Braucht das Lesen einen Ort? – Literatur und Buchhandel im digitalen Raum

Von Susanne Bader und Pascal Mathéus

Die Literatur und das Lesen verändern sich im digitalen Zeitalter. Einen weiteren Schub haben diese Entwicklungen durch die Corona-Pandemie erfahren. Dank Online-Lesungen und Internethandel ist die Literatur zunehmend weniger auf reale Orte angewiesen. Was ändert sich dadurch? Eine Annäherung über die Literatur dieses Frühjahrs.

Nicht erst seit der Pandemie stellt sich die Frage, inwiefern das Lesen und die Literatur an Orte gebunden ist. E-Books und Online-Versandhandel sind eine Herausforderung für das gedruckte Buch und den stationären Buchhandel. Wie die Entwicklung weitergeht, ist noch nicht abzusehen. Während der Verkauf von E-Books auf relativ niedrigem Niveau zu stagnieren scheint, bedroht der Marktriese Amazon mit seinen schnellen Lieferzeiten und versandfreien Angeboten die Buchhandlungen in den Innenstädten und Stadtvierteln. Für gebrauchte Bücher hat sich seit neuestem Momox als wichtiger Mitbewerber nicht nur für Antiquariate etabliert. Die Möglichkeiten der digitalen Plattformen sind den wirklichen Orten in mancher Hinsicht überlegen und stellen durch ihren ökonomischen Erfolg letztlich sogar deren Existenz in Frage.

Nicht erst seit der Pandemie, aber in den letzten Monaten noch stärker als ohnehin schon, ist auch das Gespräch über Literatur ins Internet verlegt worden. Die Buchmessen in Leipzig und Frankfurt fielen aus und wurden durch ein digitales Ersatzprogramm ersetzt, Lesungen und Literaturwettbewerbe fanden online statt, der Austausch über Blogs, BookstagramTwitter und Facebook nahm weiter an Fahrt auf.

Was geht verloren, wenn der Buchhandel und das Gespräch über Bücher ins Netz abwandern? Gibt es in diesem Prozess mehr zu verlieren oder mehr zu gewinnen? Braucht das Lesen einen Ort? Und wie müsste ein solcher aussehen? Diesen Fragen wollen wir – eine Buchhändlerin und ein Literaturblogger – über die Literatur selbst auf die Spur kommen. 

* * *

Welche Rolle spielt eigentlich der Schauplatz eines Romans? Braucht große Literatur große Städte und klangvolle Orte als Schauplatz? Tatsächlich hätte wohl niemand von uns Schwierigkeiten, Romane zu nennen, die in Berlin, Paris oder New York spielten. Nicht selten ist aber auch die Provinz zum Handlungsort von guten Büchern geworden. Man denke an Thomas Manns Buddenbrooks, die in der kleinen Stadt Lübeck ihren Geschäften nachgingen, oder an Robert Seethalers Erfolgsroman Ein ganzes Leben, der in einem Tal im österreichischen Niemandsland spielt. Arno Schmidt, der große Einsiedler und Querkopf der Nachkriegsliteratur, schrieb 1960 gar einen Roman mit dem Titel Kaff auch Mare Crisium, der sich auf ein fiktives Dorf in der Lüneburger Heide bezog. Und erst letztes Jahr erschien ein viel beachtetes Buch von Christoph Peters mit dem schlichten Titel Dorfroman.

Welche Rolle spielt der Schauplatz für ein Buch? Macht es einen Unterschied, ob es in einer Millionenmetropole, einer Kleinstadt oder in einem winzigen Dorf spielt? Oder zeigen sich doch in allen Fällen dieselben menschlichen Regungen, Schwächen, Leidenschaften und Wünsche jeweils nur vor einem anderen, im Grund gleichgültigen Hintergrund? 

