Noch ein Autorenschicksal – Alem Grabovac: Das achte Kind

Von Florian Wernicke

Autofiktion liegt im Trend und das Interesse an Büchern, deren Geschichte in erster Linie die ihrer Autoren abbilden, ist entsprechend hoch. Alem Grabovac legt mit ‚Das achte Kind‘ ein Buch vor, das Biografie, Weltgeschichtliches und die Suche nach der eigenen Identität im Spannungsfeld kultureller und sozialer Differenz behandelt. Ob die Schilderung eines weiteren Autorenschicksals die versprochene Leselust einwirbt und den auf dem Romanrücken aufgebrachten Lobeshymnen bekannter Literaturvertreter gerecht wird, kann man beim Weiterlesen erfahren.

In Das achte Kind erzählt der 1974 geborene Alem Grabovac eine Geschichte, die er gut kennt, denn es ist seine eigene. In seinem Roman zeichnet er in drei Abschnitten das Aufwachsen und Leben in zweierlei Welten: Zwei Welten, die in der Herkunft ihrer jeweiligen Bewohner, deren Lebenswegen und -ansichten nicht unterschiedlicher hätten sein können und die zugleich häufiger in Deutschland vorkommen, als viele von uns es im Alltag wahrnehmen. Alem Grabovac ist der Sohn sogenannter Gastarbeiter, die aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland kamen und sich dort begegneten. Mutter Smilja wünscht sich ein besseres Leben und arbeitet in einer Würzburger Schokoladenfabrik. Vater Emir ist unberechenbar, trinkt, spielt, wütet, stiehlt, betrügt und verschwindet schließlich nach kurzem Abschied. Schon bald nach der Geburt ist Smilja Grabovac klar, dass sie allein nicht für ihren Sohn wird sorgen können und entschließt sich, ihn in eine Pflegefamilie zu geben. So wächst Alem in der Obhut strenger, aber geordneter Verhältnisse einer deutschen Großfamilie auf. Als achtes Kind ergänzt er die Familie, die sieben eigene Kinder hat.

Als Kind malt Alem Panzer, entwickelt sogar eine Art differenziertes Spezialwissen zu Typen und Funktionen dieser Kriegsmaschinen. Gleichzeitig erfährt er vom Großvater mütterlicherseits von den menschlichen Verwüstungen des zweiten Weltkriegs. Ein Widerspruch, der die Suche nach Zugehörigkeit und Identität und nicht zuletzt das gesamte Buch prägt. Mit zunehmendem Alter begehrt er gegen den verherrlichten und revisionistischen Nazismus seines Ziehvaters auf, versucht seinen eigenen Platz zwischen den ihn umgebenden Kulturen, Erzählungen und Deutungen zu bestimmen. Zugleich will die Figur Alem auch in die Geschichte seines leiblichen Vaters verstehen, dessen Spuren sich in einem berüchtigten jugoslawischen Gefängnis für politisch Gefangene verlieren.

Das Buch gewinnt seine Kontraste im Widerspruch des bürgerlichen Alltags der Pflegefamilie zu den Wochenenden bei der leiblichen Mutter und ihrem neuen, gewalttätigen und ebenfalls alkoholsüchtigen Freund, der Mutter und Stiefsohn terrorisiert. Zum anderen ist es die Gleichzeitigkeit konkurrierender und zum Teil unvereinbarer Anpassungsherausforderungen, in denen sich der junge Alem zu beweisen hat: Während sein Stiefvater noch immer warme Gefühle für das Leben und die politische Prominenz Nazi-Deutschlands hegt, sind es die lebendigen Berichte des Großvaters aus dem Partisanenkampf gegen die Nationalsozialisten und die darin erfahrbare Unmenschlichkeit, die den Heranwachsenden und den Pflegevater zu ideologischen Gegnern werden lassen.

Obwohl das Leben in der Pflegefamilie Alem Grabovac einen sozialen Aufstieg ermöglicht und ihm so einen Ausweg aus dem ihn umgebenden „angeborenen“ Milieu ermöglichst, stellt er das Politische über diesen Achtungserfolg und distanziert sich später von seiner Pflegefamilie. Nicht aber, ohne dankbar zu sein.

