gefühle zuzulassen und auszusprechen.

Dem Ton des Romans merkt man die Souveränität Heidtmanns im Umgang mit Sprache und Literatur an, sodass das Buch, obwohl es ein Debütroman ist, mitnichten die Aufregung eines Erstlings ausstrahlt, sondern vielmehr die Abgeklärtheit eines gestandenen Literaten. Mancherorts droht die Sprache ins Pathetische abzudriften, jedoch können diese Passagen als Ausbrüche jugendlichen Übermuts verstanden werden, die sogleich auch vom Protagonisten selbst gebremst und in ihrem Pathos daher gebrochen werden. 

Überhaupt zeigt sich die größte Stärke des Buches vermutlich in seiner Unaufdringlichkeit und der höchst angenehmen Abwesenheit pädagogischen Anspruchs. So werden dem 14-Jährigen keine hochtrabenden philosophischen Abhandlungen aufgebürdet, ebenso wenig wie von ihm verlangt wird, dass er jede seiner Handlungen bis ins Detail analysiert. Es ist bemerkenswert, wie authentisch der nagende Zweifel der Jugend, die verschiedenen Hürden des Erwachsenwerdens, des Jemand-Werdens eingefangen werden, ohne sie wehmütig zu verklären, aber auch ohne beschämt oberlehrerhaft aus der Sicht eines aufgeklärten Erwachsenen zurückzublicken und die Regungen eines Jugendlichen unter dem Mikroskop der Moral auseinanderzunehmen.

Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde ist das Porträt eines Jugendlichen, der, hin- und hergerissen zwischen verschiedenen Rollenvorstellungen, seinen Platz in der Welt sucht. Doch der Roman ist nicht nur das, er ist das Abbild einer Lebensphase, nicht nur seiner eigenen Generation der Babyboomer, sondern jeder Generation, die in der Pubertät mit den Zwängen und Schubladen der Elterngeneration zu brechen und sich aus den Klauen der sie einpferchenden Gesellschaft zu befreien sucht. Jugend, das ist Alltag und anhaltender Ausnahmezustand zugleich. Das macht sie zu einer der größten Herausforderungen im Werdegang jedes Menschen, und zurecht zu einem der hochfrequentierten Themen der Literatur. Ein zeitloses, generationenübergreifendes Ringen um Ausdruck, Gefühl und Freiheit, das in Andreas Heidtmanns Roman eine angemessene Behandlung erfährt. 

Andreas Heidtmann: Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde
Steidl 2020
280 Seiten / 22 Euro

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