Die Stadt Freiburg, in der wir leben, ist in der Weltliteratur bisher nicht wahnsinnig häufig vorgekommen. Es gibt hier kein Casino wie in Baden-Baden, wo Dostojewski das Schicksal seines Spielers in Szene gesetzt hat. Keine berühmte Klosterschule findet sich hier, die einem Roman über Pädagogik den Schauplatz bieten könnte, wie die Lehranstalt im Kloster Maulbronn in Hermann Hesses Unterm Rad. Und auch das Klima ist in Freiburg erträglicher als im berüchtigten Kessel von Stuttgart, in dessen brodelnder Atmosphäre Martin Walser seinen Aufsteigerroman Ehen in Philippsburg verortet hat, in dem der angehende Journalist Hans Beumann eine vom Wirtschaftswunder in Atem gehaltene Stadt nahe am Hitzekollaps zu erobern versucht.

Was hätte dagegen Freiburg zu bieten? Was könnte die Stadt literaturtauglich, zu einem Ort der Literatur machen? 

Alles ist voller Franzosen.
Ich gehe durch die Innenstadt am Samstagvormittag,
normalerweise gehört sie da den Fremden,
und die Einheimischen halten sich fern.

Daniela Engist, Lichte Horizonte

Einen aufregenden Versuch in diese Richtung hat jüngst die in Freiburg lebende Schriftstellerin Daniela Engist unternommen. In ihrem zweiten Roman Lichte Horizonte geht es um eine gleichfalls in Freiburg lebende Schriftstellerin namens Anne, die durch die Bekanntschaft mit dem elsässischen Chansonnier Stéphane auf die Sackgasse gestoßen wird, in der sich ihre Ehe befindet. Diese Begegnung bringt sie dazu, über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit eines gelingenden Lebens, vor allem aber einer gelungenen Liebesbeziehung nachzudenken. Was als Stoff auch in einem Groschenroman vorkommen könnte, wird erst durch seine literarische Bearbeitung und durch die intelligenten Überlegungen von Engists Erzählerin interessant. Die Autorin hat die Träume und Enttäuschungen von Anne in ein kunstvolles Geflecht von Erinnerungen und Aufzeichnungen verknotet, indem sich Realität und Fiktion überlagern, gegenseitig ins Wort fallen und Wunschvorstellungen stets auf ihre Kompatibilität mit dem echten Leben geprüft werden. 

Es sind zunächst die Gedanken und Beschreibungen zu den Möglichkeiten der Liebe in Zeiten der Omnipräsenz des Digitalen, die Lichte Horizonte zu einem mitreißenden Roman machen. Nicht nur die E-Mails, die Anne und Stéphane miteinander austauschen, unterscheiden sich von den guten alten Liebesbriefen, auf die oft lange gewartet werden musste. Anne wird dagegen bereits nach wenigen Tagen unruhig. Und wenn eine Nachricht von Stéphane zu irgendeiner Tag- oder Nachtzeit kommt, reißt sie das regelmäßig aus dem Alltag heraus. 

Auch ihre Recherchen zur eigenen Vergangenheit bedienen sich des Internets: Via Google lassen sich die späteren Werdegänge verflossener Liebschaften mühelos verfolgen. Schließlich nimmt sie auch die Facebook-Seite von Stéphane genau unter die Lupe und stellt mit Argwohn fest, dass die ersten Reaktionen, die Likes und Kommentare auf Stéphanes neue Beiträge stets von einer Frau stammen, die auf ihrem Profilbild einen zwar sehr kurzen Rock, dafür aber Schuhe mit umso höheren Absätzen trägt. In den unendlichen Weiten des digitalen Raums wird die Gegenwart potenziert durch die ständige Erreichbarkeit, die Vergangenheit ist immer nur einen Mausklick entfernt und Lebensgeschichten lassen sich anhand von Social-Media-Profilen beinahe lückenlos rekonstruieren. Ein gefährlicher Ort, dieses Internet. Und doch kein Raum für echte Emotionen und leidenschaftliche menschliche Begegnung. Dies scheint zumindest Anne zu denken, wenn Engist sie einmal aussprechen lässt: „Ich wünschte, man könnte eine Website mit einem Knall zuwerfen wie eine Tür!“

