Wo die Wilden Männer wohnen – Ulrich Becher: Das Herz des Hais

Von Larissa Plath

Was passiert, wenn ein weißer Wal und ein Hai aufeinander treffen? Im Fall von Ulrich Bechers Roman ‚Das Herz des Hais‘, der dritten Becher-Neuausgabe im Schöffling Verlag, ist das Ergebnis dieser Zusammenkunft eine sprachgewaltige Betrachtung grundsätzlicher Lebensfragen.

Man könnte diesen Text damit beginnen, wundersame Wege zu verfolgen, die dazu führen, dass fast vergessene Autor*innen und ihre Werke aus der Versenkung auftauchen und wieder an die Oberfläche des literarischen Interesses gelangen. Man könnte darüber spekulieren, warum gerade Ulrich Becher einer dieser in Vergessenheit geratenen Autoren gewesen ist, der seit der Neuausgabe seines Romans Murmeljagd und der New Yorker Novellen die verdiente Aufmerksamkeit erhält. So könnte man beginnen – oder man lässt Das Herz des Hais für sich sprechen.

Eher schmal kommt der Roman im Vergleich zur monumentalen Murmeljagd daher und enthält doch auf knapp 180 Seiten die geballte Ladung an Becher’scher Kunstfertigkeit. Kunst ist in mehrfacher Hinsicht ein gutes Stichwort: Den 1910 in Berlin geborenen und später im Exil lebenden Schriftsteller verband eine lebenslange Freundschaft mit George Grosz. Becher war der einzige Meisterschüler dieses für seine sozialkritischen Arbeiten bekannten Malers und Karikaturisten. In der Art, wie Becher seinen Roman aufbaut, ist eine Nähe zur bildenden Kunst erkennbar. Es bieten sich Vergleiche mit einer malerischen Bildkomposition an. Elemente der Liebesgeschichte und des Künstlerromans bilden den Rahmen; darauf spannt er eine Leinwand, auf der sich Figuren und Landschaften, gemalt mit temperamentvollen Pinselstrichen und in kontrastreichen Farben, zu einem plastischen Gesamtbild fügen.

Erzählt wird die Geschichte des jungen Basler Künstlerehepaares Turian, eines ebenso exzentrischen wie ungleichen Gespanns. Sie hört auf den klangvollen Namen Lulubé (eine Kombination aus Lulu, abgeleitet von Luise, und dem Initial ihres Mädchennamens Brugger), er erfüllt die Erwartungen an seinen Vornamen Angelus mit einer engelhaften Erscheinung und wird folgerichtig „der Kerubin“ genannt. Lulubés unbändiges Herz schlägt im Takt der Basler Fasnachtstrommeln und für den Stierkampf. Wenn sie malt, dann sind Tiere im Angesicht des Todes ihr bevorzugtes Sujet. Angelus’ ausgeglichenes Temperament drückt sich auf der Leinwand in hellen Farben und zuweilen abstrakten Gebilden aus. Seit zehn Jahren sind sie verheiratet, die leidenschaftliche, schöne Lulubé und der ätherische, sanftmütige Angelus, und obwohl sie durchaus zärtlich von ihrem Mann spricht, so fragt man sich doch, was das ungleiche Paar zueinander geführt hat (vielleicht sind es die berühmten Gegensätze, die sich anziehen?).

Schon zu Beginn des Romans wird klar, dass Lulubés wahres Ideal das des „Wilden Mannes“ ist. Zunächst in kostümierter Gestalt beim Fasnachtsspektakel, begleitet von Trommeln und Kanonen, bahnt er sich über die rechte Rheinseite seinen Weg nach Kleinbasel und in Lulubés Vorstellung. Prophetisch vorweggenommen wird hier die entscheidende Begegnung mit einem anderen „Wilden Mann“, der gewissermaßen auch per Schiff kommt – nicht aus der sagenhaften Stadt Vineta, wie Lulubé es sich ausmalt, sondern aus seiner Heimat England und über das Meer nach den Liparischen Inseln. Dorthin reisen die Turians in jenem Frühherbst, und dort kreuzt der Archäologe John Crossman (der Name ist Programm) ihren und vor allem Lulubés Weg. Wirkt der Engländer, „ein imposant aussehender junger Mann“, nur im Vergleich zum rosigen Angelus „eigentümlich vulkanisch und zugleich lebendig“? Lulubé jedenfalls sieht John als die Verkörperung einer archetypischen Männlichkeit, die sie in diesen Zeiten nicht mehr zu finden glaubte. Dass sich die beiden näherkommen, ist unumgänglich. In prägnanten, eng mit der Naturerfahrung verbundenen Erlebnissen erzählt Becher Lulubés Hinwendung zu John vor dem Hintergrund der strahlenden süditalienischen Landschaft und lässt die Möglichkeit einer sich anbahnenden Liebesgeschichte offen.

