Erinnerungsauslösendes Moment – Daniela Engist: Lichte Horizonte

Von Lea Katharina Kasper

Die Begegnung von Schriftstellerin Anne mit Stéphane, einem französischen Chansonnier, ist für Anne das erinnerungsauslösende Moment, das Daniela Engist zum Ausgangspunkt ihres neuen Romans ‚Lichte Horizonte‘ macht. Darin beschreibt die Autorin nicht nur, was mit Erinnerungen passieren kann, sie geht weiter und schreibt darüber, wie dadurch Geschichten entstehen und wieviel von der Autorin in diesen zu finden ist.

Die Geschichte, welche Daniela Engist in ihrem zweiten Roman erzählt, ist ziemlich unspektakulär und ein schon viel besprochenes Thema in Film, Musik und Literatur. Anne, ungefähr vierzigjährig, zwei Kinder, seit zwanzig Jahren mit dem Banker Alexander verheiratet, seit neuestem Romanautorin, drückt sich um ihren zweiten Roman herum. Bei einem Musik- und Literaturfestival lernt sie Stéphane kennen, tauscht semi-erotische E-Mails mit ihm aus, erinnert sich an ihre vergangenen Lieben und die Bedeutung dieser für ihr gegenwertiges Leben. Diese erinnerungsstiftende Begegnung ist der Stimulus, den Anne braucht. 

Anne will sich erinnern, vermag es aber nicht immer. Sie sucht Erinnerungsstücke zusammen, liest in ihren Tagebüchern, nur um dann festzustellen, dass nicht alles so war, wie sie es in Erinnerung hatte. Und dennoch prägen diese Erinnerungen ihre heutige Existenz. Das Unbehagen der ersten Seiten, ein Buch über verflossene Romanzen, verpasste Chancen einer in Erinnerungen schwelgenden und in Versuchung geführten Protagonistin zu lesen, ist aber schnell überwunden. Daniela Engist geht weiter, vielleicht etwas zu weit, wenn sie „Grenzregionen ohne sichtbare Grenzen“, in ihrem Roman beschreibt.

Die Geschichte von Anne ist das Gefäß, in dem die Autorin zwei Themen bespricht, diese jedoch um die Aufmerksamkeit der Leserin konkurrieren lässt. Es geht um Erinnerungen, erinnerungsauslösende Momente und darum, was ihre Bedeutung für den Prozess des Schreibens sind. Wie die Autorin selbst in einem Interview sagt: „um den Prozess, in dem Kacheln zerschlagen und dann wieder zusammengesetzt werden, um etwas Neues zu schaffen“. Diese Kacheln sind der Autorin eigen, es sind ihre Erinnerungen, nicht aber zu verwechseln mit Erlebtem oder Tatsächlichem. Dies ist das zweite Thema, das Engist in ihrem Roman bespricht – wieviel Autorin steckt in ihrem Roman oder in Annes Roman oder überhaupt in Romanen? 

Die Sprache ist unmittelbar, klar und lässt der Leserin Raum, ihre eigenen Gedanken zu fassen, zu ordnen und sich zu erinnern. Dennoch werden die zwei Themen dieses Romans nicht hinreichend miteinander verbunden oder lassen sich gegenseitig nicht genügend Platz. Man wird dazu angestiftet, seinen eigenen Erinnerungen, Gedanken und der Bedeutung dieser für das Jetzt nachzugehen, um dann immer wieder von der Frage unterbrochen zu werden, was nun wahr und was unwahr ist. Das Spiel, das Engist mit ihrer Leserschaft treibt, ist bekannt und weckt den wohl urmenschlichen Drang nach Erklärung und Wahrheit und dem mächtigen Gefühl, wenn er glaubt, diese gefunden zu haben. Doch es ist, wie die Autorin selber sagt, eine falsche Fährte, wenn man glaubt, man könnte Autoren in ihren Büchern finden. Damit sollte dieses Thema abgeschlossen sein – wenn sie jedoch im Anschluss Max Frisch zitiert: „Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand“, ist das Verwirrspiel wiederum perfekt.

Man würde dem Roman nicht gerecht werden, ihn auf diese beiden Themen zu reduzieren. Der Roman beschreibt Sehnsüchte, die Macht von Erinnerungen und das Vermögen, diese zu vergessen oder sich auf eine Weise an sie zu erinnern, die einem selbst entspricht. Es ist die Auseinandersetzung Annes mit sich selbst, ihrer Vergangenheit und damit verbunden die Auseinandersetzung mit ihrer Beziehung zu Alexander, der Gegenwart und der Zukunft. Der Roman beschreibt die Notwendigkeit, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, denn allzu oft „spielt man eine Rolle in einem Theaterstück, für das man gar nicht vorgesprochen hat.“

Das Buch, das Anne schreiben will, ist ein Buch über Anne. Und wenn Daniela Engist in ihrem Roman über Anne und ihr Buch schreibt, stellt sie die Protagonistin auf eine bemerkenswerte Art und Weise ins Zentrum ihrer Geschichte – auch wenn viele Namen fallen und es einem wie Anne ergeht und die Namen wieder vergisst – schafft es Engist dadurch die nötige Konstante zu schaffen, um der Leserin mit ihren abschweifenden Gedanken und sich aufdrängenden Fragen ein Erzählstrang und eine Protagonistin zur Verfügung zu stellen, auf den sie sich nach gedanklichen Eskapaden verlassen kann.

Daniela Engist vermag es, eine schöne, nicht betrübende Art der Erinnerung zu wecken, die von einer Angst, diese zu vergessen, begleitet wird. Ebenso ist es beängstigend, auch wenn wohl jeder dieses Gefühl kennt, dass der Roman einem knallhart vor Augen führt, dass kurze Augenblicke und in diesen Momenten nicht beachtete Kleinigkeiten darüber entscheiden, ob das Leben eine entscheidende Wendung nimmt oder nicht. Es sind die „Grenzregionen ohne sichtbare Grenzen“, das Spiel mit der Wahrheit, Versuchung und der Erinnerung, die der Roman auf mehreren Ebenen bespricht und ihn lesenswert machen, es sind lichte Horizonte, obwohl vielmehr von lichten Erinnerungen gesprochen wird. Dennoch scheint die Diskrepanz der aufgeworfenen Themen zu groß und noch nicht in ihrer Reinform besprochen worden zu sein. Wenn die Autorin selber sagt: „Ich glaube ich bin noch nicht ganz fertig mit den Themen, die jetzt in diesem zweiten Buch behandelt werden“ – stimmen wir zu und warten gespannt auf weiteren Lesestoff.


Daniela Engist: Lichte Horizonte
Edition Klöpfer 2021
208 Seiten / 20 Euro

Foto: 1103489 / pixabay.com

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