Völlig losgelöst von der Erde – Daniel Mellem: Die Erfindung des Countdowns

Von Pascal Mathéus

10, 9, 8… bis es soweit war und nur noch runtergezählt werden musste, bevor die Rakete zum Mond endlich starten konnte, hatte die Idee schon eine lange und wechselvolle Geschichte hinter sich. Wer hätte etwa gewusst, dass sie in den Nullerjahren des 20. Jahrhunderts am Flüsschen Kokel in Siebenbürgen beginnt? Daniel Mellem hebt den Raketenpionier Hermann Oberth in seinem Debütroman aus den Tiefen des Vergessens und widmet sich seinem tragischen Leben voller Visionen und Fehlschläge. 

Vordenker der Mondlandung und Wegbereiter für die V2, Träger des Bundesverdienstkreuzes und kurzzeitiges Mitglied der NPD, nüchterner Naturwissenschaftler und leidenschaftlicher Ufologe – der Physiker Daniel Mellem hat für seinen Debütroman die schillernde Figur des 1894 im siebenbürgischen Hermannstadt geborenen Hermann Oberth gewählt. Auf den Stationen seines Lebens zeichnet Mellem die Entwicklung einer faszinierenden Persönlichkeit nach, die in ihrer Ambivalenz gleichzeitig abstößt und anzieht. 

Oberth träumt von der Überwindung der Erdenschwere, wünscht sich völlig losgelöst. Doch Mellem zeigt, wie er an die höchstirdischen Umständen seiner Zeit gebunden ist. Wie sich ihm durch das Ende der K.u.K.-Monarchie plötzlich die nationale Frage stellt, wie sich Pioniergeist und Opportunismus vermischen, wenn Oberth plötzlich nicht mehr nur von der Reise zum Mond, sondern von schrecklichen Raketenwaffen träumt, die für das nationalsozialistische Deutschland zu entwickeln er für seine nationale Pflicht hält. 

Schon in seiner Kindheit wird Hermann Oberth als Einzelgänger beschrieben, der seine Tage am liebsten in einem kleinen Ruderboot auf der Kokel verbringt. Als er dabei einmal vor lauter Träumerei über Jules Vernes Von der Erde zum Mond nicht merkt, wie ein Sturm aufzieht, springt er erschrocken aus dem Boot, das immer schneller flussabwärts getrieben wird. Doch statt darüber in Panik zu geraten, macht Hermann eine erstaunliche Entdeckung, die trotz durchnässter Kleidung sogleich experimentell überprüft werden muss: Er lädt sich einige Steine in sein Boot und schleudert sie ins Wasser, um erfreut festzustellen, dass sich das Boot tatsächlich durch den Rückstoß in Bewegung setzt. So müsste es auch mit einer Rakete funktionieren! Ein wahrlich archimedischer Heureka-Moment, wie sie in den Lebensgeschichten großer Frauen und Männer seit den Tagen der antiken Biographen immer wieder topisch auftauchen. Da Daniel Mellem diese Episoden aber in ein dichtes Netz aus Erfahrungen und Erlebnissen eingliedert, die die Persönlichkeitsentwicklung Oberths beglaubigen, lässt man sich auf die Erzählweise ein. Sie wird gerade dadurch glaubhaft, dass diese Aha-Momente eben nicht zum sofortigen Durchbruch verhelfen, sondern vielmehr Motivationsschüben gleichen, die Oberths Ideenrakete den nötigen Antrieb für die langen Durststrecken gezwungener Untätigkeit oder weitestgehend fruchtloser Versuchsreihen verleihen. 

Der Roman erzählt die Geschichte Oberths linear von seiner Kindheit bis zum Start von Apollo 11, den er gemeinsam mit seiner Frau auf der Besuchertribüne von Cape Canaveral erlebte. Der Fokus liegt ganz auf der psychologischen Entwicklung Oberths und seiner Verstrickung in die jeweiligen Zeitumstände. Sein langes, bis 1989 reichendes Leben bietet dafür unzählige Anknüpfungspunkte, die Mellem in einem schlanken und eleganten Stil aufgreift, der sich ganz an die Bedürfnisse der Thematik anpasst und deshalb keine sprachlichen Kapriolen nötig hat. Die sich daraus ergebende inhaltliche Konzentriertheit des Romans macht einen seiner entschiedenen Vorzüge aus. 

Als meistens stille und vielfach leidende Begleiterin hat Mellem auch die Geschichte von Oberths Ehefrau Mathilde in Szene gesetzt. Er hat die floskelhafte Dankesredenbeteuerung von der Frau im Hintergrund, ohne die der Mann seine großartigen Leistungen niemals vollbracht hätte, mit schmerzhaftem Leben gefüllt. Hatte sie noch seine Anfänge in den 20er Jahren mit ihren Ersparnissen befördert, indem sie sie für den Druck von Oberths Buch Die Rakete zu den Planetenräumen zur Verfügung stellte, ließ er sie zum Dank dafür in den Folgejahren häufig mit den Kindern allein, mutete ihr einen Umzug nach dem anderen zu und brachte seine Familie durch seine Besessenheit nicht selten an den Rand des finanziellen Ruins. Mellem lässt Mathilde so manches mit Galgenhumor ertragen, zeigt sie aber auch in ihrer Verbitterung, von der sie sich in Amerika endlich ein Stück weit befreien kann, indem sie Hermann vor seinen Mikrowellengerichten sitzen lässt und auf Reisen geht. Nicht von ungefähr ist der letzte, sehr bewegende Satz dem Verhältnis von Hermann und Mathilde Oberth gewidmet.

In einem Interview, das ich mit Daniel Mellem führen durfte, monierte der Autor, dass bislang relativ selten Naturwissenschaftler im Zentrum von Romanen zu finden seien. Wer, wenn nicht Daniel Mellem, wäre berufen, diesem Missstand weitere Abhilfe zu schaffen, indem er in seinem nächsten Roman einen weiteren, schon fast vergessenen Wissenschaftler in den Blick nehmen würde? Im selben Interview erzählte Mellem aber auch, dass er die Wissenschaft aufgegeben habe, um als Schriftsteller von der Freiheit der potentiell unendlichen Themen und Zugangsweisen zur Welt zu profitieren. Vielleicht schreibt er deshalb einfach, was er will. Wir dürfen gespannt sein!


Daniel Mellem: Die Erfindung des Countdowns
dtv 2020
288 Seiten / 23 Euro

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