Die eindrucksvolle Szenerie birgt aber auch etwas Bedrohliches. Da sind die vom Stromboli-Vulkan aufsteigenden Rauchschwaden auf der Nachbarinsel. Da ist der Schirokko, ein heißer Wüstenwind, der über die Inseln bläst und eine unheilvolle Stimmung mit sich bringt: „Über den Himmel schob sich spinnwebenhaftes Gewölk, durch das die Sonne bleigrau niederbrütete, das Meer schwärzlich schillern ließ wie Obsidian.“ Und da ist ein an den steilen Felsen gelegenes Kastell, das Angelus in abstrakter Form auf die Leinwand bringen will. Nur wenige Jahre zuvor ging eine ganz konkrete Gefahr von diesen massiven Mauern aus, als das Kastell in Zeiten Mussolinis Strafkolonie für Gegner des Regimes war. Mit seiner mehrdeutigen Darstellung der Insellandschaft verwahrt sich Becher gegen eine reine Idealisierung des gerade in den fünfziger Jahren so typischen touristischen Sehnsuchtsortes Italien. Während Becher in der Murmeljagd und in den New Yorker Novellen die Exilerfahrung zum zentralen Thema macht, bildet die Erinnerung an Krieg und Faschismus die bis zur Oberfläche durchscheinende Grundierung des Herz des Hais. Am deutlichsten zutage kommt die jüngste Vergangenheit, wenn John Lulubé von einem kleinen, „relativ jungen“ Massengrab berichtet, auf das die Archäologen bei ihren Grabungen am Kastell gestoßen sind.

Schicht um Schicht lässt Becher so ein Tableau entstehen, auf dem Lulubé ein beweglicher Fluchtpunkt ist. Von Beginn an läuft alles auf ihre Selbstfindung zu. Vorgestellt wird sie uns als „das Lulubé“ („In der deutschen Schweiz sind die Frauen sächlich“ lautet der fulminante erste Satz des Romans), bei John wird sie zu „Louloubay“. Spätestens mit Lulubés Abreise von der Insel – „Ich suche einen Mann. Hautfarbe egal. Einen Mann der Deine Herzensgüte […] im Kopf hat und dazu das Herz eines Hais“, schreibt sie in einem Abschiedsbrief an Angelus – gibt es kein „Es“ mehr. Neben Bechers ironischem Sprachwitz und seinem expressionistisch-verspielten Stil liegt die große Stärke des Romans in seiner Variation bekannter Strukturen und Motive. In dieser untypischen Dreiecksgeschichte ist es nicht der Mann und Künstler, der in der wilden Natur Liparis Inspiration findet und in mehrfacher Hinsicht von der erotisch aufgeladenen Vulkanlandschaft profitiert. Stattdessen ist es die Frau, die in dieser spannungsvollen Umgebung über ihre Suche nach einem ursprünglichen Männlichkeitsbild zur künstlerischen und persönlichen Selbstermächtigung gelangt. Was in umgekehrter, „klassischer“ Konstellation leicht zur klischeehaften Betrachtung des männlichen Künstleregos werden könnte, macht Becher zu einer exzentrischen „Ode an die unerschrockene Frau“ (so der Titel von Eva Menasses Nachwort zur Neuausgabe des erstmals 1960 erschienenen Romans).

All diese Elemente zusammen ergeben noch lange nicht das gesamte Bild. Da ist immer ein Mehr – eine Assoziation, eine weiter ausschmückende Parenthese, eine erzählerische Volte –, Stellen, an denen Becher mit seinem temperamentvollen Pinselstrich über den Rand des Bildes hinaus malt. Dieses Surplus macht den eigentümlichen Becher-Sound aus: Hört man ihn zum ersten Mal, braucht man vielleicht einen Moment, um sich an ihn zu gewöhnen; lässt man sich auf ihn ein, erzeugt er einen ähnlichen Nachhall wie die Fasnachtstrommeln Lulubés.

Eine Frage bleibt noch zu klären: Was hat ein weißer Wal mit dem Ganzen zu tun? Eine jüngst stattgefundene Soiree zu Ulrich Becher spielt im Titel auf Moby-Dick an, als der sich der Schriftsteller selbst bezeichnete: Er sei „ein weißer Walfisch, der auftaucht und wieder verschwindet“, sagte er mit Blick auf seine Rolle in der deutschsprachigen Literatur jener Zeit. Knapp neunzig Jahre nach Erscheinen seines ersten Erzählbandes und dreißig Jahre nach seinem Tod ist der selbsternannte Moby-Dick wieder aufgetaucht, triumphiert über die, die ihn jagten. Wenn das kein guter Zeitpunkt ist, von nun an länger an der Oberfläche zu bleiben. Um es mit seinen eigenen Worten zu sagen: „Den großen Schnauf“, den es dazu braucht, hat er zweifellos.

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Ulrich Becher: Das Herz des Hais
Schöffling 2021
184 Seiten / 20 Euro

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Foto: bremaxim / pixabay.com

Ein Kommentar zu „Wo die Wilden Männer wohnen – Ulrich Becher: Das Herz des Hais

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