Sprachlich und erzählerisch bietet das Buch nicht viel – vielleicht noch etwas weniger. Repetitive Bilder reihen sich an oft schlicht komponierte und lakonisch klingende Textpassagen mit überflüssig wirkenden Details, in denen sich raues Erinnerungsmaterial mit sinnsuchenden Motiven vermischen. Am Ende überwiegt jedoch das Gefühl, dass man an jedem beliebigen Punkt wieder einsteigen könnte. Da hilft auch der nur wenig detaillierte Versuch einer zeitgeschichtlichen Einordnung der Ereignisse im ehemaligen Jugoslawien und der dort schwelenden Konflikte nicht, die sich spätestens zu Beginn der 1990er-Jahre vor den Augen Europas entladen sollten. 

Die Charaktere seines Buches will Grabovac anscheinend nicht so recht anpacken, nicht beschädigen. Warum so zurückhaltend? Besonders fragwürdig ist dies hinsichtlich der exzessiv gewalttätigen Vaterfiguren im Haushalt der Mutter, die außer Verwüstung nicht viel Gutes zu einem noch jungen Leben hinzuzugeben wussten. Der eine wird nach vielen zähen Seiten in seiner „Altersmilde“, geläutert wovon auch immer, als einsichtiger, nicht besonders kluger „Mann seiner Klasse“ eingefangen. Dem verlorengegangenen leiblichen Vater reist er nach. Das Buch endet mit einem Monolog des mittlerweile erwachsenen Alem an der Grabeskante des Vaters. Nicht gerade gelungen.

Warum? Weil das Buch einen wenig schmeichelhaften Eindruck erweckt: In der Zurückhaltung jeder Verurteilung gegenüber den Gewalttätern schwingt eine Art stillen Mitleids für diese mit. Als wären sie lediglich bemitleidenswerte Produkte ihrer eigenen Geschichte. Statt sich allein an der zurecht kritisierten Figur des Pflegevaters abzuarbeiten, wäre eine kritische Aufarbeitung jener unversöhnlichen Handlungen der anderen beiden Erziehungsexperimentatoren sicher eine Option gewesen, um das als falsch zu benennen, was in dieser Weise benannt werden müsste. Oder besser gleich ein Buch über jene schreiben, die den Autor zum Schreiben dieses Buches befähigten – zum Beispiel über das offenbar verzichtreiche und belastete Leben der Mutter, die einem in der Geschichte selbst nur als literarisches Begleitwerk serviert wird. Damit bleibt das Buch auf der Strecke und ist eine Bühne für schwache Kerle mit rauer Schale und zugeschriebenem weichem Kern, denen noch einmal in die Seele zu schauen sich anscheinend lohnt, nachdem sie sich am Leben ausgetobt haben.

Lesen kann man Das achte Kind schnell. Sollte man auch, wenn man es denn wirklich bis zum Ende möchte. „Ein seltsames Leben hast Du mir da eingebrockt. Ein wirklich seltsames.“ Dieser dem Vater zugeschriebenen Satz könnte stellvertretend für den Versuch stehen, etwas wirklich Bewegendes aus diesem reichen Stoff zu machen, der dem Buch zugrunde liegt. Vielleicht war es ein Fehler, einen Roman aus etwas machen zu wollen, das dann doch zu persönlich ist. Es scheint, als bliebe so wenig Raum für eine kreative Zurücknahme, die es einem der Charaktere erlaubt hätte, sich zu entwickeln. Den „ganz großen Bildungsroman“, wie man Maxim Biller auf dem Buchrücken laut hat sagen lassen, lässt sich in Das achte Kind nicht ausmachen. Dafür hoffe ich aber auf ein weiteres, bitte nicht autobio…, autofiktio… autofixiertes Buch des Autors, der sicher mehr als diese Geschichte zu erzählen hat.

* * *


Alem Grabovac: Das achte Kind
Hanser blau 2021
256 Seiten / 22 Euro

Kaufen im Shop der

#supportyourlocalbookstore

Foto: Fotografie / pixabay.com

Ein Kommentar zu „Noch ein Autorenschicksal – Alem Grabovac: Das achte Kind

  1. „Sprachlich und erzählerisch bietet das Buch nicht viel – vielleicht noch etwas weniger.“ – Nun ja, ich sage mal, es gehört schon eine Portion Selbstbewusstsein dazu, sich mir einem bisherigen Lebenswerk von zwei Romanen (d.h. ich weiß gar nicht, welchem Genre „Der 53. Brief“ zuzurechnen ist), einer davon autobiografisch, Schriftsteller zu nennen. Vielleicht nennt ihn ja auch nur der Verfasser des Wikipedia-Artikels so. Im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek stehe ich auch, würde mich aber unterstehen, …

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