Doch der Roman hat noch mehr zu bieten als diese Reflexionen über das Internet. Wenn Engist etwa von dem guten alten Kunstgriff der unzuverlässigen Erzählerin Gebrauch macht, hat das auch etwas mit unserem Thema zu tun: Bereits auf der ersten Seite des Romans wird nämlich die Stadt Freiburg als eine „Grenzregion ohne sichtbare Grenzen“ beschrieben, in der „das Gefühl der Freiheit“ vorherrsche. Wird man ihr dabei noch mehr oder weniger folgen können, merkt jedoch jeder auf, der schon mal einen Roman gelesen hat, spätestens als der Satz fällt, „Ich kenne niemanden, der von hier weg will“. So viel Idylle macht misstrauisch: Kann es wirklich so schön sein? 

Im Laufe des Romans, der in seinem ersten Teil zwischen Kolbenkaffee, Universität und Studentenwohnung im Seepark situiert ist, flieht die Erzählerin erst in die Erinnerung und ihren Studienaufenthalt in London, während sie später Reißaus nimmt ins Ferienhaus ihrer Freundin in der Bretagne – ins Finisterre, das viel beschworene Ende der Welt, wahrhaftig ein besonderer Ort, ein Nichtort beinahe, der vom Rest des Globus’ entkoppelt ist und dabei fast schon so etwas wie ein Phantasiegebilde darstellt. 

Die konkreten Orte der Handlung befinden sich jeweils in Wechselwirkung mit jenen idealen Orten, an die sich Anne in ihren mit Stéphane ausgetauschten E-Mails träumt. In London hätte Anne gerne ihren damaligen Freund Friedrich die Stadt durch ihre Augen sehen lassen, doch beim Wiedersehen nach mehreren Monaten räumlicher Trennung hatte sich der ohnehin schon immer bestehende Spalt endgültig als unüberbrückbar erwiesen. In der Bretagne hofft sie nun auf die bessere Liebe – auch wenn sie an die große nicht mehr glaubt –, von der sie sich wünscht, dass sie mit Stéphane ankommen würde. Doch natürlich bleiben Zweifel. So schreibt Anne einmal über eine Nachricht von Stéphane: „Er schreibt und beschreibt mich und sich und diesen gedachten Ort, an dem nur wir sind, der nur in uns und durch uns existiert.“ 

Kann es sein, das in der Literatur sehr viel häufiger von solchen Orten die Rede ist als von wirklich existenten? Und ist es nicht gerade dieses Über-die-Realität-hinaus-Gehen, das ihren Reiz ausmacht, in dem die ihr eigenen Potentiale zu suchen sind? Literatur befasst sich eben im Gegensatz zum Journalismus oder zum Sachbuch mit Utopien, im Wortsinn mit Nicht-Orten, die den Raum der Imagination öffnen und uns Auskunft über diejenigen Schichten menschlichen Bewusstseins liefern, die im alltäglichen Betrieb und vor allem in der bloß dahin geredeten Sprache des Alltags verborgen bleiben. 

Deswegen ist es am Ende wirklich egal, ob ein Roman in Berlin spielt, in Freiburg, im brandenburgischen Unterleuten oder sonst irgendeinem namenlosen Kaff am Rande der bewohnten Welt. Wichtiger als die Orte sind die Menschen und ihre Vorstellungen vom idealen Ort, den es so, wie er in der Literatur vorkommt niemals irgendwo gegeben hat.

* * *

Auch – und schon gar nicht – im real existierenden Sozialismus. Im real existierenden Sozialismus gab es zum Beispiel den Ort Klagenfurt nicht. 1980 war Helga Schubert als eine der bekanntesten Schriftstellerinnen der DDR zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb eingeladen worden. Aber sie durfte dazu nicht nach Österreich und die Stadt Klagenfurt ausreisen, den Ort des Lesens also nicht besuchen. Für die damalige DDR existierte nämlich keine gesamtdeutsche Literatur, nur westdeutsche und die der DDR. Zudem galt Marcel Reich-Ranicki als Vorsitzender der Jury als Antikommunist und war damit untragbar.

