Für Heimat und Volk – Ronya Othmann: Die Sommer

Von Veit Lehmann

Ronya Othmanns autobiographischer Roman ‚Die Sommer‘ erzählt die Entwicklungsgeschichte eines deutsch-kurdischen Mädchens und überzeugt sprachlich und inhaltlich – hierin sind sich die Rezensionen einig. Doch wer hat das hervorragende Debüt der Autorin zu Ende gelesen und in seiner Radikalität erfasst? Othmanns Werk ist weit mehr als eine Mahnung, die kurdischen Jesiden und ihren Existenzkampf nicht zu vergessen, und bietet reichlich Diskussionsstoff.

„Eine Geschichte erzählt man immer vom Ende her.“ Mit Spannung war es erwartet worden, das Erstlingswerk der TAZ-Kolumnistin, die im letzten Jahr den Publikumspreis auf den Tagen der deutschsprachigen Literatur gewann. Ein beinahe sprachloses Ringen angesichts des Völkermordes an den kurdischen Jesiden, ein fast tonloses Weinen ob der Hilflosigkeit des Schreibens waren die Grundtöne ihrer damaligen Lesung. Auch Die Sommer erzählt vom Existenzkampf der Jesiden und der stets drohenden Auslöschung ihrer Orte, Kultur und Erzählungen. Dringlichkeit und Schärfe machen auch das journalistische Werk Othmanns aus.

Interessant daher, dass sich der Roman Zeit lässt und nicht mit dem Aufstand gegen Assad im Jahre 2011 beginnt, sondern etwa zehn Jahre zuvor mit den Sommern, die das junge Mädchen Leyla im Dorf ihrer kurdischen Großeltern verbringt und die sie stärker prägen werden als das restliche Jahr in einer durchschnittlichen deutschen Gemeinde nahe München. Das Dorf, das ist der Ort knorriger Olivenbäume, der selbstgegrabenen Brunnen, der Felder voller Gräben und Schlangen und vor allem der Ort der Gemeinschaft. Hier wohnen die Tanten, Onkel, Nachbarskinder, die, mal herzlich, mal kindlich grausam, Leyla in ihren Bann ziehen und die sich stets, wenn die Mittagssonne unbarmherzig auf die trockene Landschaft scheint, in einem der ebenerdigen Häuser zusammenfinden und reden, streiten und lachen. Doch die strenge Schönheit dieser Gemeinschaft täuscht nicht darüber hinweg, dass sich das Dorf in einem Kampf befindet und schon immer befand. Da gibt es den Strom, der hier regelmäßig ausfällt, doch in den arabischen Nachbardörfern nie, da gibt es die Minenfelder, die Leylas Vater noch in Deutschland auf eine Serviette zeichnen kann und da gibt es Hesso, einen Mann aus dem Dorf, der sich einen Monat lang in einer Felshöhle vor Soldaten verstecken musste und der danach nie wieder in einem Bett schlief und bis zu seinem Tode sein gesamtes Geld den armen Familien im Dorf spendete. Wer Hesso genau war und wer die Soldaten waren, die das Dorf überfielen, das berichtet das Kind Leyla nicht und so sind die Schilderungen der Sommer bruchstückhaft, asynchron, subjektiv.

„Eine Geschichte erzählt man immer vom Ende her“. Es ist Leylas Vater, der die Erinnerungen der Erzählerin Leyla mit seinen Geschichten ordnen wird und mit Zetteln, Fotos und Dokumenten belegen kann. Wieder zurück in Deutschland wird er von den Schlägen in der Schule erzählen, wenn er im Unterricht kurdisch gesprochen hatte, wird ihr die Narben von Zigarettenstummeln auf seinem Unterarm zeigen, als er auf der Flucht in türkischen Gefängnissen gefoltert wurde und er wird ihr sagen: Du darfst nie vergessen, dass du Kurdin bist. Leyla ist sich der Konstruktion von Geschichte bewusst, wenn sie sich an den netten Onkel Hussein erinnert, den sie, nachdem das Gerücht entsteht, er spioniere für das Assadregime, „ohnehin nie gemocht“ habe, und auch Othmann nutzt die Macht der Erzählung, wenn sie sich bewusst der jesidischen „oral tradition“ bedient, da es im Dorfverband keine schriftliche Überlieferung gibt.

