„Vielleicht in friedlichen Zeiten“ – Helga Schubert: Vom Aufstehen

Von Britta Mathéus

Im Jahr 2020 erhielt Helga Schubert für ihren Text über die Beziehung zu ihrer Mutter den Ingeborg-Bachmann-Preis. Daraus entstanden ist Vom Aufstehen, eine Sammlung von Erzählungen über die Kindheit im Krieg, das Leben in der DDR, über beschädigte Familien, das Älterwerden und die Freiheit. Dieses Buch ist gleichermaßen großartige Literatur und Lebensschule.  

„Mein idealer Ort ist eine Erinnerung.“ Mit diesem Satz beginnt Helga Schuberts Erzählband Vom Aufstehen. In 26 Erzählungen beschreibt Helga Schubert das Leben zwischen den Welten, geprägt von Entwurzelung und dem Gefühl, nicht akzeptiert zu sein. Nicht von den Verwandten, zu denen sie als Kind evakuiert wird. Nicht von dem Staat, dem sie ein Dorn im Auge ist. Nicht von der Mutter, die die eigenen Bedürfnisse stets vor die ihres Kindes stellt. Nirgendwo zugehörig, wäre da nicht die Großmutter, sie und ihr Garten und die Sommerferien in der Hängematte: „So konnte ich alle Kälte überstehen. Bis heute.“

Schon die erste Episode erschafft einen Kosmos, in dem die liebste Kindheitserinnerung und die Gräuel der Diktatur einander die Hand geben, in dem alles mehrschichtig ist, und der einen Sog entwickelt, dem man sich schwerlich entziehen kann. Im Mittelpunkt dieses Sonnensystems steht die ebenso eigensinnig leuchtende wie verstörende Figur einer Mutter, die in so Vielem das Gegenteil dessen ausmacht, was man als mütterlich bezeichnen würde. Und so ist auch die Erzählung, die in besonderem Maße dem Verhältnis zu ihr gewidmet ist, das Herzstück dieses Buches, während die anderen Geschichten wie Planeten um sie kreisen.

Helga Schubert zeichnet das Bild einer Frau, die ihrer Tochter weder Erfolg noch Unabhängigkeit gönnt. Die sie missachtet und doch an sich bindet, sei es durch erzwungene Dankbarkeit oder durch auferlegtes Pflichtgefühl, und die ihr mal indirekt, mal wortwörtlich zu verstehen gibt, dass sie ihrer Tochter anlastet, ihr Leben zerstört zu haben.

Um zu betonen, wie zerrüttet die Beziehung zwischen Mutter und Kind ist, schreibt Helga Schubert von sich selbst als „Tochter ihrer Mutter“ – ein literarischer Schachzug, der seine intendierte Wirkung eindrücklich entfaltet. Eine große Bedrückung lastet auf der Einsicht, dass die literarische Bewältigung nur möglich ist, indem man sich distanziert, die eigene persönliche Betroffenheit ausklammert.

Schubert vermag es, die Verflechtungen aus persönlichem Schicksal und gesellschaftlichen Umbrüchen präzise zu erfassen. Sie legt nicht nur den Werdegang der eigenen Familie dar, sondern zugleich auch Zeugnis ab über das Schicksal tausender Familien, einer ganzen Generation Vertriebener, Kriegstraumatisierter, die zugleich Opfer und Täter mehrerer Diktaturen sind.

Die ausgebildete Psychotherapeutin beschreibt die möglichen Auswirkungen der gesellschaftlichen Strukturen und Krisen auf die Lebenswelt des Einzelnen und die soziale Struktur der Familien – da ist das ebenso typische wie niederschmetternde Narrativ einer Mutter, die glaubt, die Tochter sei ihr etwas schuldig, weil sie sie gerettet hat. Als könne das Kind etwas dafür, geboren worden zu sein. Da sind die Familien, in denen Generationen übersprungen und ersetzt werden müssen, in denen die Rollen sich verschieben oder sogar umkehren. So wird der Schwiegersohn zum Vaterersatz, die Urenkelin zur Tochter. Die Tochter selbst jedoch wird von ihrer Mutter „Mutti“ genannt, weil sie sie an die Schwiegermutter erinnert, die sie nie mochte. Und niemand bekommt vom anderen, was er eigentlich bräuchte.

Und doch, allem Mangel zum Trotz, relativiert das Verständnis stets den Vorwurf. Und das Wissen um die Ambivalenz schützt vor allzu großem Selbstmitleid. Helga Schubert wagt einen Drahtseilakt, den sie zugleich auch thematisiert: „Nichts ist klar so oder so, erfahre ich beim Schreiben oder spätestens beim Lesen.“

Das Buch erzählt also auch vom Schreiben, vom waghalsigen Versuch, sich mitzuteilen und mit der Literatur ein Gegenüber zu erreichen. Es adressiert den Weg zu sich selbst, das Älterwerden, den Abschied von Lebensversionen, die man nie gelebt hat. Wie nebenbei gelingt ihm eine so wahrhaftige wie komplexe Schilderung der Liebe. Was es bedeutet, einander über Jahre, Jahrzehnte hinweg zu lieben, komme, was wolle, und miteinander alt zu werden.

Es fällt schwer, die Erzählungen hintereinander weg zu lesen. Zu vielfältig sind die Episoden, zu geballt werden Fragen aufgeworfen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Auf seiner Reise durch die Erinnerungswelt seiner Autorin und die gesellschaftlichen Umbrüche der letzten Jahrzehnte eröffnet das Buch eine Vielzahl universeller Lebensthemen und fordert vom Leser die Zeit und den Raum, um seine volle Aussagekraft zu entfalten.

Vom Leben und dem Sterben über die Religiosität bis zur Gesellschaftskritik – Helga Schubert streift in ihren Erzählungen eine Fülle von existenziellen Fragen. Und in jeder dieser Fragen schwingt ein Oberthema mit, das aufgrund von Schuberts Lebensweg nur allzu gut verständlich ist: die Freiheit. Ihre Notwendigkeit, ihr unermesslicher Wert, der erst so richtig bewusst wird, wenn es an ihr mangelt. Vom Aufstehen erinnert daran, wie jede Generation aufs Neue für sie eintreten muss: „Vielleicht befragen uns bald unsere Enkel kritisch […], bringen eine neue gefährliche besserwisserische Utopie hervor.“ Es beschreibt eindrücklich die Ohnmacht, die sich ausbreitet, wenn man unfrei ist, wenn man ausgeliefert ist – der dominanten Mutter, dem Staat, den Grenzen des eigenen Horizonts und letztlich der eigenen Endlichkeit.

Helga Schubert baut eine Brücke zwischen Vernunft und Emotion ebenso wie die Verbindung von Individuum und Gesellschaft. Und erschafft damit ein Kunstwerk.

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Helga Schubert: Vom Aufstehen
DTV 2021
224 Seiten / 22 Euro

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Foto: ddimtrova / pixabay.com

3 Kommentare zu „„Vielleicht in friedlichen Zeiten“ – Helga Schubert: Vom Aufstehen

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