Braucht das Lesen einen Ort? Und wo für den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, wenn nicht in Klagenfurt, kann dieser Ort sein? Längst standen für das Jahr 2020, wir springen also 40 Jahre nach vorn, alle Eingeladenen fest, längst waren die Vorbereitungen im Gang. Alles wurde abgesagt. Eingeladen worden war dazu wieder die inzwischen 80jährige Helga Schubert, die älteste Autorin, die jemals teilgenommen hat. Das war außergewöhnlich. Der Ort war jetzt zwar existent, dem real-existierenden Sozialismus längst die Luft ausgegangen, aber Klagenfurt hatte als wirklicher Leseort keine Funktion mehr. Die Pandemie grätschte dazwischen, alles wurde abgesagt. Nach heftigen Protesten gegen die Absage wurde der Bachmann-Wettbewerb ins Netz verlegt. 

Das Lesen von Helga Schubert selbst jedoch hatte seinen wunderschönen Ort gefunden, denn die Autorin saß dazu in ihrem Garten, irgendwo weit weg, weit im Nordosten, in Mecklenburg-Vorpommern. Diese Bilder, begleitet von den Geräuschen der Natur und der Säge des Nachbarn – entfernt zu hören –, sie hafteten im Gedächtnis und waren wunderschön. Und dann erhielt Helga Schubert den Ingeborg-Bachmann-Preis. Das kam einer kleinen Sensation gleich.

Helga Schubert selbst empfand ihre Auszeichnung von 2020 als einen Sieg der Literatur. Obwohl sie wieder nicht nach Klagenfurt reisen durfte, vermochte es – wenn man einmal so pathetisch sprechen dürfte – die Kraft der Literatur (und die technischen Möglichkeiten von Videochats und -übertragungen), dass eine alte Ungerechtigkeit wieder gut gemacht werden konnte. 

Helga Schubert liest beim Bachmann-Wettbewerb 2020 / Quelle: ORF

Doch ist dies nun ein Beweis dafür, dass das Lesen nicht auf Orte angewiesen ist? Vorsicht. Der Bachmannwettbewerb 2020 zeigte, dass das Lesen und das Leben von Helga Schubert auf eindrucksvolle Weise an Orte gebunden sind, dass ihre vom eigenen Leben gespeiste Literatur von dort aus ihre besondere Präsenz entfaltetet. In ihrem Buch Vom Aufstehen kommt die Autorin immer wieder auf ihren Garten und auf andere Gärten, die in ihrer Vergangenheit eine Rolle gespielt haben, zu sprechen. 

Die Kraft der Literatur ist in den 29 Geschichten dieses Buches, die ein ganzes Leben zusammenfassen, in jeder der Geschichten präsent. Helga Schubert erzählt von unbeschwerten Sommern als Kind bei den Großeltern, schreibt vom Vater, der 1941 an der Wolga kurz vor Moskau von einer Handgranate zerrissen wurde und den sie nie kennengelernt hat (sie wurde fünf Monate danach geboren), sie schildert das höchst komplizierte Verhältnis zur Mutter, die eine äußerst eigenwillige Frau war. All das umfasst die Autorin in diesen Geschichten und geht dabei mit wachem und kritischem Blick in klarer und schöner Sprache weit über das Erinnern an das eigene Ich hinaus. Von einem Leben, von Orten, von einem Land, das einmal zwei war, von der Welt liest man in diesem Buch, einmal, zweimal und immer wieder. 

Und auch in diesem Buch geht es – welch erstaunliche Ironie – wieder um den idealen Ort:

„Mein idealer Ort ist eine Erinnerung. An das Aufwachen nach dem Mittagsschlaf in der Hängematte im Garten meiner Großmutter und ihres Freundes (mein alter Freund, sagte sie) in der Greifswalder Obstbausiedlung am ersten Tag der Sommerferien. Immer am ersten Tag der langen wunderbaren Sommerferien. Neben mich auf einen extra dorthin geschleppten Holztisch hatte dann ihr alter Freund (er war vor und im Zweiten Weltkrieg Chef der Konsumbäckerei, und seine Frau hatte sich vor dem Einmarsch der Roten Armee erhängt) ein großes Stück warmen Streuselkuchen auf einen Porzellanteller gelegt, den er zu meiner Begrüßung gebacken hatte. Wie immer am ersten Tag meiner Sommerferien. […] Später, nach dem Mittagessen, wusch meine Großmutter alles gleich ab, ich dagegen musste nicht abtrocknen, sondern durfte mich in die Hängematte legen und lesen, bis ich einschlief und wieder aufwachte: Am gedeckten Kaffeetisch. Bis zum Ende des Sommers. So konnte ich alle Kälte überleben. Jeden Tag. Bis heute.“

Orte in der Erinnerung, gestützt auf Phantasie und ein gutes Gefühl. Das Lesen, die Literatur braucht solche Orte nicht. Sie schafft sie überhaupt erst. Als Gegenwelten, Ausweitung des Möglichkeitshorizontes, zur Verzauberung der Welt oder als Zielvorstellungen einer sich wandelnden Gesellschaft. 

Und dennoch konkretisiert sich lebendiger Lebensvollzug vor Ort. Das hat man übrigens auch am diesjährigen Bachmannpreis gesehen, bei dem dieses Mal wenigstens die Jury wieder vollzählig in Klagenfurt zusammenkommen konnte. Die Diskussionen waren viel lebendiger, viel dialogischer, viel gehaltreicher als im letzten Jahr, als sich einzelne Jurymitglieder durch die unvermeidliche Latenz unabsichtlich ins Wort fielen, längere Wartezeiten unumgänglich waren und Spontaneität verloren ging. Und auch wenn die Möglichkeit, die Jury bei ihren Debatten via Livestream oder 3sat-Fernsehprogramm beobachten zu können, für einiges entschädigte, werden im nächsten Jahr hoffentlich auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer und nicht zuletzt die Zuschauer wieder nach Klagenfurt reisen, um die Stadt am Wörthersee für ein langes Wochenende zum Hauptort der deutschsprachigen Literatur zu machen.

* * *

Vor der Pandemie kannten wir, die wir, anders als dies lange Zeit für Helga Schubert galt, in einem demokratischen Staat leben, eigentlich keine Beschränkungen unserer Bewegungsfreiheit. Und auf einmal war diese Freiheit nicht mehr da. Ferienlektüre, Reiselektüre verloren an Bedeutung. Und die Buchhandlungen, in denen man sich hätte beraten lassen können, wenn das Reisen denn möglich gewesen wäre, mussten des Lockdowns wegen schließen. 

In den vielen Monaten der Pandemie mussten wir zuhause bleiben. Wir waren auf uns zurückgeworfen. Unser Leben fand, zumal wenn im Home-Office gearbeitet wurde, fast ausschließlich in der Wohnung statt. Wie hat sich die Literatur als Möglichkeit der Kompensation und des Reisens im Kopf bewährt? Kann die Literatur einen Ersatz bieten? 

Bejahen möchte man diese Frage mit Blick auf das neue Buch von Eckhart Nickel. Während Helga Schubert und ihren Landsleuten das Reisen lange verwehrt blieb, hat der 1966 in Frankfurt am Main geborene Nickel seit seiner Jugend reichlich von seiner Reisefreiheit Gebrauch gemacht. In Von unterwegs knüpft er nun an die großen Reiseschriftsteller des 19. und 20. Jahrhunderts an, die als Gentlemen und -women die entlegensten Winkel der Erde erkundeten, um zu Hause von den dortigen Wundern zu berichten – seien es landschaftlicher Sensationen oder fremdartige Sitten. Dank ihrer Schriften – Nickel erwähnt besonders häufig Bruce Chatwin, der in einem seiner Bücher etwa die rätselhafte Schönheit Patagoniens beschrieben hat –, konnten tausende Leser imaginär an Orte reisen, zu denen sie sonst niemals Zugang gehabt hätten. 

