Scheitern an der Grenzmauer aus Papier – Joachim Zelter: Die Verabschiebung

Von Meike Bogmaier

Joachim Zelters Roman ,Die Verabschiebung‘ erzählt im episodenhaften Schnelldurchlauf, die Geschichte mehrerer Jahre von Angst, Unsicherheit und Behördenwahnsinn. Eine eindrucksvolle Hommage an den ,Process‘ von Kafka, die eine bloße Neuerzählung bei weitem übertrifft und diese Rezensentin derartig betroffen zurücklässt, dass die Rezension keine Sekunde länger warten kann, als es dauert, das Buch beiseite zu legen.

Fangen wir von vorne an, wenn man denn von einem Anfang sprechen kann: Die Verabschiebung beginnt mit den Eindrücken von Johannes, dem Bruder der Protagonistin, vom Flugzeug, in dem er in diesem Moment sitzt. Doch dort bleiben seine Gedanken nicht stehen. Schnell geht er zu Beschreibungen seiner Schwester Julia, seiner Beziehung zu ihr, ihrer beider Beziehung zu der Familie, ihren Ansichten und Eigenheiten und schließlich zu ihrer Beziehung mit Faizan über. Faizan ist Asylbewerber, ein Geflohener aus Pakistan und Julias Ehemann. Letzteres erfährt die Leserin jedoch erst in der Mitte des Buches, denn ohne es zu bemerken hat sie mit Julia, Faizan und Johannes schon mehrere Jahre durchlebt.

Man folgt Johannes’ Strom von Gedanken und kommt währenddessen auch Julia und Faizan nahe. Johannes beschreibt wie die beiden sich kennenlernten, wie sie sich verliebten, wie Faizan die Eltern der Geschwister trifft und wie Julia Faizan schließlich heiratet, damit er nicht abgeschoben werden kann. Und das, obwohl sie niemals heiraten wollte. In diesem Teil des Buches sind die kafkaesken Momente besonders stark: Julia wandert von Anwalt zu Anwalt, bezahlt horrende Summen ohne, dass sie dafür wirkliche Hilfe erlangt. Ein Mitarbeiter vom Ausländeramt prüft ihre Ehe und vor allem die Wohnung auf ihre Beständigkeit mit einer derart peniblen Aufdringlichkeit, die an das erinnert, was über die Stasi bekannt ist. Und in dem Moment, da man sich mit Faizan und Julia in Sicherheit wiegt, wird er in einer Nacht und Nebelaktion ausgewiesen. „Wäre Faizan an diesem Abend nicht so früh nach Hause gekommen, dann hätte man ihn gar nicht angetroffen.“ 

Genau dieses „hätte“, „wäre“, „würde“, „wenn“, mit welchem Kafka gleichzeitig in seinen Bann zieht, aber eben auch quält, das hat Joachim Zelter perfekt hinbekommen. Denn mit der Ausweisung ist es nicht genug. Julia, die nach wie vor dem Passierschein A38, wie man ihn aus Asterix und Obelix kennt, hinterherjagt, und gleichzeitig eine Flut an fiesen Briefen in der Manier „selber Schuld“ und weise Ratschläge von Familienmitgliedern und Freunden über sich ergehen lassen muss, reist nach Pakistan. Und dann wird endlich alles gut. Sie ist mit Faizan zusammen und schickt tolle Bilder und glückliche Nachrichten an ihren Bruder. 

Aber Zelter lässt die Leserin natürlich nicht mit einem Happy End davonkommen. Oh nein! Mit der zunehmenden Vereinnahmung der Welt durch das Coronavirus gibt es immer weniger Lebenszeichen von Julia, bis sie sich irgendwann gar nicht mehr meldet und auch nicht mehr erreichbar ist. Also endet man dort, wo alles angefangen hat, mit Johannes im Flugzeug umgeben von Masken. Und plötzlich ist da keine Hoffnung mehr, dass es in diesem Roman um die Überwindung von Schwierigkeiten gehen könnte, sondern bloß die traurige Gewissheit, dass es immer noch schlimmer geht, auch wenn das Ende offen bleibt.

Zelter hat es auf eindrucksvolle Weise geschafft, aufzuzeigen, dass wir die Zwei-Klassen-Gesellschaft nicht überwunden haben, sondern, dass sich deren Kategorien bloß immer wieder verschieben. Asylbewerber und Staatsbürger, wir und die Anderen oder eben das momentane Geimpft- oder Nicht-Geimpftsein. Vor allem in einer Bürokratie – und ich benutze dieses Wort hier als Staatsform –, wie Deutschland eine ist, scheinen Lebewesen viel zu oft kategorisiert, klassifiziert und katalogisiert zu werden. Auf dem Papier haben wir alle möglichen Rechte, aber was sind die schon wert, wenn im Kleingedruckten oder in anderen Paragraphen das Gegenteil steht? Wenn wir in einer Demokratie leben, in der sich ein Innenminister öffentlich zu seinem Geburtstag darüber freuen darf, dass am selben Tag seinem Alter entsprechend viele Asylbewerber abgeschoben werden und dann trotzdem im Amt bleibt, was bedeuten dann Antirassismus-Bekenntnisse der Regierung? Wenn man 2021 ein Buch veröffentlichen kann, das eine verdächtig ähnliche Geschichte erzählt wie ein Roman von 1925, was sagt das dann über Hoffnung, Fortschritt und Weiterentwicklung aus?

Dieses Buch lässt mir als Leser nicht mehr die Möglichkeit in meiner Illusion vom Happy End, vom guten sicheren Leben, von Kontrolle zu leben. Es haut mir solange Beispiele für Eingriffe des Staates in die Rechte von Privatpersonen um die Ohren, bis ich auch ganz sicher aufgewacht bin. Und dann lässt es mich desillusioniert und allein zurück. Joachim Zelters Die Verabschiebung hat etwas hoffnungslos Realistisches. Wenn Sie also weiter in ihrer heilen Welt leben wollen, sollten Sie es besser nicht lesen. Allerdings verpassen Sie dann ein wirklich großartiges Buch.

* * *


Joachim Zelter: Die Verabschiebung
Edition Klöpfer 2021
160 Seiten / 18 Euro

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Foto: pixabay.com

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