Es wäre denn auch untertrieben, Die Sommer einen Versuch zu nennen, die jesidische Kultur mit der Schrift dem Vergessen zu entreißen. Das Erzählen selbst ist Thema des Romans. Und Othmann kann erzählen. Geschickt verwebt sie Erinnerungen mit jesidischen Kulturpraktiken, der jesidischen Religion und Dorfgeschichte und sie gerät nicht in Versuchung, Anekdotisches mit den so zahlreichen Gräueln ästhetisch zu kombinieren. Es geht Othmann nämlich nicht zuerst darum, wie u. a. im Deutschlandfunk geschrieben wurde, die Erinnerung an die jesidische Kultur und Geschichte wachzuhalten, eine Bestandsaufnahme zu liefern, sondern auf das Ende, auf ein Ziel zu zuschreiben.

Dieses Ende beginnt im zweiten Teil des Romans mit der Revolution gegen das Assad-Regime, die mit der Pubertät Leylas zusammenfällt und von dieser fast gänzlich überlagert wird. Die Sommer im Dorf sind zu gefährlich geworden und während der Vater, der die Vergangenheit stets ruhig ordnete, von den brutalen Ereignissen überwältigt wird, lebt Leyla nun eine deutsche Pubertät mit einer besten Freundin, alkoholisierten Küssen und Identitätskrise. Dass hier die Identitätssuche eines Mädchens zwischen zwei Kulturen Thema des Romans sei, ist falsch. Denn in Wahrheit gibt es gar keine deutsche Identität, die zur Wahl stünde. Das deutsche Dorf ist gesichtslos, der Garten des Vaters eine traurige Kopie des Gartens der Großeltern und Leylas deutsche Mutter taucht nur in wenigen Sätzen und dann mit dem Attribut „praktisch“ auf.

Leylas Suche nach Eigenständigkeit, ihr Wegzug von der Famile und ihr Literaturstudium schaffen es nicht, ihr Unbehagen zu beseitigen. Die eigentliche Entwicklung Leylas ist vielmehr eine innerliche Revolution, die sich Bahn bricht, als sie ihre Liebe zu Frauen akzeptiert und die sie bei Widerstand bestraft, mit Angst und Übelkeit, die sie ohne Vorankündigung überfallen. Der Krieg in Syrien und die Gräuel des IS kommen wortlos als verpixelte Handyvideos daher. An diesem Punkt der Entwicklung aber tritt die Erzählerin Othmann erstmals hörbar hervor und während der Roman für seine nüchterne Sprache gelobt wurde, sind hier nun Sätze zu lesen wie: „Das Meer war ihr fremd (…). Nur wenn man in einer Landschaft zu Hause ist, dachte sie, kann man sie benennen“. Man spürt sehr, wie schwer es war, das Wort „Heimat“ zu vermeiden.

Die Großmutter, die nach Deutschland geholt wird, sitzt verstört auf einer Matratze in der Küche und wird den Verlust ihrer Heimat nicht verkraften. „Wir hätten sie nicht hierherbringen sollen“, sagt der Vater. Auf der Beerdigung der Großmutter – und auch hier tritt Othmanns Handschrift deutlich zutage – hat Leyla ihr Schlüsselerlebnis: „Sie ging zwischen der Küche und den Hallen hin und her, als wäre sie Teil eines größeren Organismus, der immer noch funktionierte, obwohl schon so oft auseinandergerissen und zusammengesetzt“. Und das Wort Volk steht im Raum.

Eine Geschichte wird immer vom Ende her erzählt. Leyla weiß, zu wem und wohin sie gehört. Der Schluss des Romans Die Sommer ist ganz ruhig. Ein kurdischer Sänger steht im rauen Land und singt vom Krieg. „Wenn ich getötet werde, weine nicht, sang Sivan. Ich gehe in den Krieg, ich gehe in die Schlacht.“ Und Leyla versteht. „Ihre Entscheidung war längst getroffen worden, dachte sie, bloß hatte sie es nicht gewusst“. Sie steht auf und geht. Diese „wagemutige Entscheidung“, wie sie Kristina Maidt-Zinke in der Süddeutschen Zeitung nennt, ist wohl nicht nur aufgrund des Spoilervorwurfs von keiner weiteren Rezension diskutiert worden, sondern auch, weil ein ästhetisches Anschreiben gegen das Vergessen leichter zu lesen ist, als das was Die Sommer ist: ein Aufruf zum Widerstand mit aller Konsequenz. Berxwedan jiane.


Ronya Othmann: Die Sommer
Hanser 2020
288 Seiten / 22 Euro

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