Und heute? Nickel schreibt: „Wer mit Fernseher und Internet aufgewachsen ist, wurde, anders als die meisten Reisenden im 20. Jahrhundert, bereits mit einem überbordenden Repertoire an bewegten Bildern von den letzten Enden der Welt ausgestattet. Wir kennen jeden Winkel der Erde als Foto, als Film oder aus dem World Wide Web, via Google Earth oder GPS, und haben eine Elementartugend verloren: die Fähigkeit, uns auf etwas einzulassen und ein Gefühl der Überraschung zu erfahren.“ Anders als die literarischen Beschreibungen von Reisen scheinen die „bewegten Bilder“, aber vor allem die buchstäblich lückenlose Kartierung und Systematisierung jeder Weltgegend durch Online-Karten, durch zigtausende Urlaubsbilder auf Facebook und Instagram und die Bewertung jedes Hotels, jedes Restaurants und jeder Wanderung auf den entsprechenden Internetportalen die lebendige Imagination der Reisenden vollends zerstört zu haben. Nickels Rat, um dem entgegenzuwirken: „Löschen. Vergessen. Den Zähler wieder auf null stellen.“ Erst dann eröffnet sich die Möglichkeit, wirklich etwas Neues zu sehen, echte Begegnungen zu erleben. 

Denn darauf kommt es letztlich an. Laut Nickel liegt der Reiz des Reisens darin, jenseits der Verschiedenheit, die es auszuhalten, ja als Bereicherung zu verstehen gilt, sich selbst in den anderen, den „fremden“ Menschen zu erkennen: „Das Vermögen, auch in den seltsamsten Gebräuchen und Sitten, die man vorfindet, ein Gleiches im Menschen zu entdecken, die gemeinsame Wurzel.“ Dieser Erfahrung – man könnte von einer Urerfahrung sprechen –, überträgt sich durch das Internet nicht. Nickel schreibt: „Durch das Internet besitzen wir zwar die Möglichkeit, mit Menschen in Kontakt zu stehen, die sich am anderen Ende der Welt befinden. Doch die Nähe ist nur scheinbar. Das verlockende Gefühl, die Welt an einem Bildschirm umsegeln zu können, ersetzt die alten Mythen nicht.“ Dabei hat Nickel existenzielle Erlebnisse im Blick: Die Gefahr, in der der Mensch spürt, dass er der Natur trotz Business Class und Senator Lounge, die all ihren Komfort auffahren, damit er eben genau dies vergisst, am Ende doch einigermaßen schutzlos ausgeliefert ist. 

Wer dieses weiß, wird anders reisen. Auch in dem Bewusstsein, zu einer äußerst privilegierten Klasse zu gehören, die sich den Luxus erlauben kann, die Welt touristisch zu entdecken, wird sich eine größere Demut einstellen. Diese Demut befähigt Nickel dazu, eine ICE-Reise von Frankfurt nach Berlin mit der gleichen Faszination zu erleben, zu beobachten und zu beschreiben wie eine Bahnfahrt durch ganz Kanada von der Ostküste in den Westen im legendären Fernzug The Canadian. Die Mitreisenden, deren Sitten in beiden Fällen nicht weniger eigenartig sind als die eines im landläufigen Sinne „fremden Volkes“, bieten Anschauungsmaterial genug. Hinzu kommen ihre Geschichten, die Landschaften mit ihren Mythen und Traditionen, die Tiere und ihre Symbolkraft.

ICE verlässt den Bahnhof / Foto: MichaelGaida (pixabay.com)

Wir leben in einer repräsentativen Demokratie. Gäbe es so etwas, wie repräsentativen Tourismus, in dem ein Abgeordneter für uns die Strapazen des Reisens auf sich nähme, um uns dann von den sich daraus ergebenden Glücksmomenten zu berichten, man müsste zur Wahl von Eckhart Nickel aufrufen. Wer einen Ort zum Lesen hat, braucht vielleicht nicht jeden Ort auf der Welt persönlich aufzusuchen. Unter Umständen gibt es durch die Literatur die Möglichkeit zur intensiveren Begegnung mit einem Ort im heimischen Lesesessel, auf einer Bank im Park oder im eigenen Garten.

Man muss nicht so pessimistisch sein, wie Jens Jessen, der neulich in der ZEIT folgendes über das Reisen nach der Pandemie schrieb: „Ob Erwachsene in einem Jahr oder im nächsten oder nie mehr nach Thailand oder Ruhpolding fahren, ist weitgehend egal, jedenfalls für ihre geistige Entwicklung. Sie ist abgeschlossen, wenn nicht erloschen.“ Nein, so wenig Zutrauen in unser aller Fähigkeit zur Weiterentwicklung brauchen wir nicht zu haben. Jedoch werden wir uns auch in der Zeit nach der Pandemie vielleicht bei mancher Reise zweimal überlegen, ob sie wirklich nötig ist und halten wird, was sie verspricht. Stattdessen sollte die Literatur unser Anlaufpunkt für Reisen im Kopf bleiben, ja wieder viel stärker dazu werden. Sie ist Tripadvisor und Google Maps und Instagram haushoch überlegen und ermöglicht manchen Geistesblitz, der uns auf unseren eigenen Reisen vor lauter Freizeitstress und Schlemmerbuffets vielleicht entgangen wäre.

* * *

Welche Erkenntnisse liefert dieser kurze Streifzug durch drei Neuerscheinungen des literarischen Frühjahrs 2021? Zwar braucht das Lesen einen Ort, der Konzentration ermöglicht, jedoch nicht die Literatur. Sie erscheint als das Medium, das ideale Orte imaginiert, grenzenlos verbindet und die Fremde aufschließt. Sprechen kann man über die Erlebnisse und Erkenntnisse, die aus der Konfrontation mit Büchern entstehen, sicher auch im Netz. Wenn man dort einen „Ort“ finden sollte, in dem konzentrierter Austausch nicht durch marktschreierische Gebärde, angemaßte Expertise oder bloße Geltungssucht verhindert wird. Doch wo findet man die Bücher, die zu solch einem Dialog inspirieren?  

Gute Literatur, die sich lohnt und die zu Ihnen passt, dabei bleibt es, finden Sie in Ihrer Buchhandlung vor Ort. Sie finden sie nicht im Internet auf Amazon oder bei anderen Großhändlern, bei denen der Algorithmus die persönliche Beratung ersetzt. Der Algorithmus interessiert sich weder für Themen noch für Gedanken. Er hat sie und die Bücher in ein festes Raster eingeordnet, aus dem nach dem immer gleichen Muster „Empfehlungen“ generiert werden. Nicht nur, dass Sie sich so im Kreis drehen. Oft sind es auch ganz zufällig, abstruse Verbindungen, die den Algorithmus glauben machen, Sie könnten ein bestimmtes Buch lesen wollen. 

Die Buchhandlung dagegen stellen wir uns idealerweise nicht nur als einen Ort vor, an dem Sie persönlich beraten werden. Sie könnte auch der Ort des persönlichen Gesprächs sein, an dem über Gelesenes und Gedachtes diskutiert wird. Anders als im Netz, wo heute jeden Tag Diskussionen um Politik und Gesellschaft, aber auch um Literatur eskalieren, kann an einem Ort des Lesens und Denkens persönlicher Austausch in einem geschützten Raum relativer Intimität gepflegt werden. Von Angesicht zu Angesicht brauchen wir nicht die vielen Rollen, die wir laut Jia Tolentino, einer für den New Yorker schreibenden jungen Bloggerin und Essayistin, im Internet permanent gleichzeitig mimen. Sie schreibt in ihrem Essayband Trick Mirror: „Menschen, die ein öffentliches Internetprofil pflegen, erschaffen ein Selbst, das gleichzeitig von ihrer Mutter, ihrem Vorgesetzten, ihren potenziellen zukünftigen Vorgesetzten, ihrem elfjährigen Neffen, ihren ehemaligen und zukünftigen Sexualpartner*innen, Verwandten, die ihre Meinungen verabscheuen, sowie jeder und jedem, die oder den es aus irgendeinem Grund interessiert, gesehen werden kann.“

So viele Menschen, bzw. so viele Internetprofile, die es ebenfalls jedem recht machen wollen – da ist es kein Wunder, dass sich sehr schnell jemand auf den Schlips getreten fühlt. Offener Austausch ist in einer solch neurotischen Atmosphäre oft nicht möglich. 

Anders wäre es in der idealen Buchhandlung. Hier trifft man im besten Fall auf einen unverzichtbaren Typus, dessen Funktion Eckhart Nickel in Von unterwegs in seinem Text über die schönsten Buchhandlungen der Welt wie folgt charakterisiert: „Zwischen Buch und Mensch steht der Maître de Plaisir jener Leidenschaft: der belesene Buchhändler.“ Die Angehörigen dieser vom Aussterben bedrohten Spezies zeichnen sich laut Nickel durch folgende Eigenschaften aus: „Sie kennen die Welt der Literatur wie kein eingebildeter Kritiker sonst und achtem vor allem darauf, die Bücher, die sie selbst schätzen und interessant finden, vorrätig zu haben – nicht das, was ihnen der Markt diktiert.“ Während sich hinter der elektronisch generierten „Empfehlung“ des Algorithmus‘ nur kaltes Kalkül verbirgt, tritt ihnen jener „Maître de Plaisir“ mit seiner durch Liebe und Kenntnis gewachsene Urteilskraft von Mensch zu Mensch entgegen. Sind nicht ohnehin die Menschen viel wichtiger als die Orte? Die entscheidende Frage müsste lauten: An welchen Orten treffe ich auf Menschen, mit denen es sich lohnt, in den Austausch zu treten.

Die ideale Buchhandlung sollte ein solcher Ort sein. Ein Ort, an dem wir Austausch pflegen, diskutieren und vielleicht sogar streiten, aber stets mit Respekt und mit einem wachen Interesse für die Menschen, mit denen wir zusammenleben, für die Stadt, in der wir wohnen und einer von der Literatur geweckten Neugier für die ganze Welt.

Irgendwann ist dieser ganze Seuchenspuk hoffentlich vorbei. Wir werden nicht einfach dort anknüpfen können, wo wir vor Covid 19 aufgehört haben. Wir werden gelernt haben, Dinge ins Netz zu verlagern, dann, wenn es Sinn macht und uns als sozialem Wesen nicht schadet. Wir werden gelernt haben, dass es nie nur das Eine, sondern fast immer auch ein Anderes gibt. Lesen, Bücher, Begegnungen: Ja, sie brauchen einen Ort. Der kann und wird, wahrscheinlich zunehmend, weiter im Netz sein. Aber das Netz kann und wird Orte des Zusammenkommens, des persönlichen Gesprächs, des Empfehlens von Büchern, des Auseinandersetzens, gar des Streitens über deren Inhalte nicht überflüssig machen können. 

* * *

Susanne Bader ist Geschäftsführerin der Freiburger Buchhandlung zum Wetzstein.
Aufklappen hat sie 2020 ein Interview über die Zukunft des Buchhandels gegeben.

Wir suchen nach dem zukünftigen Ort des Lesens zwischen Freiburger Altstadt und dem digitalen Raum. Hierzu haben die Buchhandlung zum Wetzstein und Aufklappen eine Kooperation beschlossen. Zukünftig wird am Ende jeder Aufklappen-Rezension ein Link zum Online-Shop des Wetzsteins zu finden sein, wo sich das jeweilige Buch erwerben lässt. Umgekehrt werden Aufklappen-Rezensionen immer wieder in der Buchhandlung präsent sein.




Daniela Engist: Lichte Horizonte
Edition Klöpfer 2021
208 Seiten / 20 Euro

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Eckhart Nickel: Von unterwegs
Piper 2021
288 Seiten / 20 Euro

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Zum Weiterlesen:


Helga Schubert: Vom Aufstehen
DTV 2021
224 Seiten / 22 Euro

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Jia Tolentino: Trick Mirror
S. Fischer 2021
368 Seiten / 22 Euro

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Foto: Susanne Bader

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